Artikel

Frauen gestalten Reformation – Biographisches Porträt: Katharina von Bora

29. Januar 1499, Lippendorf – 20. Dezember 1552, Torgau

„Die wird dir niemals gehorchen!” – so die Warnung des Reformators Philipp Melanchthon an seinen Freund und Kollegen Martin Luther, als sich dieser im Alter von 42 Jahren entschloss, die ehemalige Nonne Katharina von Bora zu heiraten. Ob die mahnenden Worte Melanchthons im Film der Regisseurin Julia von Heinz[1] tatsächlich so gefallen sind, ist nicht sicher. Sicher ist nur, dass er ein entschiedener Gegner der Ehe war, und Katharina schätzte er richtig ein, denn sie wurde eine Ehefrau, die weder den gesellschaftlichen Normen, noch dem Rechtssystem des 16. Jahrhunderts entsprach.

Katharina von Bora, Gemälde von Lucas Cranach d.Ä.1526, Wikipedia

Sie kam am 29. Januar 1499 auf der Burg zu Klitzen, einem kleinen Ort im Kurfürstentum Sachsen, zur Welt. Ihre Mutter – Anna von Schönberg – stammte aus einem angesehenen Adelsgeschlecht, ihr Vater – Hans von Bora – gehörte zum verarmten Landadel. Katharina hatte einen Bruder und aus der ersten Ehe ihres Vaters drei Halbgeschwister. Mit vier oder fünf Jahren wurde sie dem nahegelegenen Benediktinerinnenkloster übergeben; als Zehnjährige kam sie zu den Zisterzienserinnen des Klosters Marienthron zu Nimbschen, wo sie Schreiben, Rechnen sowie die lateinische Sprache lernte; außerdem bekam sie Unterricht in der Buchführung, Pflanzen- und Heilkunde.

Am 8. Oktober 1515 legte die Novizin ihr Gelübde ab. In der Osternacht vom 6. zum 7. April 1523 floh sie – zusammen mit elf weiteren Nonnen aus dem Kloster und kam über Torgau nach Wittenberg, wo neun der geflüchteten Frauen – drei konnten in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren – im Haus des bekannten Malers Lucas Cranach d.Ä. aufgenommen wurden.

Am 13. Juni 1523 fand im „Schwarzen Kloster”, dem späteren und noch heute so genannten „Lutherhaus”, die Hochzeit Katharina von Boras und Martin Luthers statt. Das Ehepaar bekam in kurzen Abständen drei Töchter und drei Söhne; zwei Töchter starben und 1540 erlitt die Mutter eine schwere Fehlgeburt, die sie fast das Leben gekostet hätte.

Von diesen äußeren Daten abgesehen, ist die Überlieferung zum Leben Katharinas dürftig und bruchstückhaft. Auch der umfangreiche Briefwechsel mit Luther gibt direkt nichts her, denn – anders als seine Briefe – sind ihre nicht erhalten. Trotzdem ist vor dem historischen Hintergrund und nach den Zeugnissen Luthers und seiner Zeitgenossen zu vermuten, wenn nicht sogar zu schließen, dass die Ehefrau des Reformators eine ungewöhnlich fähige und willensstarke Frau war.

Das zeigt zunächst ihre nächtliche Flucht. Durch heimliche Kontakte zur Außenwelt des streng abgeschlossenen Klosters kam sie an Schriften Martin Luthers. Vielleicht war die erste die „Von der Freiheit eines Christenmenschen”, die 1520 erschien und „die dritte und berühmteste der reformatorischen Flugschriften”[2] war. So provozierende Sätze wie „Eyn Christen mensch ist ein freyer herr über alle ding und niemandt unterthan”[3], die sich gegen die Vermittlung Gottes allein durch die katholische Hierarchie richteten, können die Nonne, die unter den Zwängen des Klosterlebens litt, tief beeindruckt haben. Mit Sicherheit hat die Schrift „De votis Monasticis”[4] (Über die Klostergelübde), die 1521 herauskam, diese Wirkung auf sie gehabt, denn darin „hatte der Reformator das Mönchstum, klösterliches Leben und den Zölibat einer vehementen Kritik unterzogen und … damit eine ganze Welle von Klosteraustritten und Klosterfluchten ausgelöst“[5]. Jedenfalls gelang es ihr und elf gleichgesinnten Nonnen mithilfe des Torgauer Klosterlieferanten Leonard Koppe zu fliehen. Auf Fluchthilfen dieser Art stand die Todesstrafe und es gab Beispiele dafür, dass sie auch vollstreckt wurde. Dass Koppe das Wagnis trotzdem einging hing damit zusammen, dass er in Torgau Unternehmer und Ratsherr war, Luthers Gedankenwelt vertrat und außerdem der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise über Protestanten seine schützende Hand hielt.

