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Zöckler, Martha

12.10.1897 in Stanislau[1] – 29.8.1980 in Bremen

Martha war die Tochter des Pastors Theodor Zöckler und der Hausfrau Lillie Zöckler, geb. Bredenkamp, sie wuchs in dem kleinen Ort Stanislau in der heutigen Ukraine auf. Ihr Vater, Sohn eines Theologieprofessors aus dem pommerschen Greifswald, war 1891 von seiner Kirche mit dem Auftrag der Judenmission und der Stärkung der kleinen evangelischen Diaspora nach Galizien entsandt worden. Die Hälfte der 30 000 Einwohner der Stadt waren Juden, vom Rest zwei Drittel katholische Polen, ein Drittel griechisch-orthodoxe Ukrainer und 300 waren evangelische Deutsche. Die Mutter, gebürtige Bremerin, Tochter eines wohlhabenden Bremer Kaufmanns, folgte nach der Heirat 1893 ihrem Mann in das ferne galizische Städtchen, wo Martha zusammen mit ihren Geschwistern Lisbeth und Paul Kindheit und Jugend verbrachte.

Mit einem Teil des Erbes der Mutter wurden die Zöcklerschen Anstalten, diakonische Einrichtungen für Waisen, Alte und Kranke gegründet, die in den einschlägigen kirchlichen Kreisen als „Bethel des Ostens“ bezeichnet wurden. Die junge Martha arbeitete wie ihre Mutter in diesem multikulturellen Umfeld sehr engagiert mit; Toleranz gegenüber den anderen Glaubensrichtungen war in dieser religiösen Gemengelage unabdingbar. Ob der Vater Erfolg mit seiner Judenmission hatte, dürfte äußerst fraglich sein.

Während des 1.Weltkrieges floh die Familie zuerst nach Linz in Österreich und dann in die Schweiz. Nach ihrer Rückkehr in das inzwischen polnische Stanislau arbeitete Martha wieder in den diakonischen Anstalten ihres Vaters mit. Zwei Heiratsanträge, die ihr in sehr jungen Jahren gemacht wurden, lehnte sie auch auf Grund väterlichen Einwirkens ab. Sie hatte ursprünglich Medizin studieren wollen, entschloss sich dann aber auf Anraten ihres Vaters, zunächst eine praktische Krankenpflegeausbildung zu machen.

Sie verließ 1920 Stanislau und damit ihr familiäres Umfeld, um ihren eigenen Weg zu gehen. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin reiste sie nach Bremen, in die Heimatstadt ihrer Mutter, wo sie bei den Großeltern Bredenkamp in der Orleansstraße ein halbes Jahr den Haushalt erlernte. Die Jahre 1921/22 verbrachte sie als Krankenpflegeschülerin im Bremer Diakonissenhaus. Zwischenzeitlich nach Stanislau zurückgekehrt – sie musste wegen der Inflation eine weitere Ausbildung abbrechen – absolvierte sie 1929/30 an einer evangelischen Bibelschule in Berlin eine Ausbildung im Rahmen des kirchlichen Frauendienstes. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über das Thema „Frauenbewegung und Mutterhausdiakonie“. Im Januar 1931 trat sie in Stanislau als Diakonisse in die Schwesternschaft „Sarepta“ (biblisch: Schmelzhütte) ein, Teil der westfälischen Diakonissenanstalt gleichen Namens, die zum Umkreis der Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel gehört. Sie wurde Oberin des dortigen Diakonissenkrankenhauses und wirkte auch als Gemeindeschwester in ihrem Heimatort.

Nach Beginn des 2.Weltkrieges begann eine neue Etappe in ihrem Leben. Auf Grund des Hitler-Stalin-Pakts wurden die Deutschen aus Galizien, das jetzt als Teil der Ukraine zum sowjetischen Einflussbereich gehörte, „heim ins Reich“ umgesiedelt. Das bezog sich allerdings nicht auf das Territorium innerhalb des eigentlichen Kernreichs, sondern auf das von den Deutschen im September/Oktober 1939 annektierte bzw. besetzte polnische Gebiet, den sogenannten „Reichsgau Danzig Westpreußen.“ Die NS-Regierung wollte mit dieser Umsiedlung auch die „Germanisierung“ der ehemals polnischen Gebiete vorantreiben. Die gesamten Bewohner der Zöcklerschen Anstalten, alte Menschen, Kinder jeglichen Alters, Gesunde und Kranke mussten Weihnachten 1939 auf die Reise gehen und landeten schließlich nach vielen Strapazen auf Schloss Wolfshagen im Kreis Rastenburg, Provinz Ostpreußen. Wolfshagen wurde als Anstalt der Inneren Mission anerkannt. Martha Z. ging weiter an verantwortlicher Stelle ihrer krankenpflegerischen und diakonischen Tätigkeit nach.

