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Todtenhaupt, Frida, geb. Turner

13.3.1915 in Scharkabude (Kreis Schlossberg Ostpreußen) – 2.11.1994 in Bremen

Frida wuchs mit vier Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof in Ostpreußen auf,[1] besuchte nach der Schule die Landwirtschaftliche Frauenschule und sah ihre Zukunft als die einer Bäuerin. Doch lernte sie während eines Manövers einen aktiven Offizier kennen, den sie 1936 mit 21 Jahren heiratete und mit dem sie nach Gumbinnen zog. Der Wechsel vom Land in die Stadt war nicht ganz leicht für sie.

Ihr Mann fiel bereits im Juni 1941, am vierten Tag nach dem Überfall auf die Sowjetunion, so dass sie, inzwischen Mutter von drei Kindern, mit 26 Jahren schon Witwe war. Als die Front näher kam, flüchtete sie mit ihren Kindern – zwei, vier und sechs Jahre alt – mit einem Transport, der Anfang 1945 in der Nähe von Dresden Halt machte. Zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen wurde die Familie für knapp zwei Jahre im Schloss Wechselburg einquartiert. Das Kriegsende, als die einrückenden Amerikaner die deutschen Soldaten entwaffneten, empfand sie als bitter und demütigend. Als verabredungsgemäß die Russen die Amerikaner als Besatzer ablösten, hatte sie aber auch positive Erlebnisse mit kinderfreundlichen russischen Soldaten.

Es herrschte ein furchtbarer Mangel an Nahrungsmitteln, so dass sie sich im Oktober 1946 mit anderen Flüchtlingen aus Sachsen auf den Weg in Richtung Grenze zu den Westzonen machte. Die „Reise“ muss äußerst beschwerlich gewesen sein, abwechselnd lange Fußmärsche und kurze Fahrten in unregelmäßig verkehrenden Zügen. Sie schob den Kinderwagen mit zwei Kindern, hatte eins an der Hand und dazu noch diverse Gepäckstücke irgendwie untergebracht. Mit viel Glück kam sie über die Grenze der sowjetischen Zone, andere mussten zurück. Über ihre Eltern wusste sie, dass sie in der Nähe von Rotenburg bei Bremen untergekommen waren. Es handelte sich um das Dorf Stapel. Dorthin wollte sie. Sie kam mitten in der Nacht auf dem Bahnhof Sottrum an, wo sie mit ihren Kindern den Rest der Nacht auf dem steinigen Fußboden verbrachte. Am nächsten Morgen erwischte sie ein Fuhrwerk, das sie nach Stapel brachte, wo es ein freudiges Wiedersehen mit den Eltern gab.

In den nächsten Jahren arbeitete sie auf dem Hof des Bauern, bei dem sie mit ihren Kindern einquartiert war, und auch bei anderen Bauern, wenn die Hilfe brauchten. So konnte sie sich und die Kinder mit dem in Materialien ausgezahlten Lohn ernähren. Nebenbei strickte sie viel und verkaufte Socken und Pullover an die Dörfler. Sie gab sogar Handarbeitsunterricht an der örtlichen Schule. Durch ihre zupackende und offene Art gewann sie bald Kontakte zu den Einheimischen und erlebte nach eigener Aussage keine Diskriminierung wie andere Flüchtlinge.

Ihr Ziel war aber Bremen, wo es ihr nach vielen vergeblichen Versuchen, eine Wohnung zu finden, 1950 schließlich gelang, am Stadtrand bei einem Bauern in Arbergen unterzukommen. Dort arbeitete sie wieder in der Landwirtschaft und fand wie zuvor Kunden für Selbstgestricktes. Der Kontakt war über ihre Schwester zustande gekommen, die einen Arberger Landwirt geheiratet hatte. Auch ein Bruder war im Bremischen sesshaft geworden: Er arbeitete als Lehrer in Fischerhude. Bei ihm hatte sie zuvor, als sie noch in Stapel bei Rotenburg wohnten, ihre inzwischen zehnjährige Tochter untergebracht, weil die von dort leichter die Oberschule an der Kleinen Helle in Bremen erreichen konnte, an der sie die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Von Arbergen aus war der Schulweg für die Tochter dann unproblematischer. Sie hatte also das große Glück, Familie in der Nähe zu haben, die ihr auf verschiedene Weise helfen konnte. 1952 verbesserte sich ihre Situation, sie bekam endlich ihre Rente nebst einer anständigen Nachzahlung und konnte durch einen Glücksfall in Bremen-Stadt, in der Bennigsenstraße, eine drei-Zimmer-Wohnung übernehmen.

