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Helene Kaisen – die Frau an seiner Seite

Vortrag am 7.6.2016 im Focke-Museum, Begleitprogramm zur Ausstellung Bremer Frauen Geschichten (1.5.-21.8.2016)

und am 20.Oktober 2016 im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen in Gröpelingen (AWO „Universität für die 3. Generation“)

Zweierlei Erinnerung

Es gibt in Bremen eine breite verkehrsreiche Brücke, die die Altstadt mit der Neustadt verbindet: die Wilhelm-Kaisen-Brücke. Und es gibt in Bremen einen kurzen Weg nur für Fußgänger und Radfahrer, der die Meyerstraße mit der Delmestraße in der Neustadt verbindet: den Helene-Kaisen-Weg. Es gab bei der DGzRS den stattlichen Seenot-Rettungskreuzer, Name Wilhelm Kaisen, und es gab dazu das kleinere Tochterboot, Name Helene. Wenn das nicht symbolträchtig ist ! (seit 2012 unter anderem Namen unter der Flagge Togos vor der ostafrikanischen Küste)

Die Person Wilhelm Kaisen ragt wie in Erz gegossen in die bremische Erinnerungslandschaft. Jeder und jede kennt den Namen des langjährigen ersten Bremer Bürgermeisters nach dem 2. Weltkrieg. Ist der Name Helene Kaisen auch so vielen geläufig? Ich fürchte nicht. Vor ein paar Jahren hat Wilhelm Kaisen, der schon zu Lebzeiten quasi zum Denkmal wurde, in der Grünanlage Am Wall Ecke Herdentorsteinweg ein fast lebensgroßes Denkmal aus Bronze erhalten. Daneben sind Tafeln angebracht, die seine Leistung beim Wiederaufbau Bremens nach dem Krieg würdigen. Wird seine Frau Helene erwähnt? Gibt es ein Foto von ihr? Nein!

Rühmend muss in diesem Zusammenhang die 1995 auf Initiative der Geschwister Franz und Ilse Kaisen gegründete Wilhelm und Helene-Kaisen-Stiftung erwähnt werden. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, „das Andenken an die Leistungen von Wilhelm Kaisen und seiner Ehefrau Helene für die Freie Hansestadt Bremen für die Nachwelt zu sichern.“ (Homepage www.kaisen-stiftung.de). Die Stiftung betreibt auf dem ehemaligen Hof der Familie Kaisen in Borgfeld eine Dokumentationsstätte. Dort ist Helene Kaisen ein eigener Raum gewidmet. Wie kündigt der Weser-Kurier am 13. Februar und auch am 13. März 2016 die nächste Öffnung dieser Einrichtung an? „Dort wird das Leben des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Wilhelm Kaisen dargestellt.“ (Stadtumschau). Siehe da! Am 9.4.206 heißt es „… das Leben des ehemaligen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen und seiner Frau Helene dargestellt.“ Und in der Ankündigung des Mai-Öffnungstages auch. Offenbar ist doch jemandem etwas aufgefallen. Gut so!

Nun wäre es gewiss nicht falsch zu sagen: Der Mann hat in der politischen Geschichte der Hansestadt eine bedeutendere Rolle gespielt als seine Frau. Ehefrauen berühmter Männer erleiden meist das Schicksal, im Schatten  ihres Gatten zu stehen, eben bloß die Frau an seiner Seite zu sein. Dabei könnte der Ausdruck „die Frau an seiner Seite“, der ja in der Regel abwertend gemeint ist, auch positiv gewendet werden: Die Frau stand nicht hinter ihrem Mann, sondern an seiner Seite, neben ihm auf gleicher Höhe, sozusagen gleichrangig.

Aber wie dem auch sei, in meinem Vortrag möchte ich ausdrücklich Frau Kaisen würdigen, Ihnen ihr Leben und Wirken etwas plastischer vor Augen führen, als das bisher geschehen ist. 1965 aus Anlass des bevorstehenden Rücktritts von Wilhelm Kaisen und der damit zu erwartenden Würdigungen fühlte sich Hans Hackmack, der erste Chef des neu gegründeten Weser-Kurier 1945, gedrängt, einen Brief an Helene Kaisen zu schreiben. Es sei für ihn Anlass, „auch an Sie [Frau Kaisen] zu denken, denn Ihr Anteil an dem Gelingen dessen, was Wilhelm Ihrer Heimatstadt und seiner Wahlheimat an Bürgertat gegeben hat, ist groß. … Der Lebensgefährtinnen der um das öffentliche Wohl besonders erfolgreicher Männer wird … zumeist zu wenig Erwähnung getan, obwohl sie es sehr verdient hätten wegen ihres `nicht–amtlichen` Anteils an einer großen Lebensleistung.“ (Brief vom 24.6.1965 im Besitz der Referentin). Recht hatte er, der Hans Hackmack!

Schon vor drei Jahren, 2013, das soll nicht verschwiegen werden, hat Hartmut Müller, der ehemalige Direktor des Staatsarchivs Bremen, in der alljährlichen sogenannten Kaisen-Lesung am Geburtstag Wilhelm Kaisens, Helene Kaisens Biographie beleuchtet („Annäherung an eine Biographie“ hat er den Vortrag bescheiden überschrieben). Aber vielleicht haben Sie den Vortrag nicht gehört, so dass der meinige nicht ganz überflüssig ist und außerdem setze ich einige andere Akzente und berufe mich auf eigene Forschungen. Dass ich die Veröffentlichung des Müllerschen Vortrags einbeziehe, ist selbstverständlich.

Genug der Vorrede!!

 

Kindheit und Jugend.  Politisches Engagement vor dem Ersten Weltkrieg

Woher stammte Helene Franziska Schweida, so ihr Mädchenname. Sie wurde am 11. Mai 1889 als Tochter des Tischlers Anton Schweida aus Böhmen, Teil des heutigen Tschechien, und der Dienstmagd und Saisonarbeiterin Marcianna aus der Nähe des damals preußischen Posen, heute Polen, in Braunschweig geboren. Ihren Vater hatte es im Zuge der damals üblichen Wanderschaft eines Handwerkers dorthin verschlagen. Weil ihre Eltern erst drei Monate nach ihrer Geburt heirateten – es dauerte so lange, die nötigen Papiere zu besorgen -, steht in ihrer Geburtsurkunde, die Mutter des Kindes sei die unverehelichte Dienstmagd Marcianna Sobczyk. Auf derselben Urkunde heißt es weiter unten, das Kind sei „durch nachfolgende Eheschließung mit dem Tischler Anton Schwyda legitimiert worden.“ (StAB 7,97/5-11). Der Vater, überzeugter Sozialdemokrat und Gewerkschafter, wird durch Teilnahme an einem Streik der Tischler 1890 aus Braunschweig ausgewiesen. Denn noch galt das 1878 auf Betreiben Bismarcks verabschiedete Sozialistengesetz “Gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Es verbot jegliche Aktivität der Partei und der Gewerkschaften. Die kleine Familie zog nach Bremen, wo das Gesetz nicht so streng gehandhabt wurde.

