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Bontjes van Beek, Cato

14.November 1920 in Bremen – hingerichtet am 5.August 1943 in Berlin-Plötzensee

Cato verbrachte ihre Kindheit und Jugendzeit mit ihren jüngeren Geschwistern Mietje und Tim in Fischerhude. Ihre Eltern waren die Ausdruckstänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek, geb. Breling und der Keramiker Jan Bontjes van Beek (seine Eltern stammen aus Holland). Zum Verwandtenkreis gehörten neben den Brelings auch die Modersohns – Otto Modersohn war Catos Onkel – bekannte Menschen der Zeit zählten zum Freundeskreis der Familie und kamen gerne in das geistig aufgeschlossene Haus in der Bredenau in Fischerhude.

Nach dem Besuch der Dorfschule in Fischerhude lebte die 9jährige Cato bei Verwandten in Amsterdam, um dort ein Gymnasium besuchen zu können. Sie war 13 Jahre alt, als sie 1933 wieder nach Fischerhude zurückkehrte. Die Eltern hatten sich inzwischen getrennt, der Vater zog nach Berlin, wo er eine erfolgreiche Keramikwerkstatt aufbaute und später eine neue Familie gründete. In Fischerhude erhielt Cato neben der Volksschule in vielen Fächern Privatunterricht bei dem damals jungen und in seinen Auffassungen modernen Pastor Tidow, der sich aber dann auf Sprache und Literatur konzentrierte. In ihrem Wesen sehr offen, entwickelte Cato eigene kritische Ideen, die sie mit dem Pastor diskutierte. Sie verfasste Gedichte und schrieb lange Aufsätze.

Lesen war ihre große Leidenschaft. Eine große Auswahl an Weltliteratur im Elternhaus ermöglichte ihr umfassende Literaturkenntnisse: von Naturbeschreibungen, Jungmädchen-büchern, Karl May, „Onkel Tom’s Hütte“ bis – später – zu Goethe, E.T.A Hoffmann, Novalis, Tolstoi, Dostojewski, Gorki. Die Mitgliedschaft in der Bremer Stadtbibliothek genügte ihr nicht, sie erwarb in einem Bücherring Bände der klassischen Gesamtausgaben. Auch indische Weisheit oder die Philosophen des alten China, wie Lao-Tse und Konfuzius studierte sie. Und – auch durch ihr Literatur-Studium – durch Lesen – erkannte sie die Bedeutung des Sozialismus und die Notwendigkeit, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen.

Auch sportlich war sie sehr aktiv – und dann kam der Traum vom Fliegen dazu. Bei einem Englandaufenthalt als Au-pair-Mädchen wurde sie zum Segelfliegen mitgenommen und selbst eine leidenschaftliche Segelfliegerin – machte sogar die Segelflug-Prüfung A, trat dem NS-Segelfliegerverband bei, um fliegen zu können, war aber nicht Mitglied im BDM.

Um eine Ausbildung zu machen ging die 16jährige im Herbst 1937 nach Berlin. Dabei schwankte sie zwischen Fliegerin, Schauspielerin, Keramikerin und Globetrotterin. Zuerst sollte sie eine schulische kaufmännische Ausbildung machen, womit sie auch einverstanden war. Ein praktischer Teil im Ingenieurbüro für Elektrik (Heyse & Eschenburg) in Bremen folgte. Die Ausbildung war nicht gerade das, was sie wollte, aber sie wusste, dass sie eine Grundlage brauchte, um später in der Keramikwerkstatt ihres Vaters tätig zu sein, wie es jetzt ihr Plan war. Ende 1939 – der Krieg hatte begonnen – wurde die 19jährige zum R.A.D. („Reichsarbeitsdienst“) nach Ostpreußen eingezogen, wo sie mit dem Kriegs-Elend anderer Menschen konfrontiert wurde.

Danach – 1940 – lebte Cato mit ihrer Schwester Mietje wieder in Berlin bei ihrem Vater. Mit Rali, der zweiten Frau ihres Vaters, verstanden sie sich gut – Mietje besuchte eine Schule für Graphik und Buchdruck und Cato war bei ihrem Vater in der Werkstatt.

In Berlin nutzte sie die kulturellen Angebote. Sie besuchte Vorträge, las viel, interessierte sich für philosophische und religionsphilosophische Abhandlungen. Aufmerksam verfolgte sie das Geschehen um sich herum und erkannte die sich ändernde politische Situation, den mächtiger werdenden Nationalsozialismus und seine Auswirkungen. So entwickelte sie ein Bewusstsein für das von den Nazis verursachte Leid und Unrecht und wollte etwas dagegen tun: „Ihr redet nur – und keiner tut etwas dagegen“ schrieb sie in einem ihrer zahlreichen Briefe.

