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Stiegler, Anna Sophie Marie Auguste, geb. Behrend

21.4.1881 in Penzlin/Güstrow – 23.6.1963 in Bremen

Anna war das Kind einer Landarbeiterfamilie in Mecklenburg. Durch eine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend wurde sie schon früh für soziale Ungerechtigkeit sensibilisiert. Da ihr die Ausbildung als Lehrerin aus finanziellen Gründen versagt blieb, ging sie als „Kinderfräulein“ in Stellung. Über mehrere Stationen kam sie in das damals noch preußische Blumenthal, wo sie den in der SPD organisierten Schneidermeister Konrad Vogt heiratete. Das Paar hatte eine Tochter, die schon im frühen Kindesalter starb.

Ihr politisches Interesse wurde durch ihren Mann und mehr noch durch die eifrige Lektüre der sozialdemokratischen Bremer Bürgerzeitung (BBZ) geweckt, die in der Blumenthaler Industriearbeiterschaft viel gelesen wurde. Zum Schlüsselerlebnis wurden ihr der mit Clara Zetkin 1904 in Bremen durchgeführte SPD-Parteitag und die sozialdemokratische Frauenversammlung, die einen Tag zuvor im selben Saal im Casino in der Straße Auf den Häfen getagt hatten. Sie meldete sich 1905 bei der SPD an, engagierte sich schon inoffiziell in der Blumenthaler SPD-Frauengruppe, durfte offiziell aber erst drei Jahre später nach dem Fall des die Frauen ausschließenden Reichsvereinsgesetzes aktiv werden. Sie wurde in Blumenthal zur „weiblichen Vertrauensperson“ und kurz darauf bereits zur zweiten Vorsitzenden des Distrikts Neurönnebeck in Bremen-Nord gewählt.

Ihre Ehe scheiterte. Sie lernte den Buchdrucker Carl Stiegler kennen, ebenfalls ein Sozialdemokrat, den sie 1917 nach der Scheidung heiratete und mit dem sie nach Bremen zog. Bei der Spaltung der politischen Arbeiterbewegung während des 1.Weltkrieges schloss sie sich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an, die sich 1917 von der SPD wegen deren kriegsunterstützender Politik abgespaltet hatte. Die engagierte, beherzt auftretende Frau wurde von dieser Partei für die Wahl zur Bremischen Nationalversammlung aufgestellt, die die neue Verfassung ausarbeiten sollte. Am 9.3.1919 gehörte sie zu den ersten achtzehn Frauen, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts am 12.11.1918 Bremen intern zu Volksvertreterinnen gewählt wurden; auf Reichsebene hatten Frauen schon am 19.1. gewählt. Sie blieb bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 – immer wieder aufgestellt, immer wieder gewählt – Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, ab 1922 nach der „Wiedervereinigung“ von USPD und SPD als Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion.

Ihre beiden Lebensaufgaben sah sie darin, „Hilfe denen zu bringen, die Hilfe benötigten und zum anderen Frauen über ihren engen Wirkungskreis in Familie und Beruf an die größere Gemeinschaft heranzuführen“.[1] Von Anfang an verband sie sozialpolitisches Engagement mit frauenpolitischen Zielsetzungen, die sie sowohl auf Parteiebene – als Vorsitzende der SPD-Frauengruppe – als auch auf parlamentarischer Ebene umzusetzen versuchte. Sie war eine aktive Abgeordnete, eine gute Rednerin, die in den zwanziger Jahren zahlreiche Anträge zugunsten sozial Benachteiligter und zur Unterstützung von Frauen einbrachte. Z.B. forderte sie die Einstellung weiblichen Personals bei der Gewerbeinspektion zum Schutz von Frauen in Betrieben oder sie wandte sich gegen die Kasernierung von Prostituierten.