Der Vater fand Anstellung in der sozialdemokratischen Buchhandlung und Druckerei Schmalfeldt und Co. Helene verlebte ihre Kindheit und Jugend in der Neustadt, wo ihre Eltern mit ihr auf der Suche nach einer günstigeren Wohnung oft umzogen. Helene besuchte acht Jahre die Volksschule am Geschworenenweg und danach noch ein Jahr die kaufmännische Fortbildungsschule des 1867 gegründeten Frauenerwerbs- und Ausbildungsvereins. Der kostenpflichtige Besuch dieser Einrichtung war für Mädchen aus dem Arbeitermilieu eher untypisch. Die meisten Elevinnen hatten einen bürgerlichen Hintergrund. Auch die anschließende kaufmännische Lehre von 1904 bis 1906 in einem Modewaren-Geschäft am Schüsselkorb und die dortige Berufstätigkeit waren für Mädchen dieses Milieus eher selten. Arbeitermädchen wurden meistens Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterinnen. Die Eltern Schweida waren offenbar fortschrittlich und weitsichtig, wollten, dass die Tochter einmal auf eigenen Füßen stehen konnte und nicht auf einen versorgenden Ehemann warten musste.

Durch ihr sozialdemokratisches Elternhaus und den großen Freundeskreis Gleichgesinnter geprägt, nahm auch Helene schon in früher Jugend am sozialen Leben der Arbeiterbewegung teil. Sie engagierte sich in der sozialistischen Arbeiterjugend, wandert mit Jungen und Mädchen hinaus in die Natur, nimmt an Sonnenwendfeiern der Jungen Garde teil und singt proletarische Kampfeslieder. „Ha, wie blitzten da sie Augen der Jugendlichen vor Begeisterung“, schreibt sie einmal. (Müller, Annäherung S.10). Auch im Arbeitersängerchor von Hermann Böse ist sie dabei und wird Mitglied der 1912 gegründeten Bremer Ortsgruppe der Naturfreunde. 1907 tritt sie auch in die Partei ein, gleich nachdem das preußische Vereinsgesetz aufgehoben worden war, das Frauen die Mitgliedschaft in Vereinen verboten hatte. Als ganz junge Frau bereits wird sie in den Vorstand des Bremer Sozialdemokratischen Vereins – so hieß das damals – als Schriftführerin und Berichterstatterin für Fragen der Frauenbewegung und in die Kinderschutzkommission gewählt. Sie hält sogar selbst Vorträge im Rahmen der Frauenbildungsarbeit, ärgert sich manchmal darüber, wie ihre Zuhörerinnen gleichgültig da sitzen. Arbeiterfrauen und –Mädchen waren eben zu erschöpft von ihrem harten Alltag, um abends noch hellwach und begeistert dabei zu sein.

Helene war da aus anderem Holz geschnitzt bzw. verlangte mehr von sich. Neben Berufstätigkeit und intensiver Parteiarbeit führte sie nach dem Tod ihrer Mutter 1911 ihrem Vater den Haushalt und musste zu dem Zweck kochen lernen. Aber auch für sie war das manchmal zu viel.

Von den Genossen wurde sie so geschätzt, dass sie als eine der sechs Bremer Delegierten im September 1913 zum SPD-Parteitag nach Jena geschickt wurde. Die 24Jährige scheut sich nicht, das Wort zu ergreifen und einen Antrag der weit links stehenden Genossin Rosa Luxemburg gegen den Parteivorstand zu unterstützen. Inhalt: die Partei solle Ja sagen zum politischen Massenstreik. Der Antrag wurde mit Mehrheit abgelehnt.

Auf der Parteischule

Die Bremer SPD-Führung hält die kluge und engagierte junge Frau für geeignet, die Parteischule in Berlin zu besuchen. Diese war 1906 unter Bebel mit dem Ziel gegründet worden, Funktionäre und Redakteure von Parteizeitungen besser theoretisch zu schulen, um die Parteiarbeit und Werbetätigkeit effektiver zu gestalten. Man hielt sie also offenbar für förderungswürdig und geeignet für eine politische Karriere. Ein entsprechender Antrag aus Bremen wird von der Parteizentrale in Berlin gebilligt und so reist Helene Schweida am 30. September 1913 allein in die Millionenstadt Berlin. Die Teilnehmer des sechs-monatigen Kursus waren aufgefordert worden, zur Vorbereitung wichtige Texte zur Geschichte des Sozialismus von Marx, Engels und Kautsky durchzuarbeiten. Für Helene keine Schwierigkeit; Bücher waren ihre Leidenschaft.

Jeder Kurs umfasste in der Regel nur 30 Personen, die aus allen Bezirken des Reichs und aus den Gewerkschaften stammten. Es war also eine große Ehre für Helene, vom Auswahlgremium ausgewählt worden zu sein. Die Bremer Genossen hatten mit der Entsendung einer Frau durchaus Fortschrittlichkeit bewiesen. Helene Schweida war denn auch der einzige weibliche Teilnehmer des Winterkursus 1913/14.

Diese sechs Monate waren für Helene nun nicht nur wegen der interessanten Lehrinhalte in Geschichte, Nationalökonomie und Recht und wegen der interessanten Lehrerpersönlichkeiten – allen voran Rosa Luxemburg – sondern auch noch aus einem ganz persönlichen Grund von Bedeutung, Es traf sich nämlich, dass zur selben Zeit ein junger Mann aus Hamburg in diesen Kurs entsandt worden war. Sein Name: Wilhelm Kaisen. Die beiden Norddeutschen inmitten von lauter Sachsen und Rheinländern taten sich zusammen, fanden sich sympathisch, freundeten sich an, arbeiteten wohl auch abends den durchgenommenen Lehrstoff gemeinsam durch. Was sonst noch lief, ist nicht bekannt. Wilhelm Kaisen spricht in seinen Erinnerungen rückblickend von „gebotener Reserve“ im Umgang miteinander. ( Meine Arbeit … S. 53) Beim Abschied im März 1914 versprechen sich die beiden, in Kontakt zu bleiben. Es folgen lange Briefe hin und her, die Anrede lautet immer „Lieber Kaisen und:  Liebe Schweida“. Man bleibt beim förmlichen Sie, das Genossen-Du war auf der Parteischule nicht üblich gewesen. Fast ein Vierteljahr geht das so. Am 9. Juni 1914 heißt es plötzlich „Lieber Willy“ und „Liebe Helene“, beider Briefe stammen vom selben Tag. Zum ersten Mal werden Gefühle gezeigt, bzw. zu Papier gebracht. „Du wirst es nicht glauben, dass ich vor Glück keine Worte finden kann“, schreibt Helene. „Gestern war es mir unmöglich still zu sitzen. … Ich stürmte hinaus ins Freie und habe laut gejubelt und gejauchzt.“ Wilhelm: „Glaube mir, liebe Helene, dasselbe Glücksgefühl, das Dich zum Jubeln brachte, habe auch ich. Ich kann es kaum fassen, daß das, was ich so längst ersehnt, jetzt endlich Wahrheit werden soll.“ (StAB 7, 97/2-2 Briefwechsel H. Schweida –W. Kaisen). Es musste also etwas Entscheidendes geschehen sein: Die beiden können sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen, mit anderen Worten: sie hatten sich verlobt. Interessanterweise verbindet Helene ihr persönliches kleines Glück mit dem großen Glück der ganzen Menschheit: „Ich kann es noch immer nicht glauben, dass ich nun doch einen lieben Menschen gefunden habe, mit dem ich vereint für die Befreiung der Menschheit kämpfen kann.“ Das ist der typische uns heute leicht pathetisch anmutende Stil der damaligen sozialistischen Bewegung, die ja eine neue klassenlose, gerechte Gesellschaft anstrebte. Für Helene Schweida war das tiefster Ernst. „Nun doch einen lieben Menschen gefunden zu haben“, schrieb sie – sie hatte nicht daran geglaubt und auch gar nicht angestrebt, eine enge Beziehung mit einem Mann einzugehen. Als Helferin im Jugendamt hatte sie viele zerrüttete Ehen erlebt. Ihre Hauptsorge geht aus den folgenden Worten hervor: “ … leider ist es bei unseren heutigen eigenartigen gesellschaftlichen Verhältnissen doch nur selten der Fall, dass eine Frau sich in der Ehe geistig weiter entwickelt. Du wirst vielleicht lächeln. Doch mir ist dieser Gedanke furchtbar.“ Sie hatte ursprünglich aus dieser Sorge heraus für sich beschlossen, „um mich nicht selbst aufzugeben, auf Liebe zu verzichten und mich nur für die Arbeiterbewegung einzusetzen.“ (Brief vom 9.6.1914) Wilhelm hält ein solches „Asketentum“ für unsozialistisch. „Ich weiß jetzt, dass ein Mensch ohne Liebe zu empfinden, auch nicht als voller Mensch gelten kann.“ Er beruhigt sie: „Mach dir keine Sorgen, daß darüber deine geistige Weiterentwicklung gehemmt werden sollte. … Wir stehen beide geistig auf einer Stufe. Du wirst in mir keinen rührseligen Galan oder stupiden Spießbürgergatten oder sonst eine Strohpuppenfigur finden, sondern ich werde dir Freund und Berater sein, desgleichen wirst du mir sein.“ (Brief vom 9.6.14, seine Antwort auf ihren Brief vom selben Tag).