Die Kriegserscheinungen ließen sie aktiv werden: Auf den täglichen S-Bahn-Fahrten zur Werkstatt sahen sie und ihre Schwester französische Kriegsgefangene und erkannten deren Not. Geschickt mischten sie sich unter diese und tauschten Zettel aus, auch Zigaretten, Seife, Streichhölzer oder Nähgarn wechselten auf diese Weise den Besitzer. – Das bereits war »Hochverrat«.

Einer ihrer guten Bekannten und Freund ihres Bruders, Helmut Schmidt, brach den Kontakt zu ihr ab, weil er die Gefährlichkeit ihres Tuns erkannte. Er sagte darüber: »Einmal lud sie mich zu einer großen Fete … am Kaiserdamm ein. Es waren wohl an die 40 Leute da, und es wurde ungeheuer abfällig … über die Nazis geredet. Dabei kannte mich da außer Cato keiner – ich hätte doch auch ein Agent der Gestapo sein können! Ich hatte Cato … gewarnt, dass das, was sie machte, zu gefährlich sei. Aber ich war nicht energisch genug, das habe ich mir später vorgehalten.«

Allerdings brachte ihre Begeisterungsfähigkeit ein mangelndes Gefühl für Gefahr mit sich.

Sie lernte in der Wohnung ihres Vaters neben anderen seiner Freunde, die Gegner des Naziregimes waren, auch Libertas Schulze-Boysen kennen, die mit ihrem Mann Harro und Arvid Harnack das Zentrum einer aktiven Widerstandsgruppe bildeten. Harro Schulze-Boysen war Jurist und Offizier im Luftfahrtministerium, Arvid Harnack Ökonom und Oberregierungsrat. Cato, von Libertas zur Mitarbeit aufgefordert, war mit Eifer dabei. Sie half mit, ein sechsseitiges Flugblatt zu entwerfen, das zum Umsturz aufrief. Es wurde an hunderte von Leuten verschickt – und es fiel der Gestapo in die Hände, was das Todesurteil für viele Menschen bedeutete. Doch das ahnte da noch niemand. Das war im Herbst 1941. Cato, 20 Jahre alt, war glücklich verliebt in den Lyriker Heinz Strelow, dessen Familie auch Kontakt zu ihrer Familie in Fischerhude hatte. Sie brachte ihn mit in die Gruppe, die später vom NS-Regime zur »Roten Kapelle« gezählt wurde. Auch er hielt deren Aktivitäten für waghalsig und hochgefährlich und sie verließen die Gruppe bald. Beide gaben die Arbeit im Widerstand jedoch nicht auf. Sie verfassten weiter Flugblätter, die heimlich an vielen Orten verteilt wurden.

Sie wussten nicht, dass die Gestapo sie bereits im Visier hatte.

Cato verbrachte im folgenden Sommer drei schöne Wander-Wochen im Böhmer- und Bayrischen Wald. Ihrer Mutter schrieb sie, dass sie wieder Gras und Erde gerochen habe: »ich sehne mich nach einer ruhigen Zeit«. Doch – gerade zurückgekehrt von ihrer Wanderung – wurde sie am 20.September 1942 um 8 Uhr morgens zusammen mit ihrem Vater verhaftet. Sie war 21 Jahre alt.

Ihr Vater hatte Glück und wurde nach drei Monaten wieder entlassen, ihre Schwester Mietje wurde nicht festgenommen. Niemand, selbst Cato nicht, rechnete mit mehr als ein paar Jahren Zuchthaus. Ihre Familie setzte sich sehr dafür ein, Cato aus dem Gefängnis herauszubekommen. Olga Bontjes van Beek hielt sich nun häufig in Berlin auf, sooft sie durfte, besuchte sie ihre Tochter, brachte ihr frische Wäsche und Nahrungsmittel.

Der Prozess gegen das Ehepaar Schulze-Boysen, das Ehepaar Harnack, gegen Hans Coppi und sieben andere wurde im Dezember 1942 geführt. Bis auf Mildred Harnack und Erika von Brockdorff wurden alle Angeklagten zum Tode verurteilt. Die beiden Frauen erhielten zunächst Zuchthausstrafen, wurden im Januar 1943 aber auch hingerichtet. Cato erfuhr von diesen Urteilen – und hoffte weiter. – Im Gefängnis war sie beliebt, auch bei den Aufsehern. Laut sagte sie die 16 Gedichte auf, die sie auswendig konnte, pfiff Melodien und sang.

Cato wurde am 18.Januar 1943 vom „Reichskriegsgericht Berlin“ wegen „Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung“ zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Sie war 22 Jahre alt.

Cato erwartete eine schnelle Urteilsvollstreckung, wie es im ersten Prozess auch der Fall war. Catos Familie, Verwandte und Freunde schrieben Gnadengesuche, die Frauensegelfluggruppe, der Cato angehört hatte, der Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Fischerhude und – Cato selbst hatte in der Nacht nach ihrer Urteilsverkündung ein Gnadengesuch direkt an Hitler geschrieben – umsonst. Cato ihrerseits schrieb ein Gnadengesuch für ihren Freund – umsonst. Heinz Strelow wurde am 13.Mai 1943 hingerichtet.

