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Wiegandt, Dorothea Gertrude Elisabeth, gen. Else

10.12.1894 in Bremen – 3.2.1985 in Sandhatten

Else war die Tochter des Malers Bernhard Wiegandt (1851-1918) und seiner Ehefrau Bertha Gertrude, geb. zur Nieden. „Bereits als Kind erhielt ich mit meiner Schwester Zeichenunterricht bei meinem Vater“, schrieb sie in ihrem Lebenslauf. Ihr Vater, ein in Bremen angesehener Maler des ausgehenden 19.Jahrhunderts, war auch der erste Zeichenlehrer von Paula Becker-Modersohn gewesen. Sie und ihre Schwester Bertha erhielten beim Vater Zeichen- und Malunterricht.

Wiegandt ließ seine zielstrebige Tochter Else schon mit 15 Jahren allein nach Berlin zur Ausbildung bei Bruno Paul und Emil Orlik ziehen, es folgten Studien in Malerei bei Walter Helbig. Sie lernte dort Illustrationen, Radierungen und Holzschnitte in japanischer Manier.

1914 wurde ihr bei der internationalen Ausstellung für Graphik und Buchgewerbe (BURGA) in Leipzig die Silbermedaille verliehen. Dadurch gehörte sie bald dem Kreis Berliner Künstler an. Sie stellte in Berlin aus und konnte dort nach ihren eigenen Angaben kleine Bilder verkaufen. Ende der 20er Jahre kehrte sie nach Bremen zurück, wurde 1929 Beirätin in der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreunde – der GEDOK[1] – und war von 1932 bis 1942 Mitglied im Bremer Malerinnen Verein, dem Künstlerbund und auch im Werkbund.

Sie war eine sehr phantasievolle und vielseitig begabte Künstlerin; sie illustrierte Tierfabeln, entwarf Holzschnitzereien, machte Glasbilder neben ihren anderen Arbeiten. Aber sie hatte es wohl auch recht schwer – so hatte sie nach eigenen Aussagen viel Mühe bei der Beschaffung von Aufträgen. Während und nach dem Kriege tauschte sie Bilder von Hühnern, Pferden und auch Porträts gegen Lebensmittel ein.

Ihre besondere Aufmerksamkeit galt Tierdarstellungen. Neben einheimischen Haus- und Nutztieren widmete sie sich exotischen Tieren und Raubkatzen, die sie im Berliner Zoo erlebt hatte und die sie aus der Erinnerung malte. Mit Farbstiften, Kohle und Kreide, in Holzschnitten wie Ölbildern hielt sie ihre Motive fest. Dabei wendete sie immer neue Techniken und Verfahrensweisen an, wie z.B. Monotypie, und schuf Wand- und Glasmalereien sowie Arbeiten auf Metall.

Der interessante Teil ihres Werkes liegt gerade in diesen expressiven, nicht durch präzise Abbildungsabsichten geprägten, exotischen Tierdarstellungen. Was uns an Tigern, Löwen oder Panthern, Affen und Krokodilen entgegenkommt, ist eher der Phantasie entsprungen und äußerst spannend, experimentierfreudig und dynamisch. Diese Tiere, aus dem Gedächtnis gemalt, sprechen das Unbewusste im Menschen an. Ihre in naturalistischer Weise dargestellten Rehe, Katzen und Pferde sind dagegen eher ausdrucksschwach. In einem Porträt[2] zeigt sich die Nähe zur Schwester und ein Können auch auf dem Gebiet der Porträtkunst.

Obgleich sie zeit ihres Lebens viel gearbeitet, ausgestellt und verkauft hat, war sie auf die Unterstützung ihrer Schwester Bertha angewiesen, mit der sie in einem Haus zusammenlebte, in dem sie sich auch Atelier- und Ausstellungsräume einrichteten.

Mitte der vierziger Jahre zog sie nach Sandhatten in der Nähe von Oldenburg. Die dörfliche Idylle dieses Ortes inspirierte sie zu vielen Landschafts- und Tierbildern. Über Jahre hinweg pflegte sie die erkrankte und später erblindete Mutter in ihrem Haus, in dem sie auch starb.