Auffällig ist in diesen beiden Liebesbriefen, dass bei aller gegenseitigen Versicherung des Glücksgefühls die gemeinsame Zukunft in keiner Weise konkret oder gar zärtlich ausgemalt wird. Wichtig ist ihr, dass sie als Ehefrau nicht geistig verkümmert, sondern sich weiterentwickeln kann, was ihr Wilhelm auch verspricht. Und auffällig ist auch, welche große Rolle in diesen Briefen zweier frisch Verlobter die Politik spielt. Beide hätten in der Arbeiterbewegung, „der wir so lange wir denken können, verbunden sind“ die gleichen Pflichten zu erfüllen (Wilhelm). Und Helene, statt in Zukunftsträumen über das zukünftige Leben zu zweit zu schwelgen, ermahnt sich und ihren Willi, jetzt „wieder tüchtig an die Arbeit zu gehen und täglich wissenschaftliche Studien zu treiben“ – alles im Dienste der Arbeiterbewegung. (9.6.1914) Sie plant nämlich für den kommenden Winter eine Vortragsreihe über die Geschichte des Sozialismus und muss dafür noch viel lesen.

Nur wenige Tage nach dem Austausch dieser „Glücksgefühl-Briefe“ geht es denn auch in den Briefen um die in der Partei kontrovers diskutierte Frage des politischen Massenstreiks. Hier werden zum ersten Mal unterschiedliche politische Auffassungen der beiden deutlich. Helene scheut sich nicht, ihrem Zukünftigen deutlich zu machen, dass sie seine Meinung nicht teilt. Er ist gegen diese radikale politische Kampfmethode, sie hält sie für sinnvoll im Kampf für ein demokratisches Wahlrecht.

Der Erste Weltkrieg

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte erst einmal ein gemeinsames Leben. Wilhelm musste den“ feldgrauen Rock“ anziehen und tat das auch ohne Murren. Noch Ende Juli 1914 hatte die SPD in Bremen – wie in vielen Städten des Reichs – in zahlreichen Massenveranstaltungen vor dem drohenden Krieg gewarnt. Nach der Mobilisierung des zaristischen Russland schlug die Stimmung in der Partei um, so dass der am 31.Juli erklärte Kriegszustand im Deutschen Reich von ihr, der SPD, mitgetragen wurde. Am 4.August 1914 bewilligte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einstimmig die von der Regierung geforderten Kriegskredite .Auch Wilhelm Kaisen trug diesen Schwenk mit und bejahte den sogenannten Burgfrieden, das zwischen Reichsregierung und Arbeiterbewegung vereinbarte Stillhalteabkommen. Ob Helene ebenso dachte, mag angesichts ihres politischen Weges, den sie wenige Jahre später einschlug, bezweifelt werden.

Wilhelm hatte als Unteroffizier in einem Reserve-Artillerieregiment das Glück, nicht in vorderster Front im Schützengraben seine soldatische Pflicht erfüllen zu müssen, sondern im rückwärtigen Stabsbereich. Sein Dienst ließ ihm offenbar genug Zeit, fast täglich Briefe an Helene zu schreiben und er erwartete dasselbe von ihr. Das musste zu Konflikten führen.

Wie erging es ihr an der Heimatfront? Der Begriff Heimatfront wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges von der militärischen Propaganda des kaiserlichen Deutschland erfunden. An die erste Front zogen die Männer, an der zweiten Front wirkten die Frauen. Die doppelte Verwendung des militärischen Begriffs Front macht deutlich, dass auch die Heimat, also in erster Linie die Frauen, verpflichtet waren oder sich verpflichtet fühlen sollten, ihren Beitrag zum Kampf der Männer auf dem Schlachtfeld zu leisten.

In Bremen wie überall im Reich war das Rote Kreuz mit der sozialen Organisation des Kriegsalltags betraut worden. Die Bremer Frauenverbände wirkten in den verschiedenen Abteilungen des Zentralen Hilfsausschusses vom Roten Kreuz mit – auch die sozialdemokratischen Frauen, obgleich reichsweit die Mitarbeit im Roten Kreuz innerhalb der SPD umstritten war. Helene Schweida arbeitete in der Krankenpflege und war außerdem stellvertretende Leiterin eines der 31 Bezirke der Abteilung „Fürsorge für Familien ins Feld Gezogener und für Hilfesuchende allgemein“. Diese Arbeit belastete sie, die gesundheitlich nicht zu den Stabilsten gehörte, körperlich und noch mehr seelisch außerordentlich. Knappheit an Lebensmitteln und Heizmaterial, steigende Preise, dazu geringe staatliche Unterstützung als Ausgleich für den Fortfall des Ernährers machten den Alltag besonders der Arbeiterfamilien immer schwieriger. Die soziale Spaltung der wilhelminischen Klassengesellschaft wurde während des Ersten Weltkrieges noch verschärft. Zwar wurden vom Senat Höchstpreise für Lebensmittel festgesetzt. Die wurden aber von den Händlern längst nicht immer eingehalten, so dass betuchte bürgerliche Hausfrauen immer noch einkaufen konnten, arme aber nicht. Helene schreibt ihrem Wilhelm, „elende und abgerackerte Menschen, alle Käthe-Kollwitz-Gestalten“ kämen täglich hilfesuchend zu ihr. Dass sie ihnen zu wenig helfen kann, macht sie ganz fertig. Eine weitere Belastung waren die Auseinandersetzungen mit den Damen der gehobenen Bremer Gesellschaft, in deren Händen die Organisation des Zentralen Hilfsausschusses vom Roten Kreuz lag. Sie hätten kein Verständnis für die Lage von proletarischen Familien, klagt sie. Schon im Herbst des ersten Kriegsjahres beschreibt sie in einem Brief ihren Zustand so: „Ich bin körperlich so herunter und so entsetzlich nervös, dass ich vor mir selbst bange werde.“ Magenschmerzen von dem schlechten Kriegsbrot, nervös bedingte Gesichtsrose quälen sie. Je länger der Krieg dauert, desto schlechter wird die Versorgung. Sie geht auf Hamstertouren verbunden mit stundenlangen Fußmärschen und oft magerer Ausbeute. Wilhelm ist an der Front offenbar gut versorgt; er unterstützt sie, schickt Kisten mit  Bohnen und Butter, was den Neid der Nachbarn hervorruft und deshalb von Helene schweren Herzens unterbunden wird.