Cato war inzwischen in das Frauengefängnis an der Barnimstraße verlegt worden, sie musste äußerst grobe Häftlingskleidung tragen und die Armbinde „TK“: Todeskandidat“. Ihr Bruder Tim, inzwischen an der Ostfront, schrieb ein Gnadengesuch direkt an die Kanzlei Hitlers und bekam überraschend Heimaturlaub. Cato erfuhr es kurz vor ihrem Wiedersehen am 18.Juli 1943. Am 24.Juli durfte Mietje sie besuchen.

Catos Aufenthalt im Gefängnis dauerte 11 Monate. Vom 20.September 1942 bis zum Prozess und Urteil am 18.Januar 1943 musste sie vier Monate im Gefängnis verbringen und nach der Urteilsverkündung bis zur Vollstreckung am 5.August 1943 weitere sieben Monate, z.T. ohne Leseerlaubnis. Die Zeit war bestimmt durch Ungewissheit, Warten, voller Bangen und Hoffen, Angst, Sehnsucht und Verzweiflung – bis zum Ende ihres letzten Tages.

Trotz der Gnadengesuche, trotz der Tatsache, dass auch Göring als vorletzte Instanz für Gnadengesuche sich für die Umwandlung der Todesstrafe in eine »angemessene Freiheitsstrafe« eingesetzt hatte, wurde auf Hitlers Anordnung die Strafe durchgeführt.

Cato wurde am 5.August 1943 als vorletzte zusammen mit 13 anderen jungen Frauen und zwei Männern im 3-Minuten-Takt in Plötzensee durch das Fallbeil ermordet.

Aufrecht und ohne zu zögern sei die 22jährige Cato Bontjes van Beek in den Tod gegangen, ganz so, wie sie es sich vorgenommen hatte, beschreibt Hermann Vinke in seinem Buch die Szene. Anhand der überlieferten Protokolle konnte der Tag rekonstruiert werden.

Cato Bontjes van Beek war keine politische Widerstandskämpferin, keine religiöse und auch keine intellektuelle. „… Ich bin kein politischer Mensch, ich will nur eins sein, und das ist: ein Mensch. …“ – schieb sie nach der Urteilsverkündung am 18.1.1943 an ihren 16jährigen Zellennachbarn Rainer Küchenmeister. – Sie war mutig – schon als Kind – temperamentvoll, vielseitig interessiert und voller Unternehmungslust, aufgeschlossen, herzlich und neugierig auf das Leben, natürlich selbstbewusst, voller Empathie hatte sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Neben einem starken Darstellungs- und Sprachvermögen verfügte sie auch über die Kraft, andere zu überzeugen, zu begeistern und mitzureißen. – Zum Schluss war sie sehr tapfer, aufrecht und voll Würde.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt – wie schon gesagt – als junger Flack Soldat mit Catos Bruder Tim befreundet, kannte Cato. Er sagte in seiner Ansprache zur Namensgebung des Gymnasiums in Achim in Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium:

„Wir sollten zugleich drei Erkenntnisse in unserem Bewusstsein verankern (…):

  • zum einen, dass von jedem einzelnen von uns heute wie in Zukunft politische Vernunft verlangt wird.
  • Zum anderen, dass von jedem einzelnen von uns die Gesinnung der Menschlichkeit, der Humanitas, verlangt wird.
  • Und zum dritten, dass von uns die Tapferkeit erwartet wird, vernunftgemäß und moralisch zu handeln“. (erinnert: Tim Bontjes van Beek, Zeit-online)

Cato Bontjes van Beek: Gedenkorte (Eine Auswahl)

  • in Berlin-Charlottenburg – ihrer letzten Wohnung – ist ein Stolperstein verlegt,
  • auf dem Friedhof in Fischerhude befindet sich ein Gedenkstein,
  • in Fischerhude ist ein Weg nach ihr benannt, und
  • der Ort Fischerhude ist in die Reihe der niedersächsischen Frauen Orte aufgenommen: als Frauen Ort Cato Bontjes van Beek,
  • in Achim ist das Gymnasium nach ihr benannt und
  • ein Cato Bontjes van Beek-Archiv Dieses Archiv wurde von der Bundeszentrale für Politische Bildung in das Register Orte des Erinnerns aufgenommen.
  • in Bremen-Kattenturm gibt es den Cato-Bontjes-van-Beek Platz.

Über sie gibt es Filme, Theaterstücke und zahlreiche Literatur.

Literatur und Quellen:
Internetseiten: Wikipedia, fembio, Margarete Bertzbach, ZEIT-online
Hermann Vinke: Ich habe nicht um mein Leben gebettelt, Hamburg 2003

Regina Contzen, Januar 2017