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Vietor, Anna Magdalena Antoinette

18.4.1860 in Bremen – 10.2.1929 in Bremen

Anna war das erste Kind des Pastors Cornelius Rudolf Vietor (1814 – 1897) und seiner Ehefrau Adelheid, geb. Luce (1831-1865); 1861 wurde ihr Bruder Johann Karl Josef (1861-1934) geboren, 1863 Cornelius Rudolf (1863-1932). Der jüngere Bruder war später Kaufmann, der ältere – wie sein Vater – Pastor.

Nach dem Besuch der Elementarschule von Meta Müller gehörte Anna zu den ersten Schülerinnen der 1870 gegründeten Höheren Mädchenschule von Helene Laweg; ihre berufliche Ausbildung begann sie bei den Diakonissinnen in Kaiserswerth und legte dort 1879 ihr Examen für das Lehramt an mittleren und höheren Mädchenschulen ab.

Von 1879 bis 1881 unterrichtete sie die Kinder einer Familie in Wernigerode, bis 1884 im Institut des Diaconesses in Florenz, war danach wieder in Wernigerode tätig, um nach einjährigem Italienischunterricht in Bremen, einem Aufenthalt in Rom und dem Erwerb der Lehrbefähigung in italienischer Sprache 1889 in Berlin sich endgültig in Bremen niederzulassen. Zunächst war sie Aushilfslehrerin an der ihr vertrauten Schule von Helene Laweg, ab 1891 – unter der neuen Leiterin Sophie Petri – fest angestellte Lehrkraft.

Ihr Aufstieg zur Schulleiterin, Schulgründerin und bedeutenden Mädchenschulpädagogin begann damit, dass sie 1897 das Examen für Leiterinnen Höherer Mädchenschulen ablegte und zwei Jahre danach die Schule von Sophie Petri übernahm. Da die Schule, die seitdem offiziell Anna-Vietor-Schule hieß, für die wachsende Schülerinnenzahl zu klein wurde, erwarb die Leiterin ein größeres Gebäude – am Dobben 109 – konnte aber bald ein eigenes, von den Architekten August Abbehusen und Otto Blendermann nach ihren Vorstellungen gebautes Haus mit großen und hellen Räumen an der damaligen Bürgermeister-Smidt – heute Carl-Schurz-Straße – in Schwachhausen einweihen. Die Schule wurde 1912 vom Bremer Senat als Lyzeum, d.h. private Höhere Mädchenschule, anerkannt, 1922 verstaatlicht und Anna Vietor zur Studienrätin ernannt. Den Aufstieg zur Beamtin empfand sie aber als Einschränkung ihrer pädagogischen Tätigkeit, denn, wie sie später an die Inspektion für Höhere Schulen schrieb, war sie damit „nach 20jähriger Tätigkeit nicht mehr in der Lage…mein Lebenswerk in eigener Hand zu behalten.“[1] Drei Jahre später, am 30.4.1925, trat sie in den Ruhestand.

Sie kam aus einem protestantisch geprägten Elternhaus und hatte von daher ein starkes Pflicht- und Sozialbewusstsein. Darüber hinaus war sie ein selbstständig denkender und handelnder, aber auch humorvoller Mensch. Letzteres kommt in den Briefen zum Ausdruck, die sie von ihren Reisen an die Familie und Freunde schickte. So schrieb die 28jährige aus Rom, wo sie „angefangen (habe), fleißig zu studieren“ – im deutschen Kaiserreich war das für Frauen partiell erst ab 1901, grundsätzlich ab 1908 möglich – : „Ihr seid gewiß entsetzt, aber denkt Euch, ich gehe mit einer jungen Italienerin auf die Universität! Findet ihr das sehr emanzipiert? Aber…ich setze mich so bescheiden und weiblich, wie ich nur eben kann, in die letzte Reihe.“[2]

In einem Rundbrief über einen internationalen Sommerkurs an der Universität Greifswald, an dem sie 1896, also ein Jahr vor ihrem Schulleiterinnenexamen, teilnahm, mokierte sie sich über einen aus Bremen gebürtigen Germanistikprofessor: „Er ist noch jung…und macht sich über die Maßen wichtig, stolziert auf dem Katheder hin und her…macht Männchen und Gesichter und unaufhörliche Kalauer. Manchen gefällt das ja, und so ist das Fach, das er liest, Goethe, außerordentlich besucht…“[3]

Ihre Selbstständigkeit geht u.a. aus dem Thema ihrer Examensarbeit hervor. Obwohl Naturwissenschaften wie auch Mathematik erst seit der Preußischen Mädchenschulreform von 1908 für den Unterricht in Lyzeen verbindliche Fächer waren, befasste sie sich schon 1897 auf 44 eng beschriebenen Folio-Seiten mit der Frage: „Zu welchen Zwecken, in welchem Umfang und welcher Gliederung…die Naturwissenschaften an deutschen höheren Mädchenschulen gelehrt werden (sollen)?“[4]

Ihr soziales Handeln zeigte sich darin, dass es ihr gelang, das Schulgeld ihrer Schülerinnen dem deutlich niedrigeren Schulgeld der durchweg staatlichen Höheren Schulen für Jungen anzugleichen, „damit auch weniger begüterte Eltern ihren Töchtern eine gute Schulbildung auf den Weg geben können“[5], und im Unterricht setzte sie ihre „ganze Kraft dafür ein, auch den geistig schwächeren Schülerinnen gerecht zu werden.“[6]

Sie wäre gerne bis zum offiziellen Ende ihres Berufslebens tätig geblieben, d.h. bis zum Herbst 1925. Aber sie beantragte ihren Eintritt in den Ruhestand schon zum Frühjahr, denn es sei „im Interesse der Schule“[7], dass ein Schulleiterwechsel nicht während des Schuljahres, sondern vor dessen Beginn stattfände.