Trotz all dieser Belastungen – hinzu kam noch eine langwierige Krankheit des Vaters – ist sie noch politisch aktiv und leidet dabei unter den innerparteilichen Spannungen. Sie schließt sich 1917 wie viele Bremer Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen der linken Abspaltung, der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) an, weil sie die fortdauernde Unterstützung des Krieges durch die Mehrheit ihrer Partei (Zeichnen der Kriegskredite) nicht mehr mitmachen will – ein Schritt, den Wilhelm nicht gut heißt und ihr Vater auch nicht. Sie versucht ihre Parteigenossinnen zu mobilisieren und ihren Kampfesmut zu wecken. In Frauenversammlungen tritt sie mit kämpferischen Reden an die Öffentlichkeit. So geißelt sie in einer öffentlichen Versammlung am 2.Juni 1916 unter der Überschrift „Wie steht es um unsere Ernährung?“ die soziale Ungerechtigkeit des herrschenden Gesellschaftssystems. Da die „kapitalistische Gesellschaftsordnung“ auf Privateigentum basiere, werde „Gewinnsucht gezüchtet“. Der anwesende Schutzmann ermahnt sie immer wieder, nicht vom Thema abzuschweifen. Die Preise stiegen immer weiter an. Sie fordert staatliche Verteilungsstellen und Beschlagnahmung aller vorhandenen Lebensmittel – auch in den Speisekammern der Wohlhabenden. Als Referentin wird sie in der sozialdemokratischen Presse übrigens noch Frl. Helene Schweida genannt, obgleich sie seit einem Monat schon Frau Kaisen war. (Rede am 2.6.1916 im Casino, Bericht in der BBZ am 6.6.1916).

Was sie aber noch mehr belastet als der harte Kriegsalltag und die unselige Politik ist die Sorge um die Beziehung zu dem geliebten Mann, zu dem Mann, den sie mit jeder Faser ihres Herzens herbei sehnt . Es ist die Sorge, ihr Verhältnis könne Schaden erleiden. Denn Wilhelm macht ihr oft harte Vorwürfe, er erhalte einfach zu wenig Post von ihr, findet er. Er vermisst liebevolle Zuwendung, sie schreibe oft nur von belanglosen Alltagsgeschichten. Sie ist verzweifelt – „Nur fassen kann ich es nicht, dass Dein lieber Mund solche harten Worte reden kann.“ (17.11.17) – und enttäuscht, dass er sich offenbar gar nicht vorstellen kann, wie ihr Alltag aussieht. Dabei fühlt sie sich schuldig, dass sie zu selten zum Schreiben kommt und nicht genug auf seine inhaltlich gehaltvollen Briefe, die für sie das „Lebenselixier“ sind, eingeht und dass es ihren Briefen wohl auch an Innigkeit fehlt.

Sie gibt die Arbeit im Roten Kreuz auf, weil sie die oft arrogante Haltung der bürgerlichen, wohlsituierten Damen nicht länger ertragen mag, und nimmt im Frühjahr 1917 eine Stelle als Buchhalterin bei der Norddeutschen Hütte in Oslebshausen an – ein weiter Weg von der Münchener Straße in Findorff, wo sie mit ihrem Vater wohnt. Sie kommt häufig erst um Mitternacht zum Briefeschreiben und ist dann einfach zu kaputt. „Ich möchte Dir doch so vieles, besonders sehr viel Liebes sagen, doch mir fehlen die Worte.“, schreibt sie einmal verzweifelt. Als er ihre wieder einmal eine „harte Abfuhr“ erteilt hat, antwortet sie: „Wären wir beieinander, so würden alle diese Mißstimmigkeiten nicht vorkommen.“ (Brief vom 19.8.1917). Auch  nach der Heirat während eines Kurzurlaubes am 1.Mai 1916 geht das Wechselbad der Gefühle zwischen Liebe und gegenseitigen Vorwürfen weiter, auch der Krieg ging ja weiter und die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen. Ihr Leben sei „augenblicklich ein fürchterliche Qual, schreibt sie. „Ich habe nur den einen großen Wunsch: Ich möchte bei Dir sein.“ (Brief vom 12.8. 1917). Die Verstimmung, daran glaubt sie fest, sei nur eine Folge der Trennung.

Die beiden haben Glück. Wilhelm kommt heil aus dem mörderischen Krieg zurück und die beiden können ihre kriegsbedingte zeitweilige Entfremdung überwinden. Doch zusammen leben können die Eheleute immer noch nicht. Wilhelm findet zunächst eine Anstellung in seiner Heimatstadt Hamburg und zieht erst im Juni 1919 zu ihr und dem inzwischen geborenen Söhnchen Niels in die Münchener Straße in Bremen. Er, der gelernte Stuckateur, der aber auch gut schreiben konnte, hatte das Angebot erhalten, als Redakteur am „Bremer Volksblatt“ zu arbeiten, dem Organ der politisch eher rechts stehenden Bremer SPD-Mitglieder. Das sollte er in Konkurrenz zur erfolgreichen „Bremer Arbeiterzeitung“, dem Presse1organ der linken Sozialdemokraten, der USPD, aufbauen.

Ein neuer Lebensabschnitt

Für Helene Kaisen bedeutete das Ende des Ersten Weltkrieges eine einschneidende Zäsur. Sie, die engagierte Sozialdemokratin, die packende  Rednerin, die ein neues, ein demokratische und republikanisches Deutschland mit aufbauen wollte, sie, in der die politischen Freunde die kommende Politikerin gesehen hatten – sie wurde Hausfrau und Mutter. Kein Gedanke mehr an eine politische Karriere. Sie hatte lange für das aktive und passive Wahlrecht für Frauen gekämpft – als es endlich erreicht war, gehörte sie nicht zu den 18 ersten Frauen, die am 9. März 1919 in die bremische verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt wurden. Ob sie eine Kandidatur erwogen hat, wissen wir nicht. Die Teilnahme am Wahlkampf wäre wohl schwierig gewesen, denn sie war hochschwanger. Am 6. März bekam sie ihr erstes Kind, also drei Tage vor der Wahl am 9.März. Anna Stiegler, langjährige Vorsitzende der Frauengruppe und Abgeordnete der ersten Stunde, schrieb: „Gern hätten wir Helene Kaisen als Abgeordnete gehabt, aber sie wollte Kinder.“ Ja, das stimmt, sie wollte Kinder. Ob sich Kinder und Abgeordnetentätigkeit ausgeschlossen hätten? Es gab auch damals schon Beispiele, dass das nicht der Fall sein musste.

Helenes Aufgabe wurde es jetzt, einen großen Haushalt zu führen. Nach dem  1919 geborenen Sohn Niels kam 1922 Franz, ein Sorgenkind, da er infolge einer Erkrankung Helenes an Röteln während ihrer Schwangerschaft leicht behindert geboren wurde. 1923 folgte Tochter Ilse, zusätzlich wurde ein verwaister Neffe Wilhelm Kaisens in die Familie aufgenommen, und natürlich gehörte Helenes Vater Anton Schweida zur Familie, gelegentlich kam auch Wilhelms Vater aus Hamburg hinzu. Zum Haushalt gehörte noch die Haushaltshilfe, die Tochter einer Genossin. Mitte der 20er Jahre legte sich die Familie eine Parzelle zu. Die Arbeit werden nicht nur die Männer übernommen haben. 1930, Helene war bereits über vierzig, folgte als Nachkömmling noch Tochter Ingeborg.

