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Wencke, Gesine, geb. Schilling

7.12.1807 in Vegesack – 15.2.1866 in Bremerhaven

Bis heute sind Besitz und Leitung von Schiffbaubetrieben eine reine Männerdomäne. Umso bemerkenswerter ist es, dass Mitte des 19.Jahrhunderts einer Frau eine Werft gehörte und sie als Unternehmerin und Familienoberhaupt die Geschicke des Familienunternehmens lenkte. Allerdings war diese herausragende Position von Gesine Wencke nicht angestrebt worden, sondern entstand durch familiäre Umstände. Zunächst verlief ihr Leben in den traditionellen Bahnen einer Frau aus der bürgerlichen Oberschicht.

Gesines Eltern waren der Kapitän Claus Schilling und seine Ehefrau Metta Schilling, geborene Ahlers. Am 8.8.1834 heiratete Gesine Schilling im Alter von 26 Jahren in Bremen den Bremerhavener Jungunternehmer und Neubürger Friedrich Wilhelm Wencke. Ihr Mann war am 30.10.1806 in Bremen geboren worden und hatte wie sein Vater Friedrich Wencke eine Ausbildung als Schiffszimmermeister absolviert. Als ältester Sohn übernahm er aber nicht den väterlichen Schiffbaubetrieb in Bremen, sondern gründete 1833 eine eigene Werft mit dem Firmennamen „F.W. Wencke“ am nördlichen Geesteufer in Bremerhaven. Der junge Hafenort war erst 1827 gegründet worden und der Hafenbetrieb hatte 1830 seinen Betrieb aufgenommen. Seitdem gewann der Schiffsverkehr insbesondere durch den Auswanderertransport nach Übersee immer mehr an Bedeutung, und die Einwohnerzahlen stiegen von 200 im Jahr 1832 auf 4000 zur Jahrhundertmitte. Wencke baute seine Werft jedoch nicht am Hafen, sondern am Mündungslauf des tideabhängigen Flusses Geeste, der unweit der Weser beste Voraussetzungen für einen Werftbetrieb bot.

Gesine Wencke kam nach ihrer Heirat in einen kleinen Ort, in dem zwar Aufbruchstimmung herrschte, aber noch keine städtischen Strukturen vorhanden waren. Eine Reise nach Vegesack oder Bremen war nur mit der Kutsche oder dem Schiff möglich, ein Eisenbahnanschluss existierte noch nicht. Ein zeitgenössisches Gemälde im Historischen Museum Bremerhaven zeigt sie als selbstbewusste, junge Ehefrau in einem Kleid mit Spitzenbesatz und Goldbrosche sowie einer feinen Spitzenhaube. Auffällig ist die lange, goldene Halskette, die an der Taille befestigt ist und an deren Ende vermutlich eine goldene Taschenuhr befestigt war. Ein Jahr nach der Hochzeit kam das erste Kind zur Welt, die Tochter Friederike. Es folgten noch sechs weitere Geburten: 1837 Mathilde Sophie, 1839 Johann Wilhelm, der bereits mit dreieinhalb Jahren tödlich verunglückte, 1842 Christine Marie, 1844 Friedrich Wilhelm, 1848 Nicolaus Diedrich und 1850 Johannes Bernhard. Neben der Erziehung der Kinder organisierte Gesine Wencke zwei große Haushalte: ein repräsentatives Stadthaus am Hafen mit 18 Zimmern und rückwärtigem Garten sowie ab 1850 einen großen Landsitz mit Park in Langen bei Bremerhaven. Ihr Mann avancierte schnell zu einem erfolgreichen Großunternehmer, in einem modernen Trockendock wurden lukrative Schiffsreparaturen ausgeführt und auf einem Helgen entstanden zahlreiche Schiffsneubauten. Auch die zum Unternehmen gehörende Reederei expandierte. Die Familie W. zählte schnell zur einflussreichen Oberschicht in Bremerhaven.

Das Schicksal wendete sich für Gesine Wencke, als ihr Mann schwer erkrankte und 1859 starb. Sie war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre, ihr ältester Sohn 14 Jahre alt. Friedrich Wilhelm Wencke hatte in seinem Testament seine sechs Kinder als Haupterben eingesetzt, der älteste Sohn sollte die Werftleitung im Alter von 20 Jahren übernehmen. Bis dahin sollte seine Frau die Werft leiten, der er zudem 40000 Taler in Gold und das Wohnhaus am Hafen vermachte. Damit wurde Gesine W. zur ersten Großunternehmerin in Bremerhaven. Nach dem Willen ihres Mannes setzte sie ihren Schwiegersohn Friedrich Wilhelm Albert Rosenthal (1828 – 1882) als Geschäftsführer für die Werft und die Reederei ein. Er war Kapitän und hatte ein Jahr zuvor die älteste Wencke-Tochter Friederike geheiratet. Gesine Wencke fiel als neuem Familienoberhaupt die vordringliche Aufgabe zu, das Erbe für ihre Kinder zu sichern. Dies schloss auch die Kontrolle des Geschäftsführers ein, der mit innovativen Ideen die Kapazitäten der Werft vergrößerte und das Unternehmen um neue Geschäftszweige erweiterte. Die Werft verzeichnete in der Folgezeit besonders viele Aufträge von Bremer und Vegesacker Reedern, was auf Gesine Wenckes Verbindungen hindeuten könnte, da sie, anders als ihr Schwiegersohn, von dort stammte.

Kurz nach dem Tod ihres Mannes musste sie einen weiteren Schicksalsschlag hinnehmen, als ihr ältester Sohn mit 15 Jahren starb. Nun sollte der 1848 drittgeborene Sohn Nicolaus Diedrich zu gegebener Zeit die Nachfolge seines Vaters antreten. Gesine Wencke leitete die Werft zusammen mit ihrem Schwiegersohn fünf Jahre lang bis 1864. Aus gesundheitlichen Gründen war sie nun nicht mehr in der Lage, ihre Aufgaben als Unternehmerin wahrzunehmen. Deshalb setzte sie ihren Schwiegersohn als Teilhaber ein, der nun alleine die Geschäfte führte, aber immer noch Gesine Wencke als Familienoberhaupt Rechenschaft schuldig blieb. 1865 verfasste sie ihr Testament, in dem sie ihre beiden noch minderjährigen Söhne zu den Erben des Unternehmens bestimmte. Bis zur Volljährigkeit der Söhne sollte Rosenthal weiter die Geschäfte führen und für seine Neffen wie ein Vater sorgen. Zur Kontrolle des Schwiegersohns bestimmte sie noch einen Freund der Familie als zweiten Vormund und richtete Konten für ihre beiden Söhne ein, auf die Gewinne abzuführen waren. Bei bedeutenden Geschäftsabschlüssen musste R. sich mit dem zweiten Vormund absprechen und dessen Einwilligung einholen. Diese testamentarischen Festlegungen belegen Gesine Wenckes Fürsorge für ihre beiden Söhne und ihr Interesse am Erhalt und der Weiterführung des Familienunternehmens. Zwei Monate nach der Testamentsaufsetzung verstarb Gesine Wencke 58jährig in Bremerhaven.

Literatur und Quellen:
Benscheidt, Anja/Kube Alfred: Die Landschaftsmalerin Sophie Wencke. Von der Bremerhavener Wencke-Werft nach Worpswede, Bremerhaven 2008.

Anja Benscheidt