Jetzt wollte sie sich um andere kümmern. Sie nahm Kontakt zu der 1948 in der Schule an der Hermann-Böse-Straße gegründeten Landsmannschaft Ostpreußen auf, wo sie sich bald als Sozialreferentin des Verbandes in Bremen-Mitte und ab 1958 als Sozial- und Frauenreferentin der Landesgruppe Bremen um die materiellen und seelischen Nöte anderer geflohener oder vertriebener Landsleute kümmerte, besonders der älteren und ganz armen unter ihnen. Sie half ihnen, sich besser zu integrieren und nicht länger trüben Gedanken an die verlorene Heimat nachzuhängen. All das tat sie auch im Rahmen einer eigenen Frauengruppe, die sie innerhalb der Bremer Landsmannschaft der Ostpreußen gründete. In Kooperation mit dem 1946 gegründeten Bremer Frauenausschuss hielt sie auch Kontakt zu anderen Bremer Frauengruppen, die nicht aus dem Flüchtlingsmilieu stammten. Als ihre Kinder größer waren, baute sie überall im Bundesgebiet Frauengruppen innerhalb der ostpreußischen Landsmannschaften auf. 1968 wurde sie zur Bundesvorsitzenden aller ostpreußischen Frauengruppen gewählt und war damit Mitglied im Bundesvorstand der Landsmannschaft Ostpreußen.

Einen Beruf hat sie neben ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten nie ausgeübt, denn sie wollte als alleinerziehende Mutter ihre Kinder nicht zu „Schlüsselkindern“ machen.

In ihrer Eigenschaft als Verbandsfunktionärin hat sie sich nicht an revanchistischen Überlegungen beteiligt, war vielmehr realistisch genug, eine Rückkehr in die alte Heimat auszuschließen. So unterhielt sie auch noch im Alter Kontakte zu polnischen und russischen Familien, die im ehemaligen Ostpreußen heute zu Hause sind. Landsleute, die nicht in den Westen gegangen waren, unterstützte sie zusammen mit anderen durch zahllose Paketaktionen, die auch von staatlicher Seite gefördert wurden. Wichtig war es ihr, die Erinnerung an ostpreußisches Kulturgut und Brauchtum zu bewahren. So vermittelte sie in Werkkursen Kenntnisse ostpreußischer Textiltechniken, z.B. besondere Arten des Strickens und Webens. Sie soll stets humorvoll und anschaulich von der alten Heimat erzählt haben, niemals wehleidig und so auch Brücken der Verständigung zwischen einheimischen Bremern und gebürtigen Ostpreußen gebaut haben.[2]

Einen großen Teil ihrer Zeit widmete sie lange, auch noch, als es ihr gesundheitlich schon nicht mehr gut ging, den Aussiedlern aus den ehemaligen Ostgebieten, die in den 70er und 80er Jahren nach Bremen kamen. Sie besuchte sie häufig im Übergangswohnheim in Lesum und auch noch, als sie Wohnungen gefunden hatten, stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite, übernahm Behördengänge für sie und mit ihnen, sammelte wie auch schon in den 50er Jahren für die Flüchtlinge aus Nachlässen Kleidung und Hausrat – „mein Schlafzimmer sah immer wie ein Lagerschuppen aus“.[3]

Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde ihr auf Vorschlag des Vorsitzenden der Bremer Landsmannschaft Ostpreußen vom Bundespräsidenten das Bundesverdienst am Bande verliehen. Sozial- und Jugendsenator Henning Scherf überreichte ihr den Orden am 2.11.1983 in der Güldenkammer im Bremer Rathaus.

Frau Todtenhaupt nahm Ende der 80er Jahre regen Anteil an den Veränderungen im Ostblock und hoffte auf ein Ende der politischen Konfrontation, mit Sicherheit nicht aber auf eine Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Ostgebiete.

Sie starb, geschätzt von alten und neuen Bremern, im 80.Lebensjahr. Ihre drei Kinder, die während der schweren Zeit der Flucht und der ersten Nachkriegsjahre ihren Lebens- und Durchhaltewillen aufrechterhalten hatten, lebten längst mit eigenen Familien an verschiedenen Orten außerhalb Bremens.

Anmerkungen:
[1] Viele Informationen stammen aus einem ausführlichen Interview, das sie im Rahmen eines Hochschulseminars der Verfasserin am 2.5.1991 einer Studentin gegeben hat.
[2] Waltraud Bartholomeyczik, Begegnung mit Frida Todtenhaupt, in: Heinrich Lohmann (Hrsg.), „Und ich bitte meine Sehnsucht, dass sie ohne Klagen sei!“. Bremens Ostpreußen 1948-2008, Bremen 2008.
[3] Wie Anm.1.

Literatur und Quellen:
Bartholomeyczik, Waltraud: Begegnungen mit Frida Todtenhaupt. In: Heinrich Lohmann (Hrsg.), „Und ich bitte meine Sehnsucht, Bremen 2008.
Interview mit Frida Todtenhaupt am 2.5.1991 i.R. eines Seminars der Verfasserin an der Hochschule Bremen.
Senatskanzlei Bremen Ordensvorgang Frida Todtenhaupt hinterlegt im Staatsarchiv Bremen 4/63/1-111-22/1-330.
WK 3.11.1983 „Vielen Vertriebenen geholfen. Frida Todtenhaupt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet“.

Renate Meyer-Braun