Nicht sie zog in die Bürgerschaft ein, sondern Ehemann Wilhelm. Er wurde 1920 in die Bürgerschaft gewählt und stieg rasch zum führenden Kopf der SPD-Fraktion auf. Aus Anlass von Helene Kaisens 70. Geburtstag schrieb Anna Stiegler noch einmal den ersten Teil des oben zitierten Satzes, endete aber anders: „Gern hätten wir Helene Kaisen als Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft gehabt, aber sie trat immer bescheiden für [sic!] ihren Mann zurück.“ (BBZ 9.5.1959). Das hat sie wohl richtig gesehen. Nach der Bürgerschaftswahl 1927 wurde Wilhelm Kaisen sogar Senator, Senator für Wohlfahrt, er machte also Karriere. Ob Helene mit dieser Rollenverteilung ganz glücklich war? Wie hatte es doch in Wilhelms Brief am 9.Juni 1914 geheißen? „Wir haben beide unsere Pflichten in der Arbeiterbewegung. Wir stehen beide auf einer Stufe, wir wollen einander bei unseren Aufgaben Freund und Berater sein“. Sicher, geistig verkümmert ist Helene nicht in der Ehe, dazu war sie zu intelligent und zu sehr an Politik interessiert. Ob ihr zum Lesen genug Zeit blieb, ist fraglich, dabei liebte sie Bücher, nicht nur Romane, sondern besonders politische Abhandlungen. Zu den „herrlichen Stunden“ gemeinsamer Studien, auf die sie sich in ihren Briefen an die Front gefreut hatte, wird es wohl kaum gekommen sein. Wilhelm ist sicherlich kein „stupider Spießbürgergatte“ geworden, aber für ihn  stand von vornherein die Rollenaufteilung in der zukünftigen Familie fest. Er soll sich allerdings ganz gelegentlich selbst zweiflerisch gefragt haben, ob es in Ordnung sei, von Helene zu erwarten, auf eine eigene politische und berufliche Entwicklung zu verzichten (sein Biograph K.L.Sommer S. 54). Aber allzu gravierend waren diese Zweifel wohl nicht. Später hat er einmal in einem Interview über seine Frau gesagt: “Ihrer Begabung und ihren Kenntnissen nach hätte sie eine bedeutende Stellung im politischen Leben einnehmen können. Aber einer von uns beiden konnte nur öffentlich tätig sein.“ (Vorwärts-Interview im Juni 1965, StAB 7,97-8). Und es war klar, wer das nur sein konnte. Diskutiert über die politischen Ereignisse der Zeit werden die beiden ganz sicher haben und regen Anteil daran hat sie sicherlich genommen, denn sie war ja nach wie vor eine politische denkende Frau, aber sie war eben keine Akteurin mehr.

Wirtschaftlich schlecht ging es der Familie nicht, Wilhelms Gehalt als Redakteur und die kleine Rente ihres Vaters reichten aus. Richtig gut wurde es, als Ende der 20er Jahre von Wilhelms Senatorengehalt sogar ein eigenes Grundstück in der Tübinger Straße in Findorff erworben werden konnte. 1929 zog man in das neue zweistöckige Haus um, das sogar über eine Zentralheizung verfügte. Für ihre Kinder legte Helene Wert auf eine freie moderne Bildung an eine der sozialistischen Versuchsschulen; sie besuchten die Schule an der Helgolander Straße in Walle. Hier wurden Jungen und Mädchen gemeinsam zu Selbständigkeit und Verantwortung für die Gemeinschaft erzogen. Statt bloß Stoff zu pauken, wurde Wert auf die kreative Entwicklung der Kinder gelegt. Zwischen Lehrern und Schülern herrscht ein eher kameradschaftliches Verhältnis. Mutter Helene warb in einem Leserbrief in der Bremer Volkszeitung (16. Oktober 1926, 2. Beilage) für diese Schulen: „Alle sozialistischen Mütter müssen zu ihrem Teil an dem Ausbau dieser Schulen mitarbeiten.“ Sie schickte die Kinder in deren Freizeit zu den „Kinderfreunden“, einer 1923 auf Reichsebene gegründeten, der SPD nahe stehenden sozialistischen Erziehungsorganisation. Sie wollte Kinder der Arbeiterschaft zum Bekenntnis zu den „großen geschichtlichen Zielen der Arbeiterbewegung“ erziehen. (BVZ 23.7.1931).

In den Krisenjahren nach 1929, als auch in Bremen Arbeitslosigkeit und Not herrschten, versucht Wohlfahrtssenator Wilhelm Kaisen mit Notstandsarbeiten, der „Winterhilfe“ und der „Bremer Nothilfe“ ein wenig Abhilfe zu schaffen. Seine Frau wird ihn unterstützt haben. Hilfesuchende suchten häufig auch die Privatwohnung des Senators auf, wo Frau Helene sich um sie kümmerte, so gut es ging.

Um gegen die drohende Erstarkung der Nazis anzugehen, tritt sie doch wieder in Veranstaltungen der SPD-Frauengruppe auf. So ruft sie in einer kämpferischen Rede auf einer Wintersonnenwendfeier im Dezember 1932 dazu auf, „eine Bewegung zu entfesseln, um die Entwicklung „vorwärts zu treiben zum Sozialismus“. Die Nazis seien auf dem absteigenden Ast – sie hatten in der November-Wahl 1932 erstmals schlechtere Wahlergebnisse erzielt. Es gelte jetzt, mutig und entschlossen, die enttäuschten NSDAP-Wählerinnen ins sozialistische Lager herüberzuziehen (BVZ 30.12.1932). Man kann sagen Helene lief zur alten Hochform auf. Leider täuschte sie sich in ihrer Prognose. Nach der Bildung der Hitlerregierung im Januar 1933 mobilisiert sie die SPD-Frauen zur aktiven Teilnahme am Wahlkampf vor der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933. Sie tut das unter anderem, indem sie ihnen die entwürdigende Rolle  ausmalt, die das sogenannte Dritte Reiche für sie, die Frauen, vorsehe. (BVZ 27.2.1933).

Natürlich nimmt sie an dem großen Demonstrationszug zum Internationalen Frauentag 1933 teil – der wurde damals im Februar begangen – und begrüßt anschließend im Namen der Bremer SPD-Frauengruppe die Wahlkampf-Versammlung der Eisernen Front in den Centralhallen (BVZ 23 2.1933.

Wieder ein neuer Lebensabschnitt: Leben auf dem Land

Die Nazis übernahmen auch in Bremen die Macht. Senator Kaisen trat am 6. März 1933zusammen mit den beiden anderen sozialdemokratischen Senatoren zurück. Am 12. Mai wurde er verhaftet. Obgleich er anders als viele seiner Genossen glimpflich davonkam und nach acht Tagen bereits wieder entlassen wurde, wurde ihm jetzt klar, dass der Nazi-Spuk nicht so schnell vorübergehen würde, wie er zunächst angenommen hatte. Er musste für sich und seine Familie eine Perspektive suchen, musste eine neue Existenz aufbauen, die sie der ständigen Überwachung und Schikane durch die Nazis wo weit wie möglich entzog. Zudem musste für den Lebensunterhalt der Familie auf Dauer gesorgt werden, denn wie lange er Versorgungsansprüche an den Staat haben würde, war unklar. Helene nahm die Verhaftung ihres Mannes so mit, dass sie schwer an Gürtelrose erkrankte.

