Artikel

Stüring, Lisa

14.4.1909 in Hamburg – 11.11.1995 in Bremen

Sie war „eine Schulleiterin, die mit hervorragendem Können uns junge Lehrer beeinflusste und uns Mut machte, Neues zu wagen“ – so Rudi Geisler über seine frühere Mentorin Lisa Stüring.

Wer war diese Lehrerin?

Sie wurde am 14. Mai 1909 geboren. Der Vater war Lehrer, die Mutter versorgte den Haushalt und außer dem Ehemann die beiden Töchter, von denen eine von Kindheit an geistig behindert war. Nach der Volksschule und zwei Jahren Volksschulunterricht machte Lisa Stüring 1929 das Abitur. Anschließend studierte sie Erziehungswissenschaften und Geschichte an den Universitäten Heidelberg und Hamburg und bestand 1932 die erste, 1936 die zweite Prüfung für das Lehramt an Volksschulen. Damit gehörte sie in ihrem späteren Wohnort Bremen zu den beiden Lehrkräften, die außer der pädagogischen eine akademische Ausbildung hatten. Darüber hinaus wollte sie promovieren und begann 1941 – „neben meiner Unterrichtstätigkeit“ – Geschichte, Deutsch und Englisch zu studieren. Dass sie dieses Ziel aufgab, ging auf die Kriegsjahre zurück – 1943 verlor sie „infolge totaler Ausbombung“ ihr Heim – und darauf, dass sie den Jena-Plan des Erziehungswissenschaflers Peter Petersen kennengelernt und der Unterricht an einer nach diesem Plan arbeitenden Volksschule sie „völlig gefangen und ausgefüllt hatte“. Was sie dabei faszinierte, war die Überzeugung Petersens, dass jedes Kind – unabhängig von Religion, Geschlecht, ethnischer und sozialer Herkunft – zu einer individuellen Persönlichkeit zu entwickeln sei, ebenso die Ersetzung von Klassen, Fächern, Zensuren und bloßer Arbeit durch Kurse, Projekte, Lernberichte und Einbeziehung des freien Spiels, wobei Eltern und SchülerInnen mitbestimmen sollten. Bezeichnenderweise begründete sie ihre Bewerbung in Bremen damit, dass „die dortige Schule ähnlich wie in Hamburg auf dem Gebiet der Schulreform vorantreibend“ sei. Nach Rudi Geisler war sie darin an den Versuchsschulen Stader Straße, vor allem Schleswiger Straße, auch höchst erfolgreich: „Mit ihr haben wir das 9. Hauptschuljahr, Innere Differenzierung, Berufspraktika, Projektwochen und neue Lehrmethoden erprobt und realisiert.“ Lisa Stüring habe die „Schule in einem sozial benachteiligten Stadtteil als Lebensraum attraktiv gestaltet und den SchülerInnen Chancen für das Berufsleben eröffnen“ wollen.

Sie arbeitete aber auch an neuen Lehrplänern mit und vertrat ihre Ziele in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und in zahlreichen Artikeln, die sie als Schriftleiterin der Bremer Lehrerzeitung (BLZ) verfasste (1951 – 1958). Außerdem hielt sie „ausgezeichnete“ Vorträge und nahm an nationalen und internationalen Bildungskongressen teil.

Dass sie bei ihrem Engagement, das sie weitgehend in ihrer Freizeit, auf eigene finanzielle und gesundheitliche Kosten betrieb, die Freude am Leben nicht vergaß, zeigt ein Brief, den sie während ihres achtwöchigen „Studium(s) schulischer Einrichtungen in den USA“ (1952) an einen Kollegen schrieb: „Ich habe wunderbare Erlebnisse hinter mir. Einen herrlichen Flug über Paris, Kanada, New York, Chicago nach Kalifornien, viele neue und aufregende Erlebnisse …“.

Die Frage bleibt, warum sie 1937 in die NSDAP eingetreten ist. Vielleicht hat ihr Vorbild Peter Petersen, der mit der Partei, zum Teil sogar mit „dem Führer“ sympathisierte, sie gegenüber dem NS-Terror blind gemacht. Vielleicht stand sie als Lehrerin auch unter politischem Druck. Jedenfalls wurde sie 1949 als „Entlastete“ eingestuft.

Während ihrer Berufszeit wurde Lisa Stüring schon in Hamburg schulischer und behördlicherseits als Reformpädagogin hoch gelobt. Mit den Jahren nahmen Krankheiten zu und 1969 musste sie vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden. Als sie am 11. November 1995 starb, war in der Todesanzeige zu lesen, dass sie „nach langer Krankheit … erlöst“ worden sei.

Literatur und Quellen:
BLZ (Bremer Lehrerzeitung) 1951: 3, 11; 1952: 5; 1954: 8; 1955: 4, 8, 12
Burger, Jürgen (Hrsg.): Paul Goosmann: Erinnerungen eines Reformpädagogen, Fischerhude o.J.
Geisler, Rudi, Vorstandsmitglied im Bremer Schulmuseum, als Informant
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Landesverband Bremen (Hrsg.): VORWÄRTS. NICHT VERGESSEN. Was die GEW bewegt, Bremen 2013, S. 273, 275
https://de.wikipedia.org/wiki/Jenaplan, Zugriff: 15.12.2016
Schwarzwälder, Herbert: Das große Bremen-Lexikon, 2 Bd., Bremen 2003
StAB Pers 4,221-5561 (Personalakte Lisa Stüring)
Weser-Kurier 13.11.1953; 14.11.1995
Wulff, Hinrich: Schule und Lehrer in Bremen 1945-1965, Bremen 1966

Romina Schmitter