Bereits 1905, 1913, 1916 und später 1928 und 1935 stellte sie in Kollektivausstellungen der Kunsthalle Bremen aus; 1917 und 1918 im Paula Modersohn-Becker-Haus und von 1925 bis 1943 beschickte sie regelmäßig Ausstellungen, zum Teil als Mitglied der GEDOK, im Graphischen Kabinett. 1928 war sie in der Bremer Kunstschau vertreten und 1937 bei der großen Deutschen Kunstausstellung in München. Ihre Arbeiten wurden nach eigenen Angaben in Oldenburg, Hannover, Mannheim, Bremen und Berlin ausgestellt. Ihre letzte große Ausstellung, zusammen mit den Werken ihres Vaters und ihrer Schwester Bertha in der Sparkasse Bremen erlebte sie noch mit. Posthum ehrte sie die Galerie Fischerhuder Maler 1985 in einer Kollektivausstellung und 1990 ihr Sterbeort Sandhatten.

Heute befinden sich im Besitz der Bremer Kunsthalle drei, in die Graphotek in der Zentralbibliothek vier Bilder, im Focke-Museum eine Arbeit. Eine Reihe von Bildern ist in Privatbesitz und einige ihrer Bilder wurden auf Auktionen verkauft.

Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen:
Kunsthalle Bremen 1905
Kunsthalle Bremen 1913, S.22, Kat. Nr.318–320
BURGA in Leipzig 1914
Kunsthalle Bremen 1916
Bremer Kunstschau 1928
GEDOK, Von Halemsche Buchhandlung, Bremen 1929
Verein der Berliner Künstlerinnen, Berlin 1932, 1942, 1992
Kunsthalle Bremen 1935, S.98, Kat.Nr.82
GEDOK, Graphisches Kabinett Bremen, 1936, 1941, 1943
Große Deutsche Kunstausstellung , Kat. Ausst. Haus der Kunst, München 1937, Kat.Nr. 839, S.85
Künstlerhaus an der Weide 1938
Galerie Khoury, Bremen 1968
Reinhard Kaufmann (Hrsg.): Wiegandt, Erinnerungsausstellung, Kat. Ausst. Sparkasse Bremen, Bremen 1984
Fischerhuder Galerie 1985
Sandhatten 1990

Anmerkungen:
[1] Die Künstlervereinigung wurde 1926 in Hamburg von Ida Dehmel (1870–1942) als „Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“ gegründet.
[2] 1942, Öl, Privatbesitz.

Literatur und Quellen:
Cyrus, Hannelore: Zwischen Tradition und Moderne. Künstlerinnen und die bildende Kunst in Bremen bis Mitte des 20.Jahrhunderts, Bremen 2005, S.165-166.
Dollen, Ingrid von der: Malerinnen im 20.Jahrhundert. Bildkunst der „verschollenen Generation“. Geburtsjahrgänge 1890 – 1910, München 2000, S.53, 372.
Else Wiegandt – eine deutsche Künstlerin, in: Die deutsche Frau 27, Heft 13, 1934, S.388.
Gerkens, Gerhard/Heiderich, Ursula: Katalog der Gemälde des 19. Und 20.Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen, Bremen 1973.
Krahé, Frauke: Allein ich will. 20 Malerinnen aus Bremen, Worpswede und Fischerhude, Lilienthal 1990, S.166−169.
Schwarzwälder, Herbert: Das große Bremen-Lexikon, Bremen 2002, S.810.
Stock, Wolf-Dietmar/Wischnowski, Werner: Fischerhude. Künstler in der Stille, Fischerhude 1989, S.118.
Thieme-Becker: Allgemeines Lexikon der Bildenden Kunst, Leipzig 1912, Bd.35, S.529.
Vollmer, Hans (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Leipzig 1953–1962, Bd.5, S.128.
Waldmann, Emil: Bremer Künstler, in: Niedersachsen 25, 1920, S.272–274, hier S.273f.

Inge Jacob (mit Ergänzungen)