Die neue Existenz bestand in einer landwirtschaftlichen Siedlerstelle weit draußen am Rande der Stadt – in Katrepel, heute ein Teil von Borgfeld. Kaisen erwarb die letzte freie Siedlerstelle in einem staatlich geförderten Siedlungsprojekt, das das aus dem Verkauf eines 80 ha großen Landbesitzes an eine Siedlergenossenschaft hervorgegangen war. Ein Teil der Kosten für den Bau des Hauses konnte durch Eigenarbeit erbracht werden. Den ganzen Sommer 1933 über arbeitete Wilhelm Kaisen zusammen mit Schwiegervater und Vater an der Herrichtung des Grundstücks und am Bau des einfachen Siedlungshauses. Das neue Heim lag sehr einsam auf völlig verwildertem Land, ein „Ödland ohne Baum und Strauch“, wie Tochter Ilse es später beschreibt (Unser Leben …S. 5), hatte außer den anderen Siedlern keine Nachbarn, war vom Ortskern weit entfernt und nur über einen Feldweg zu erreichen. Wilhelm fand das ideal, Helene fand es eigentlich gar nicht gut. Wie würde sie, die eingefleischte Städterin, die keine Ahnung von Landwirtschaft hatte, ein Leben als Landfrau, abgeschieden von allen sozialen Kontakten, führen können? Auch die drei älteren Kinder waren nicht glücklich. Tochter Ilse war beim ersten Anblick des neuen Zuhauses in den Herbstferien 1933 ganz erschrocken, weil sie es so primitiv und abgelegen fand (S. 7). Aber die vier fügten sich in die Notwendigkeit, zumal das Leben in Findorff wegen der Nazi-Nachbarn immer unangenehmer wurde.

Was war das für ein Gegensatz! „Unsere Mutter hatte es nicht leicht mit dem ländlichen Haushalt“, schreibt Ilse Kaisen (S.23). Das Siedlungshaus war sehr klein für acht Personen (das Ehepaar, vier Kinder, zwei alte Väter) und viel spartanischer eingerichtet als die Wohnung in Findorff. In der Tübinger Straße Nr. 7 hatte es Zentralheizung gegeben, hier gab es nur Ofenheizung. Die ersten zwei Jahre mussten sie ohne elektrisches Licht auskommen, man behalf sich mit Petroleumlampen! Zum Kochen musste der Herd in der Küche eingeheizt werden, was zwar im Winter gemütlich, aber im Sommer höchst unangenehm war. Schlimmer noch war die fehlende Wasserversorgung. Um gutes Wasser zu bekommen, musste ungenießbares Wasser aus der Pumpe durch ein mit Sand gefülltes Fass gefiltert werden. Nach einigen Jahren konnten sich die Kaisens dann an einer Wasserquelle auf dem Hof des Nachbarn beteiligen. Die städtische Wasserleitung wurde sage und schreibe erst 1959/60 gelegt! (Ilse Kaisen S. 10f.) Man kann sich vorstellen, was das für die Arbeit der Hausfrau bedeutete.

Die Schulversorgung der Kinder musste neu geregelt werden, die Wege in die Stadt waren einfach zu lang und bei Dunkelheit auf unbeleuchteten Feldwegen nicht ungefährlich. Hinzu kam die Sorge um den behinderten Sohn Franz, der vor linientreuen Nazi-Lehrern geschützt werden musste. So wurden die jüngeren Kinder in der Borgfelder Dorfschule angemeldet. Für den ältesten Sohn Nils – 14 Jahre alt – musste eine Lehrstelle in einer Gärtnerei gefunden werden. Helenes Mann stürzte sich gleich mit Feuereifer in das neue Leben als Landwirt, schaffte schon nach wenigen Wochen Vieh an, was seine Frau entschieden zu früh fand. Es war alles ein bisschen viel für sie. Zu Weihnachten 1933 wurde sie krank.

Doch trotz aller anfänglichen Skepsis und aller Plackerei gelang es Helene Kaisen letztlich doch erstaunlich schnell, den Alltag als Bäuerin zu meistern. Sie zog  Gemüse, lernte genau wie ihr Mann mit Vieh – Kühen, Schafen, sogar Schweinen –  umzugehen, organisierte den Verkauf von Kartoffeln und Eiern und lieferte Milch in die Borgfelder Molkerei. In einem Notizbuch hielt sie die anfallenden Ausgaben für die Landwirtschaft fest. Beispiele: 1 Sense mit Stil 7,50; 1 gute Kuh 90.00 RM; 2o Junghennen 55.- RM. Jeder in der Familie hatte seine Aufgaben. Allmählich stellten sich Erfolge ein. „Die ganze Familie muß Tag für Tag ihr Äußerstes hergeben, um so eine Siedlerstelle dem Ödland abzuringen“, schreibt Wilhelm Kaisen in seinen Erinnerungen (S. 162).

Der enge Zusammenhalt der Familie war für Helene ganz wichtig, der gab ihr immer wieder Kraft; denn gesundheitlich war sie, wie gesagt, durchaus nicht die Stabilste. Da war es für sie ein besonders furchtbarer Schlag, als im Frühjahr 1942 die Nachricht eintraf, dass ihr Ältester, der Niels, als Soldat auf der Krim „gefallen“ war. „Unsere Mutter hat seinen Tod nie überwunden“, schreibt Ilse Kaisen.

Die Zeit nach 1945

Das Kriegsende 1945 bedeutete für Helene Kaisen wieder einen heftigen Einschnitt – wie für viele Menschen natürlich. Äußerlich änderte sich zwar wenig, ihr sozialer Status änderte sich jedoch grundlegend. Ihr Mann wurde vom Acker weg ins Rathaus geholt. Er war gerade beim Umpflügen für die Frühjahrsbestellung, als ein hoher Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht bei ihm auf dem Feld erschien. Der machte ihm klar, dass er wieder zurück in die Politik müsse, man brauche ihn. So wurde Kaisen zunächst wieder Wohlfahrtssenator, ab 1.August 1945 Bürgermeister bzw. Präsident des Senats. Helene wird also First Lady der jetzt wieder Freien Hansestadt Bremen, ein Titel, der so gar nicht zu ihr passen will – oder vielleicht doch? Wie gesagt, äußerlich änderte sich ihr Leben zunächst wenig. Die Familie blieb auf der Hofstelle in Borgfeld wohnen, darauf hatte Wilhelm Kaisen bestanden. In seinen Erinnerungen begründet er diese Entscheidung u.a. damit, dass seine Frau und er sich „nicht mehr von Hus und Hof trennen“, weil „so viel Arbeit, Mühe und Hingabe“ darin steckten (Meine Arbeit S. 160). Ob seine Frau nicht insgeheim doch lieber wieder in die Stadt gezogen wäre? Wir wissen es nicht. Sohn Franz übernahm weitgehend die Arbeit auf dem Feld und im Stall, die Nachbarn halfen ihm anfangs, der Vater konnte ja nur noch nach Feierabend und frühmorgens Landwirt sein. Wilhelm stand um 5.00 auf, zog seine Arbeitsjoppe an, versorgte die Kühe im Stall, zog sich um, frühstückte mit seiner Frau, wurde um 8.00 von seinem Chauffeur abgeholt und fuhr zum Regieren ins Rathaus.