Ein weiteres Beispiel für Katharinas Selbstständigkeit war ihre Heirat. Obwohl ihr die Rückkehr in ihre Familie verwehrt war, sie zwei Jahre lang von ihren Gastgebern und auch Freunden der Familie Cranach gedrängt wurde, sich für einen der interessierten Kandidaten zu entscheiden, und Barbara Cranach ihr deutlich machte, dass als ehrlose Alternative nur das „Freudenhaus” geblieben wäre, weigerte sich Katharina einen Mann zu heiraten, der ihr nicht gefiel bzw. den sie nicht liebte. Stattdessen erklärte die mittellose, dem Kloster entflohene Nonne, die mit ihren 26 Jahren schon als ältere Frau galt, ihrer fassungslosen Umgebung, nur Martin Luther heiraten zu wollen, der daran selbst noch gar nicht gedacht hatte und darüber hinaus Universitätsprofessor und seit seinem spektakulären Auftritt vor dem Reichstag in Worms 1521 eine ebenso gefeierte wie bekämpfte und als Ketzer verfolgte Größe war. Dass Luther sich schließlich bereit erklärte, ihren Antrag, den eigentlich er hätte stellen müssen, anzunehmen, ging nicht auf Liebe, sondern Vernunftsgründe zurück. Einmal wollte er dem langjährigen Wunsch seines Vaters nachgeben, für Nachkommenschaft zu sorgen; dann sah er sich verpflichtet, seinen Schriften über die Gottgefälligkeit nicht der klösterlichen Keuschheit, sondern der Ehe- und Familiengründung auch persönliche Taten folgen zu lassen. Trotzdem war das Verhältnis zwischen dem früheren Mönch und der ehemaligen Nonne sehr bald von gegenseitiger Zuneigung, Liebe und erfülltem Sexualleben bestimmt, was auch in den bald einsetzenden Geburten der sechs Kinder zum Ausdruck kam.

Trauung von Katharina von Bora mit-Martin Luther. Gemälde von Wilhelm Linnig d.J. um 1880. Eisenach. Wartburg. ©Bildarchiv-Foto-Marburg / Rolf-W.Nehrdich

www.fotomarburg.de

In der Ehe mit Luther entwickelte Katharina Fähigkeiten, die weit über die Erfordernisse der damaligen Hauswirtschaft hinausgingen. In der Erziehung der eigenen Kinder, zu denen die der zahlreichen Verwandten hinzukamen, der Anleitung der Dienstboten, der Bewirtung auch der vielen Studenten, die an den täglichen mehrgängigen Mahlzeiten teilnahmen, der sogenannten „Studentenburse”, zeigte sie außerordentliches Geschick, ebenso in Geldangelegenheiten, von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte. Sie erwarb Immobilien, pachtete Grund und Boden, bewährte sich als Bierbrauerin und „Baufrau”, so dass der ursprünglich verwahrloste Haushalt, wie der Historiker Heinz Schilling in seiner umfassenden Lutherbiografie schreibt, „schließlich zu den wohlhabendsten der Stadt (zählte) … vergleichbar nur mit dem Wohlstand der Malerunternehmerfamilie Cranach”[6]. Mit dem „Katharinenportal”, dem spätgotischen Hauseingang zum „Lutherhaus”, das sie selber entworfen hatte und ihrem Mann zu seinem 57. Geburtstag schenkte, bewies sie auch künstlerisches Talent. In den „Tischreden” Luthers, die dank der kontinuierlichen Protokollführung der Studenten in 6 Bänden vorliegen[7], ist von ihren Leistungen nichts zu finden. „Sie wurden … spät aus Rechnungsbüchern oder … durch archäologische Forschungen am Lutherhaus erschlossen” und „(fanden) die angemessene Würdigung … erst in der neueren Sozial- und Geschlechterforschung”[8].

Die Zeitgenossen unterstellten Katharina Dominanz und Herrschsucht, was nicht nur mit Neid oder Gehässigkeit, sondern auch der damals herrschenden „Geschlechtsvormundschaft” bzw. „Kuratel” zu erklären ist. Nach diesem Rechtsinstitut war eine Frau vor allem als Ehefrau ihr Leben lang und in jeder Hinsicht einem Mann – ihrem Vater, Ehemann, Bruder oder amtlicherseits bestellten Kurator – unterworfen, d.h. dass sie für jede Entscheidung seine Erlaubnis brauchte. Wie weit diese Abhängigkeit ging, wird vor allem daran deutlich, dass sie sogar für das Stillen ihrer neu geborenen Kinder galt. So musste Katharina Martin Luther schon vor der Geburt ihres ersten Kindes um die Erlaubnis bitten, „dass sie das Kind selbst nähren dürfe”, also keine Amme nehmen wolle. Denn diese Entscheidung war „sein Recht und seine Pflicht”, selbst die, „zu bestimmen, wie lange Katharina seinen Sohn stillte”[9].