Am Ende des 2.Weltkrieges musste sie zum wiederholten Mal in ihrem Leben auf die Flucht gehen. Anfang Januar 1945 verließen sie und die anderen Schwestern mit den ihnen anvertrauten Pfleglingen Wolfshagen und kamen nach vielen Zwischenaufenthalten schließlich in der norddeutschen Kleinstadt Stade an, die ihrem Transport als Ziel bestimmt worden war und wo sie ein Hilfskrankenhaus neu einrichten konnten.

Im August 1945 wurde ihr die frei gewordene Stelle als Oberin im Diakonissenmutterhaus/Diakonissenkrankenhaus in Bremen angeboten. Nach einiger Bedenkzeit entschloss sie sich, diesen ehrenvollen Ruf anzunehmen, nachdem die dortigen Schwestern sie einstimmig gewählt hatten. Das Diakonissenmutterhaus in Bremen geht auf eine Gründung im Jahre 1868 zurück. Bremen war ihr ja durchaus vertraut, da sie hier in der Geburtsstadt ihrer Mutter als junges Mädchen die Krankenpflege gelernt und das Krankenpflegexamen abgelegt hatte. Am 6. März 1946 trat sie ihren Dienst in Bremen an, sie war 49 Jahre alt. Die Bremer Schwestern empfingen sie mit Chorgesang vor dem Haus an der Hemmstraße, wo ein Teil des Diakonissenkrankenhauses untergebracht war.

In Bremen warteten große Aufgaben auf sie – neben der Tätigkeit als Oberin die aktive Mitarbeit am Wiederaufbau bzw. an der Neueinrichtung des Diakonissenmutterhauses und Diakonissenkrankenhauses. Das Stammhaus an der Nordstraße war 1944 bei Luftangriffen zerstört, der Krankenhausbetrieb – verteilt an verschiedene Stellen in der Stadt – aufrechterhalten worden, unter anderem in den ehemaligen Auswandererhallen des Norddeutschen Lloyd an der Hemmstraße. An diesem Ort entstand nach dem Krieg das Hauptgebäude des Bremer Krankenhauses Diakonissenanstalt neu und blieb dort die nächsten 15 Jahre. Andere Bereiche waren zunächst im Bunker an der Nordstraße, in der Uhlandklinik und in Lesum untergebracht. 1960 konnten diese Provisorien aufgegeben werden, denn man zog in den großen Neubau in Gröpelingen auf das Parkgelände des von dem Bremer Kaufmann Ludwig Schrage gegründeten Adelenstifts.

Sie war von Anfang an an der Planung beteiligt gewesen und hatte den Fortgang der Bauarbeiten genau verfolgt. Die Organisation des Umzugs forderte ihr viel Energie und Managementfähigkeiten ab und musste neben ihrer eigentlichen Hauptaufgabe als Oberin geleistet werden. Als solche oblag ihr die optimale Organisation des gesamten Pflegebereichs, und als Leiterin einer christlichen Schwesterngemeinschaft hatte sie natürlich auch geistliche Führungsaufgaben. Zudem erforderten die Anleitung jüngerer Diakonissen und das Zusammenleben mit einer großen Gruppe unterschiedlicher Persönlichkeiten großes psychologisches Fingerspitzengefühl. Sie soll jede einzelne Schwester mit ihren Stärken und Schwächen genau gekannt und sie nach Kräften gefördert haben.

Wegen ihres warmherzigen und mütterlichen Umgangsstils war sie bei allen ihr Anvertrauten sehr beliebt. Auch die übrigen Beschäftigten des großen Krankenhausbetriebes, Ärzte, „weltliche“ Schwestern, Küchen- und Reinigungspersonal, schätzten die Mutter Oberin. Erst mit 69 ging sie in den Ruhestand, nahm aber als Altoberin noch in geistiger Frische an allen Vorgängen in Krankenhaus und Mutterhaus teil. In ihrer 21jährigen Dienstzeit prägte sie eine wichtige Epoche in der Geschichte des Bremer DIAKO mit. Nach einem erfüllten, zeitweilig alles andere als leichtem Leben starb sie im 83.Lebensjahr und wurde am 3.9.1980 im Schwesternbereich auf dem Waller Friedhof beigesetzt.

Anmerkungen:
[1] Galizien, damals österreichisches Kronland, heute Ukraine

Literatur und Quellen:
Detlefsen, Wilhelm: Oberin Martha Zöckler heimgegangen. In: Blätter aus dem Diakonissenhaus Bremen, Nr.100, Oktober 1980, S.4-5.
Informationen über Theodor Zöckler s. Wikipedia.
Unveröffentlichtes Ms. „Lebenserinnerungen von Schw. Martha Zöckler, Oberin des Diakonissenhauses von 1946-1967“ (Privatbesitz).
Yzer, Else: „Der erste Rundbrief aus der neuen Heimat!“, ebda. S.6-8.

Renate Meyer-Braun