Helene versorgte den Haushalt, die beiden ältesten Kinder waren erwachsen, die Jüngste, Inge, begann nach dem Krieg als 15Jährige eine Lehre als Industriekauffrau. Sehr eng wurde es für die fünfköpfige Familie, als 1947 eine Verwandte von Wilhelm Kaisen mit Mann und drei Kindern aus Dresden für einige Zeit bei ihnen Unterschlupf fand. Kurz vor Kriegsende hatte es schon einmal solch eine drangvolle Enge bei Kaisens gegeben, als nämlich die sechsköpfige Familie von Wilhelms Neffen Hans aufgenommen worden war. “Eine grauenhafte Zeit“, wie Ilse Kaisen sich erinnert (S. 45). Wie viele es auch immer waren, satt werden mussten alle. „Wie meine Frau es immer wieder fertig brachte, alle Wünsche zu erfüllen, ist mir manchmal ein Rätsel geblieben“, wundert sich ihr Mann in seinen Erinnerungen (S. 160).

Helene Kaisen wollte trotz aller Belastungen wieder politisch aktiv werden, Wollte raus aus der ländlichen Abgeschiedenheit und raus aus der politischen Isolation. Nach der Wiederzulassung der SPD im Oktober 1945 kann sie die Mitgliedschaft in ihrer Partei erneuern, die ja schon von 1907 bis 1933 bestanden hatte. Sie wird im SPD-Distrikt Borgfeld aktiv, arbeitet wieder eng mit der Vorsitzenden Anna Stiegler in der SPD-Frauengruppe zusammen und ermahnt ehemalige Genossinnen, trotz des harten Nachkriegsalltags nicht zu resignieren, sondern wieder mitzuarbeiten in der Partei. Sie fühlt offenbar geradezu den Drang, mitzuhelfen beim Aufbau eines demokratischen Nach-Nazi-Deutschland. Und den will sie auch anderen Frauen vermitteln. Deshalb schreibt sie Artikel im September 1945 neu gegründeten Weser-Kurier, in denen sie mit eindringlichen Worten an die Verantwortung der Frauen appelliert. „Wir Frauen müssen erkennen, daß unsere heutige Zeit von uns verlangt, dass wir uns mit unserem ganzen Menschen für den Wiederaufbau einsetzten. Man kann unsere helfende Mitarbeit nicht entbehren.“ Dabei betont sie die Gleichwertigkeit und fordert die Gleichberechtigung der Geschlechter. „Dieser neue demokratische Staat, errichtet von Frauen und Männern, die mit Einsicht, Vertrauen und Zähigkeit am aufbauenden Werk sind, kennt keine Trennung zwischen Männern und Frauen. Dieses neue werdende Staatsgebilde kann nur aufgebaut werden von Bürgern und Bürgerinnen mit gleichen sozialen und politischen Rechten und Pflichten.“ (WK 10.11.1945 „Frau und Politik“). Man beachte: Mit gleichen sozialen und politischen Rechten! Vor der ersten Wahl zum Deutschen Bundesstag im August 1949 ermahnt sie die Frauen, auf jeden Fall wählen zu gehen. „`Politik interessiert mich nicht.` Das gibt`s nicht mehr!“ Das will sie nicht mehr hören.

Ab dem 1. September 1945 ist die Mitglied im Arbeiterhilfswerk, das sich ab 1948, nachdem man sich von den Kommunisten getrennt hatte, wieder wie vor 1933 Arbeiterwohlfahrt nennt. In Borgfeld gründet sie eine Nähstube für junge Mädchen. Im März 1946 wird sie Mitglied im überparteilichen Bremer Frauenausschuss „Frauen steht nicht beiseite! Helft mit.“ So heißt es im Gründungsaufruf im Weser-Kurier. Überschrieben mit „Wir rufen euch Frauen!“ (WK v. 16.3.1946). Ihr Taschenkalender der frühen Nachkriegsjahre ist voll von Sitzungsterminen. Die fanden nicht nur in Borgfeld statt, sondern im Rathaus, wo der Bürgermeister den Frauen vom Bremer Frauenausschuss einen kleinen Raum frei gemacht hat, in verschiedenen Privatwohnungen in der Innenstadt, in Gröpelingen, wo die AWO tagte. Wie kam sie dahin von ihrem Hof am Stadtrand aus? Mit Bus vom Lehester Deich die Heerstraße entlang, mit der Kleinbahn „Jan Reiners“ ? Oder schickte ihr Mann auch mal seinen Dienstwagen?

Man könnte fast meinen, in all diesen Aktivitäten kam die junge Aktivistin Helene Schweida wieder zum Vorschein, die sich vor und während des Ersten Weltkrieges leidenschaftlich für eine andere, eine bessere Gesellschaft eingesetzt hatte. Frauen müssen sich politisch bilden, um mitreden zu können, davon war sie zutiefst überzeugt. Auch deswegen übernimmt sie ab September 1951 für viele Jahre im Rahmen der Volkshochschule die Ausgestaltung eines monatlich stattfindenden „Abend der Frau“, auf denen Themen wie Staatsbürgertum, Wahlrecht, Jugendschutz oder Bildungspolitik behandelt werden und auf denen sie auch selbst referiert. Sie bereitet immer sehr sorgfältig ihre Vorträge vor, ist stilsicher und ausdrucksstark.

Viel Zeit und Kraft – physische und psychische – kostete sie es , ihrem Mann die Beantwortung der vielen Bittgesuche abzunehmen, die täglich und wöchentlich eintrafen – in Briefen , aber auch in Gestalt der notleidenden Menschen selbst, die die Privatwohnung aufsuchten. Mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld hörte sie sich die Sorgen derjenigen an die z.B. dringend aus einer feuchten Kellerbehausung ausziehen mussten, weil die Kinder krank waren, aber keine Wohnung fanden. Das gab es noch im Jahr 1961! Nicht alle hatten eben vom Wirtschaftswunder profitiert. Es kam auch vor, dass sie einem Bittsteller 10 DM in die Hand drückte, „weil er hungrig war und kein Quartier hatte“ (StAB 7,97/3-14) und ihn dann zum Wohlfahrtsamt schickte, nachdem sie mit dem zuständigen Beamten telefoniert hatte. Sie verstand es, ihr Netzwerk für die Hilfesuchenden zu nutzen. Kaisen war sich wohl bewusst, welchen Anteil diese Tätigkeit seiner Frau – als „Kummerkasten“ für Hilfsbedürftige – an seiner eigenen ungeheuren Popularität hatte, schreibt sein Biograf Karl-Ludwig Sommer. Ihre Tätigkeit mehr im Unsichtbaren, quasi in seinem Schatten, war von unschätzbarem Wert für ihn. Das sei damals „kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn besonders anerkannt worden“ (Sommer S. 477). Zu schaffen war das alles nur, weil die große Tochter Ilse nach dem Krieg und längerer Krankheit nicht wieder in ihren erlernten Beruf als kaufmännische Angestellte zurückgekehrt war, sondern ihrer Mutter zu Seite stehen wollte.