1933 ging sie nicht in die „innere Emigration“, sondern leistete Widerstand. Gleich nach dem Sieg der braunen Machthaber organisierte sie zusammen mit anderen Sozialdemokratinnen Unterstützungsaktionen für die Familien politischer Gefangener. Außerdem hielt sie Versammlungen ab, die, als gesellige Frauennachmittage getarnt, illegales Material diskutierten und verteilten. Als Mitglied des illegalen Bremer SPD-Parteivorstands hielt sie Kontakt zu verschiedenen Widerstandszirkeln und galt deshalb bei den Nazis als besonders gefährlich. Nach Verrat durch einen Spitzel in ihrer Gruppe wurde sie 1935 mit anderen Genossen und Genossinnen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Das hieß fünf Jahre Frauenzuchthaus Lübeck und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre. In Lübeck hatten sie und ihre ebenfalls verurteilte Genossin Hermine Berthold Kontakt zu der Bremer Kommunistin Käthe Popall, die auch wegen Widerstandstätigkeit inhaftiert war. Ihr Mann, der als nicht so gefährlich eingestuft wurde, erhielt nur zwei Jahre Zuchthaus. Nach Verbüßung der „Strafe“ wurden beide in unterschiedlichen Konzentrationslagern in „Schutzhaft“ genommen. Anna musste fünf furchtbare Jahre im Frauen-KZ Ravensbrück verbringen, das sie erst unmittelbar vor Kriegsende verlassen konnte. Sie wurde mit vielen anderen auf den sogenannten Todesmarsch geschickt, den sie überlebte; eine Bauersfamilie nahm sie auf und versorgte sie.

Bei ihrer Rückkehr nach Bremen im Januar 1946 musste sie erfahren, dass ihr Mann im KZ Bergen-Belsen umgekommen war. Trotz dieses Schicksalsschlages wollte sie gleich wieder politisch aktiv werden. Es gelang ihr, die verstreuten Mitglieder der SPD-Frauengruppe wieder um sich zu versammeln. Alle wollten mit ihrer Partei zusammen ein neues demokratisches Bremen aufbauen. Außerdem gründete sie mit einer Gruppe Frauen unterschiedlicher politischer Herkunft im März 1946 den überparteilichen Bremer Frauenausschuss (BFA), der den äußeren und inneren Neuaufbau der Hansestadt mit gestalten wollte. Sie galt besonders bei den jüngeren Mitgliedern, die erst nach 1945 in die Frauenarbeit einstiegen, als erfahrene Frauenrechtlerin, auf deren Ansichten sie hörten. Sie gehörte dem BFA bis 1960 an.

Die Bremer SPD nutzte das politische Potenzial dieser Frau und stellte sie im Oktober 1946 für die erste frei gewählte Bürgerschaft auf. Sie zog wie vor 1933 als Abgeordnete in die Bremische Bürgerschaft ein. Auch schon in die ein halbes Jahr zuvor von der Besatzungsmacht eingesetzte Bürgerschaft hatte ihre Partei sie geschickt. Sie blieb Mitglied des Landesparlaments bis kurz vor ihrem Tod und war lange Jahre Sprecherin der Deputation für das Wohlfahrtswesen, heute Sozialdeputation. 1947 wurde sie zur zweiten Vizepräsidentin der Bremischen Bürgerschaft gewählt. Die ganze Zeit ihrer Abgeordnetentätigkeit über blieb sie Mitglied des Bürgerschaftsvorstands. Wie schon vor 1933 setzte sie sich für Frauenrechte ein, z.B. für eine Liberalisierung des § 218 des Strafgesetzbuchs. Sie wies auf die herrschenden katastrophalen Lebensverhältnisse hin, die dazu geführt hätten, dass dieser Paragraf „durch die Verzweiflung der Frauen in der Realität längst überrannt“ sei.[2] Um die Frauen vor lebensgefährlichen illegalen Abtreibungspraktiken zu schützen, müsse dringend zumindest eine teilweise Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs erfolgen. Folgerichtig plädierte sie für Geburtenkontrolle und setzte sich in der Bürgerschaft eindringlich für einen Zugang zu Verhütungsmitteln zu erschwinglichen Preisen ein.

Ebenso unverkrampft ging sie an das Problem der sogenannten gefährdeten Mädchen heran. Heimatlose und durch den Krieg entwurzelte junge Mädchen, die sich aus Not zum Teil prostituierten, gab es in den Nachkriegsjahren, wie in allen Großstädten, so auch in Bremen. Anna Stiegler setzte sich für menschenwürdigen Umgang mit ihnen ein und lehnte selbstgerechte moralische Verurteilung ab. Ein weiterer sozialpolitischer Schwerpunkt wurde in den 50er Jahren Politik für ältere Menschen; als Sprecherin der Sozialdeputation arbeitete sie hier sehr eng mit der langjährigen Sozialsenatorin Annemarie Mevissen zusammen. So war sie auch 1953 bei der Gründung der Bremer Heimstiftung beteiligt, die heute noch zahlreiche Altenwohnheime in Bremen betreibt.