Obwohl Luther in religiöser Hinsicht die Gleichheit der Geschlechter vertrat, da „die Frau ‘Miterbin der Gnade‘“[10] sei, blieb für ihn die weltliche „Geschlechterhierarchie unangefochten”, denn sie wäre „Folge des Sündenfalls”[11] , d.h. der Verführung Adams durch die biblische Eva. Wie er in einer seiner „Tischreden” sagte, war die Ehe für den Mann das Leben „mit einer frommen, willigen, gehorsamen Weibe”[12], das er, wenn es sich ungehorsam zeigte, auch „heimlich und brüderlich strafe(n)”, aber „behalte(n)” könne, „so sie sich bessern will”[13]. Tatsächlich aber hat Luther die Leistungen seiner Frau – auch wegen der damit für ihn und seine Arbeit verbundenen Annehmlichkeiten – geschätzt und bewundert und das u.a. in den zahlreichen Briefen zum Ausdruck gebracht, die er ihr von seinen Reisen nach Hause sandte. So redete er sie als seinen „lieben Herrn katharina, Doktorin, Predigerin zu Wittenberg” an[14]; er schrieb „der reichen Frau zu Zülsdorf, Frau Doktorin Katherin Ludherin …”[15] oder „meiner freundlichen, lieben Hausfrau, Katharina Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann …”[16].

Figur der Katahrina von Bora am Lutherbrunnen in Ludwigshafen. Foto: GernotRumpf. Wikipedia

Seine Wertschätzung Katharinas aber kam in seinem Testament am stärksten zum Ausdruck: „Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit … bestimmte er Katharina zur Universalerbin und ernannte sie zum Vormund ihrer Kinder”[17], denn – so Luther – „ich halte dafür, daß die Mutter werde ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein …, als die ihr Fleisch und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat.”[18]

Aber Luthers letzter Wille hinsichtlich seiner Frau wurde nicht befolgt, obwohl sich der Kurfürst dafür eingesetzt hatte; sie und ihre Kinder bekamen getrennte Vormünder, letztere „ihren Bruder Hans, Luthers Bruder Jakob und den Wittenberger Bürgermeister Reuter … auch den Leibarzt Matthäus Ratzeberger”[19].

Ihre letzten Jahre waren von wiederholter Flucht vor Kriegen und im Frühsommer 1552 vor der in Wittenberg sich ausbreitenden Pest bestimmt. Vor Torgau, wo sie ein Unterkommen suchte, erlitt sie einen Unfall, von dem sie sich nicht mehr erholte und am 20. Dezember 1552 starb.

Grabstein / Epitaph der Katharina Luther in der Marienkirche in Torgau. Wikipedia

Am Tag darauf wurde sie in der Kirche St. Marien, wo Luther seine erste protestantische Predigt gehalten hatte, beigesetzt. Ihre Kinder stifteten ihr ein großes farbiges Epitaph, das noch heute zu sehen ist.

Romina Schmitter

[1] Julia von Heinz: Katharina Luther (inkl. Bonus-Doku “Luther und die Frauen”) 2017 Eikon Süd GmbH, MDR und Telepool GmbH (DVD Laufzeit: 105 Minuten)
[2] Schilling, Heinz: Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs – Eine Biographie, München 2017, 3. Auflg., S.193
[3] Martin Luther: Werke (Weimarer Ausgabe), Bd.7, Weimar 1897, S.21
[4] ders.: Bd.8, Weimar 1889, S.573-669
[5] Gerhard, Ute: Ehe-Recht, Hannover 2016, S.12
[6] Schilling, a.a.O., S.337f
[7] a.a.O., S.341f
[8] a.a.O., S.342
[9] Jäckel, Karin: Die Frau des Reformators – Das Leben der Katharina von Bora (Historischer Roman), Hamburg 2017, 8.Auflage, S.407; noch im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794, das zur Zeit seiner Entstehung zu den fortschrittlichen deutschen Partikularrechten gehörte, war zu lesen: „Eine gesunde Mutter ist ihr Kind selbst zu säugen verpflichte. … Wie lange sie aber dem Kinde die Brust reichen solle, hängt von der Bestimmung des Vaters ab” (zit.: Weber, Marianne: Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung (1907), Aalen 1971, S.339)
[10] Schorn-Schütte, Luise: Wirkungen der Reformation auf die Rechtsstellung der Frau im Protestantismus; in: Gerhard, Ute (Hrsg.): Frauen in der Geschichte des Rechts – Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, S.94-104, S.96
11]
Gerhard, Ehe-Recht, S.18
[12] Joestel, Volkmar/Schorlemmer, Friedrich (Hrsg.): Die Nonne heiratet den Mönch – Luthers Hochzeit als Scandalon. Eine Textsammlung, Wittenberg 1999, S.29
[13] Gerhard, a.a.O.,S.17
[14] Joestel/Schorlemmer, a.a.O., S.30
[15] a.a.O., S.34
[16] a.a.O., S.35
[17] a.a.O., S.37
[18] a.a.O., S.38
[19] Treu, Martin: Katharina von Bora, Wittenberg 2003, 4.Aufl., S.72