Was wohl Helene Kaisens wichtigster sozialpolitischer Einsatz war, der auch noch heute Früchte trägt – das war das Nachbarschaftshaus Am Ohlenhof in Gröpelingen. Seit den 1990er Jahren ist es unter dem Namen Helene Kaisen-Nachbarschaftshaus bekannt, das erste Bürgerhaus Bremens. Durch Kontakte der deutschen Arbeiterwohlfahrt mit dem amerikanischen freireligiösen Sozialwerk der Unitarier – Unitarian Service Committee – war der Plan entstanden, im Arbeiterbezirk Bremen-Gröpelingen ein Nachbarschaftshaus zu errichten. Es sollte ein „offenes Haus“, ein Treffpunkt für alle Altersgruppen werden. Sie sollten „durch praktisches Erfahrung und unmittelbares Erleben den innere Gehalt einer echten demokratischen Gemeinschaft kennenlernen“. So steht es in der Satzung des im Juni 1951 gegründeten Trägervereins „Nachbarschaftshaus Gröpelingen“. Dieses Projekt, das durch namhafte finanzielle Unterstützung der Henry-Ford-Foundation zustande kam, ist auch im Zusammenhang mit der amerikanischen Reeducation-Politik zu sehen, die ja den Deutschen nach 12 Jahren diktatorischen Nazi-Regimes den demokratischen und toleranten Umgang miteinander vermitteln wollte. Das Nachbarschaftshaus wurde im Mai 1952 in gemeinsamer Trägerschaft von Unitariern, AWO und Bremer Senat eröffnet. Die Stadt Bremen stellte das Grundstück zur Verfügung. Zur ersten Vorsitzenden des Trägervereins war ein Jahr zuvor – wer wohl? – Helene Kaisen gewählt worden, die ja wie schon vor 1933 seit 1945 wieder Mitglied der AWO war. In dieser Funktion übte sie nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung dieses ersten Bürgerhauses aus. Als sie 1964 ausscheiden wollte, ließ man sie nur ungern gehen.

Welche Leistung sie vollbrachte, was sie alles schaffte, wird einem/wird einer erst klar, wenn man sich vergegenwärtigt, was sie alles gleichzeitig war: Sie war Landfrau, die Buch darüber führte, wie viel Milch abgeliefert wurde oder wann der Tierarzt zur Besamung der Kuh kommen musste. Sie war die sozialpolitische Aktivistin, die die Idee und das Konzept eines Bürger- oder Nachbarschaftshauses propagierte. Sie war sozialdemokratische Genossin, die auf der Frauenfeierstunde zur Sonnenwende des SPD-Distrikts Neustadt am 24.Juni 1953 zur Werbung für die sozialdemokratische Idee aufrief; die die Adventsfeier der sozialdemokratischen Frauengruppe Walle am 2.Dezember 1962 mit einer bewegenden Rede über die Wichtigkeit von „Verständigung und Liebe unter den Menschen“ krönte. Nicht nur die eigenen Angehörigen, „auch den Nächsten wie sich selbst“ müsse man lieben. Klingt fast religiös. Helene Kaisen war aber 1923 schon aus der katholischen Kirche ausgetreten. (In der Heiratsurkunde von Wilhelm und Helene Kaisen steht bei beiden unter Glaubensbekenntnis „Dissident“), Sie war die Genossin, die in der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ Artikel publizierte, u.a. über Rosa Luxemburg und den Sozialismusbegriff („Die Gleichheit“ vom 31.10.1962. Original in einer Vitrine im Helene Kaisen-Zimmer in Borgfeld). Sie war ferner die über den Parteien stehende First Lady des Bundeslandes Bremen, die die Damen des konsularischen Korps ins Gästehaus des Senats einlud und zu kulturellen Veranstaltungen begleitete, sich um die Ehefrauen hochrangiger in- und ausländischer Besucher kümmerte; die ihren Mann auf Reisen begleitete, die Ausstellungen eröffnete und Schiffstaufen vornahm. – Und sie war schließlich liebende Ehefrau, die ihrem Mann Geborgenheit gab, die sich Sorgen um seine Gesundheit machte und ihn zu Hause pflegte, wenn er zeitweise unter bösen  Anfällen von partieller Bewußtseinsstörung aufgrund einer chronischen Erkrankung des Magen-Darm-Traktes litt. Genaue Angaben finden sich in ihren Notizkalendern). Diese Anfälle verschwanden später.

Alle diese Rollen füllte Helene Kaisen mit vollem Einsatz und vollem Herzen aus. Kein Wunder, dass ihr Körper das nicht ewig mitmachte.. Ab Mitte der 60er Jahre nahmen gesundheitliche Probleme zu. Ihr Mann, der 1965 aus dem Amt schied, konnte sich mehr um seine Frau kümmern und ihr damit ein wenig für all das, was sie für ihn getan hatte, danken. Es traf sich gut, dass seit 1965 die jüngste Tochter Inge mit ihrem Mann Gerhard Menze in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte. Die Eltern hatten ihr als vorgezogenes Erbe einen Teil des inzwischen größer gewordenen Grundstücks übertragen. Inge gab ihre Berufstätigkeit als Industriekauffrau in einer großen Bremer Firma auf, kümmerte sich um Haus und Garten – auch den elterlichen – und was vor allem wichtig war: sie übernahm die tägliche Kocherei für die ganze Familie. Ihre Mutter habe das gemeinsame Mittagessen in Inges Haus immer sehr genossen, schreibt Ilse Kaisen. Das konnte sie – auf beiden Seiten untergehakt von ihren Lieben – noch gut erreichen, auch als sie nicht mehr so mobil war.

„Unsere Mutter wurde 75 Jahre alt. Sie war erschöpft und am Ende ihrer Kraft. In der Familie haben wir sie umsorgt und gepflegt“, so Ilse Kaisens Worte. (S.55). Sie starb am 5. September 1973 einen sanften Tod zu Hause im Kreise ihrer Familie.

Ich komme zum Schluss.

Helene Kaisen – die Frau an seiner Seite? Ich hoffe, ich habe dargelegt, dass sie mit dieser Bezeichnung nicht erschöpfend charakterisiert ist. Sie lässt sich zweifellos nicht allein über ihren Mann definieren, auch wenn ein großer Teil ihres Lebens durch ihn bestimmt war. Sie war vielmehr eine eigenständige Persönlichkeit, eine politisch denkende Frau mit eigenen großen Potenzialen,, die sie allerdings nicht die Chance hatte voll auszuschöpfen. Nach 1945 pflegte sie ihren eigenen, wenn auch kleineren Wirkungskreis in ehrenamtlicher Tätigkeit. Hauptsächlich aber hielt sie es – jedenfalls seit Beginn der 20er Jahre – für ihre Pflicht, dem Politiker Wilhelm Kaisen den Rücken frei zu halten – eine Leistung, die generell in der Öffentlichkeit nicht gewürdigt wird. Das war aber wohl kein Opfer für sie, sondern eher eine Liebespflicht. Denn sie liebte ja ihren Mann und ihre Familie. Ob sie es nicht manchmal doch im Stillen ein wenig bedauert hat, nicht selbst eine politische Laufbahn eingeschlagen zu haben? Darüber haben wir keine Aussagen von ihr.

Mich, die Referentin, jedenfalls – das muss ich ehrlich zugeben – erfüllt der von ihrem Mann erwartete und von ihr akzeptierte Verzicht mit einem gewissen Bedauern. Natürlich hätte sie das Zeug gehabt, das sah ihr Mann ganz richtig, eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen.

Die Neue Frauenbewegung der 1970er Jahre forderte – zuweilen in schrillen Tönen – die Frauen auf, für eigene Freiräume, für die eigene Selbstverwirklichung unabhängig vom Mann zu kämpfen. Helene konnte das in der Presse verfolgen. Ob sie darüber den Kopf geschüttelt hat? Auf jeden Fall war das nicht ihre Welt. Sie war keine lautstarke Kämpferin für die Rechte der Frauen, aber dass Frauen ihre Stimme in der Politik zu Gehör bringen müssen, davon war sie überzeugt und das sagte sie auch deutlich.

Renate Meyer-Braun