Überzeugt von der Existenz eines „natürlichen“ weiblichen Pazifismus, war ihr außer den genannten Politikfeldern der Einsatz für den Frieden in der Welt ein wichtiges Anliegen. „Frauen als Wegbereiterinnen für Frieden und Völkerverständigung“ war z.B. eine Rede vor hochrangigen ausländischen Besucherinnen betitelt.[3] Unter ihrer Leitung veranstaltete die Bremer SPD-Frauengruppe in den 50er Jahren jährliche Friedenskundgebungen aus Anlass des Internationalen Frauentages. In der Bürgerschaft geißelte sie mit eindrucksvollen Worten die Atombombenversuche der verschiedenen Staaten, wie sie überhaupt in öffentlichen Reden eine Ächtung der militärischen Nutzung der Atomenergie forderte. Entsprechend engagierte sie sich auch sehr intensiv in der „Kampf dem Atomtod-Bewegung“, mit der die SPD 1958 zusammen mit DGB und Evangelischer Kirche die von der Bundesregierung unter Adenauer angestrebte Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen bekämpfte.

Diese begabte und mutige Frau war wie keine Politikerin und kein Politiker frei von menschlichen Schwächen und Eitelkeiten. Jüngere Sozialdemokratinnen, die nicht unbedingt ihre Linie vertraten, hatten es schwer, neben ihr Parteiämter und Mandate zu erlangen. Die Tragik ihrer letzten Lebensjahre bestand darin, dass sie den richtigen Zeitpunkt für einen Rückzug aus der aktiven Politik verpasste. Unverständnis bei den anderen und Kritik hinter vorgehaltener Hand waren die Folge.

Sie starb im 83.Lebensjahr, bis fast zum Schluss Mitglied der Bremischen Bürgerschaft.

Der Senat ehrte ihr Andenken am 28.6.1963 durch einen feierlichen Staatsakt im Rathaus – eine Ehre, die bis dahin noch keiner Frau zuteil geworden war. An der Feier nahmen auch ehemalige Mithäftlinge aus Ravensbrück teil, die ihr seinerzeit im KZ den Beinamen „Engel von Ravensbrück“ verliehen hatten, weil sie sich um schwächere Frauen gekümmert und vielen immer wieder Mut zugesprochen hatte.

Die Anna-Stiegler-Straße im Ortsteil Kattenturm ist nach ihr benannt. Ein Wandbild an der Schule an der Carl-Goerdeler-Straße in der Vahr und am Bunker in der Admiralstraße (Darstellung von bremischen Persönlichkeiten aus dem NS-Widerstand) erinnern heute an diese bedeutende Bremer Politikerin. Eine KiTa in der Waller Straße trägt ihren Namen, im Stiftungsdorf Blumenkamp der Bremer Heimstiftung in St. Magnus gibt es ein Anna-Stiegler-Haus.

Anmerkungen:
[1] Weser Kurier vom 22.4.1956.
[2] Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft 10.7.1947.
[3] Rede gehalten am 15.11.1951, StAB 7,1077-47.

Literatur und Quellen:
Adamietz, Horst: Das erste Kapitel. Bremer Parlamentarier 1945-1950, Bremen 1975, passim.
Adamietz, Horst: Die fünfziger Jahre. Bremer Parlamentarier 1951-1959, Bremen 1978, passim.
König, Johann-Günther: Anna Stiegler, in: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981, S.277-321.
Meyer-Braun, Renate: Anna Stiegler, in: dieselbe (Hrsg.): Frauen ins Parlament! Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft, Bremen 1991, S.238-266.
dies: Anna Stiegler, in: Behrens, Verena/Menger, Gisela (Hrsg.): Starke Frauen – radikal sozial und demokratisch. Ein Dialog mit 150 Jahren Bremer Geschichte, Bremen 2014, S.65-89.
dies.: Bremer Sozial- und Bildungspolitikerinnen: Agnes Heineken (1872-1954), Dr. Elisabeth Lürssen (1880-1972), Anna Stiegler (1881-1963), Annemarie Mevissen (1914-2006). in: Lars U. Scholl (Hrsg.), Regionale Herkunft und nationale Bedeutung. Leistungen Bremer Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik. Kultur und Theologie, Jahrbuch der Wittheit zu Bremen 2010/2011, Bremen 2012.

Renate Meyer-Braun