Die Behörde dankte ihr in einem ausführlichen Schreiben für „die treuen und erfolgreichen Dienste, die Sie dem höheren Mädchenschulwesen Bremens in langjähriger Tätigkeit geleistet haben“. Sie habe „tiefes Verständnis für die kindliche Art“ gezeigt und dieses habe ihre „erziehliche Tätigkeit und ihren anregenden, der Entwicklung der Erziehungswissenschaften folgenden Unterricht stets ausgezeichnet.“ Auch habe sie ihre „Kräfte für freies, fröhliches Streben innerhalb Ihrer Schule (unermüdlich) eingesetzt.“[8]

Dass diese Würdigung keine bloße Rhetorik, sondern ernst gemeint war, geht daraus hervor, dass Anna V. bei der Verstaatlichung ihrer Schule Leiterin geblieben war; üblicherweise mussten Lehrerinnen in einem solchen Fall männlichen Kollegen weichen; darüber hinaus bekam sie mit ihrem Ruhestand „das Gehalt eines männlichen Schulleiters“, d.h. ihr wurden „keine 10% vom Grundgehalt gekürzt.“[9] Diese Tatsache ist umso bemerkenswerter, als die geringere Bezahlung weiblicher Lehrkräfte – zu mindestens im Land Bremen – bis 1951 galt.[10]

Anerkennung fand sie aber auch bei ihren Kolleginnen. So schrieb die Lehrerin Käthe Stricker, dass die Leiterin „in ihren früheren Jahren (tapfer) um die ideelle und wirtschaftliche Stellung der Privatschulen (kämpfte)“, dass sie beratendes Mitglied der Schuldeputation“ und im „Kirchenvorstand von Unser Lieben Frauen“ sowie in der „Arbeit der Norddeutschen Missionsgesellschaft in Afrika“ tätig gewesen sei. Sie sei „eine gütige verständnisvolle, hilfsbereite, mit Humor begnadete Persönlichkeit“ gewesen.[11]

Schülerinnen erinnerten sich noch Jahrzehnte nach ihrem Tod, dass Anna V. „in einem heute noch gültigen Sinn die Mädchen zum Selbstvertrauen, zur Selbstverantwortung und Selbstverwaltung zu führen (suchte)“ und dass „wir alten Schülerinnen…Anna Vietor (danken)“.[12]

Nach ihrem Tode am 10.2.1929 wurde Anna Vietor „in der Aula des Vietorschen Lyzeums, Bürgermeister-Smidt-Str. 25“ aufgebahrt[13] und anschließend auf dem Friedhof in Walle beerdigt.

Auf Initiative des Bremer Frauenmuseum e.V. wurde vom Bremer Zentrum für Baukultur und dem Senator für das Bauwesen eine Informationstafel neben dem Haupteingang der Schule angebracht.

Anmerkungen:
[1] StAB 4,111 Pers.-5769.
[2] Brief vom 20.11.1888 an die Eltern. In: Drechsel, S.162.
[3] Rundbrief vom 14.7.1896 (wie Anm.2), ebda. S.163.
[4] Wie Anm.1.
[5] WK 16.4.1960.
[6] BN 16.4.1960.
[7] Brief vom 13.11.1924 an die Inspektion der Höheren Schulen (wie Anm.1).
[8] Brief der Senatskommission für das Unterrichtswesen vom 28.11.1924 an die „(Lyzeumsleiterin) Fräulein Anna Vietor“ (wie Anm.1).
[9] Brief der Unterrichtskanzlei vom 27.6.1925 (wie Anm.1).
[10] Gesetz zur rechtlichen Gleichstellung der weiblichen und männlichen Lehrkräfte vom 20.3.1951; Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen Nr.11 21.3.1951, S.33f.
[11] Stricker, S.532.
[12] Wie Anm.6.
[13] BN 11.2.1929.

Literatur und Quellen:
Bremer Nachrichten (BN), 11.2.1929; 16.4.1960.
Drechsel, Wiltrud Ulrike: Anna Vietor. In: Dies. (Hrsg.): Höhere Töchter. Zur Sozialisation bürgerlicher Mädchen im 19.Jahrhundert, Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens; Bd. 21, Bremen 2001.
Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen 1951, Nr.11.
Hannover-Drück Elisabeth: Vietor, Anna. In: Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S.264.
Personalakte Anna Vietor StAB 4,111 Pers.-5769.
Stricker, Käthe: Vietor, Anna. In: Bremische Biographie1912 – 1962, Bremen 1969, S.531f
Stricker, Käthe: Anna Vietor zum Gedächtnis. In: Brem. kirchl. Monatshefte N.F.d.Br. Kirchenblatts 1 (63) Jg.1929, Nr.4.
Weser Kurier 16.4.1960.

Elisabeth Hannover-Drück und Romina Schmitter