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Frauen im Deutschen Widerstand

Beim Thema “Deutscher Widerstand” ging es lange Zeit nur um das Attentat vom 20. Juli 1944, mit dem hohe Militärs versuchten, Hitler zu beseitigen, und um die antifaschistischen Flugblattaktionen einer Münchner Studentengruppe, der “Weißen Rose”.

Inzwischen liegt eine Fülle von Veröffentlichungen zum “Deutschen Widerstand” vor, 1967 gründete sich ein gleichnamiger “Studienkreis”, eröffnete 1977 ein Archiv und eine umfassende Bibliothek, 1994 gab der Fischer-Verlag das “Lexikon des deutschen Widerstands”[1] heraus und in Berlin gibt es eine Gedenkstätte und ein Museum.

Dass es so weit kommen konnte, geht auf drei Persönlichkeiten der Literatur zurück:

  • den Schriftsteller Rolf Ditzen (1893-1947), der unter dem Namen “Hans Fallada” bekannt geworden ist;
  • die Schriftstellerin und Historikerin Ricarda Huch (1864-1947)
  • und den Autor Günther Weisenborn (1902-1969), der zur Widerstandsorganisation “Rote Kapelle” gehörte und der Hinrichtung nur durch eine Zuchthausstrafe entging.

 

Alle Drei begannen im Jahre 1946 – unabhängig voneinander – damit, den deutschen Widerstand vor der drohenden Gefahr des Vergessens zu bewahren:

  • Hans Fallada brachte seinen Roman “Jeder stirbt für sich allein” heraus, in dem er das Schicksal eines Berliner Arbeiterehepaars darstellte, das nach antifaschistischen Postkartenaktionen denunziert und hingerichtet wurde.
  • Ricarda Huch, die 1933 aus Protest gegen die beginnende Judenverfolgung aus der “Preußischen Akademie der Künste” mit der Begründung austrat, dass das, “was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, nicht mein Deutschtum ist.”[2] 1946 veröffentlichte sie einen “Aufruf”, in dem sie um Materialien über den Widerstand der Deutschen bat, denn: “Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Lebensbilder dieser für uns Gestorbenen aufzuzeichnen und in einem Gedenkbuch zu sammeln”[3].
  • und Günther Weisenborn, der ihren “Aufruf” gelesen hatte: er schrieb für die “Münchner Zeitung” einen Artikel mit dem Titel “Es gab eine deutsche Widerstandsbewegung” und nahm mit der Schriftstellerin Kontakt auf. Da Ricarda Huch sich mit ihren 83 Jahren einer Darstellung der Materialfülle, die sie erhalten hatte, nicht mehr gewachsen fühlte, bat sie den jüngeren Weisenborn, diese Aufgabe zu unternehmen, was er um so lieber tat, als er mit seinem gleichfalls umfangreichen Material dasselbe plante.

Das Ergebnis war sein Buch “Der lautlose Aufstand”.[4]

Darin stellte er die Vielfalt der Widerstandsformen dar, von den der Zeugen Jehovas über die der Arbeiterbewegung bis zu der der Intellektuellen, und veröffentlichte u.a. Statistiken, Urteilsprotokolle, Gestapoakten, Dokumente oppositioneller Gruppen sowie Verse, Tagebücher und letzte Briefe von Menschen, denen die Hinrichtung bevorstand.

Gleichzeitig wies er darauf hin, dass dieser Widerstand der “älteste” bzw. “älter” als der in den von den Nazis überfallenen Ländern Europas war, deren Regierungen übrigens oft mit dem NS-Regime kollaborierten.

Dann führte er Gründe dafür an, dass deutscher Widerstand so lange verschwiegen werden konnte: Einmal sei er vom NS-Regime “absolut verheimlicht” worden; das Bekanntwerden hätte Schwachstellen des NS-Staates gezeigt.

Dann waren die Siegermächte alles andere als daran interessiert, die Realität eines deutschen Widerstands öffentlich zu machen; das hätte dem Verdikt einer “Kollektivschuld” widersprochen. Deshalb beschlagnahmten die Sieger “fast alle Unterlagen und ließen sie in den Archiven” vor allem der USA “verschwinden”.[5]

Schließlich wollte die Mehrheit der Nachkriegsdeutschen von dem Widerstand der vielen Landsleute nichts wissen; das hätte ehemalige Nationalsozialisten, Mitläufer und Passive mit der Frage nach ihrem eigenen Verhalten konfrontiert. Außerdem hielt sich lange die Überzeugung, dass Widerstand – selbst gegen ein verbrecherisches Regime – “Landesverrat” sei.

Aber welchen Anteil hatten Frauen am Widerstand?

Günther Weisenborn führt im Namensregister seines Buches rund 40 Frauen auf. Das sind 4,7% der 1175 Gesamtnamen.

Dagegen gibt es im “Lexikon des deutschen Widerstands” unter der Überschrift “Frauen zwischen Dissens und Widerstand” ein eigenes Kapitel.

Die Verfasserin, die Berliner Historikerin Christl Wickert[6], unterscheidet darin zwischen mehreren Bereichen, in denen Frauen aktiv waren, und ordnet sie quantitativ ein:

für den politischen Bereich 5 -10%

für das Abhören von Feindsendern 14%

für Verstöße gegen das Ende 1934 erlassene “Heimtückegesetz” 20% und

für Konfessionen, Religion und Weltanschauung 20 – 25%, wobei Frauen der “Zeugen Jehovas” mit 40% die Höchstzahl erreichen.

Diese Zahlen, die mehr Schätzungen als exakte Statistik sind, aber von der Realität mit Sicherheit übertroffen werden, zeigen bereits, wo der Schwerpunkt weiblichen Widerstands lag: weniger im politischen als religiösen und Alltagsbereich. Dass Historiker kein Wort über die Frauen im militärischen Widerstand verloren, hängt – so Christl Wickert – mit deren geschlechtsspezifischer, hier: männlichen Sichtweise zusammen. Von da aus übersahen sie – wie lange Zeit weiblichen Widerstand überhaupt – dass die Attentate im militärischen Bereich, vor allem der von 20. Juli 1944, ohne die physische und psychische Unterstützung von Müttern, Ehefrauen oder Schwestern kaum möglich gewesen wären. Für den politischen Bereich überlegte sich eine Frau mehr als dreimal, ob sie sich leisten konnten, “ein Leben halb in der Illegalität oder gar ganz im Untergrund zu führen. Was würde aus den Kindern, wenn sie ständig auf der Flucht vor der Gestapo wäre? Und was, wenn sie gar verhaftet oder verurteilt würde? Wieviel Zeit blieb neben der Hausarbeit für Aktivitäten gegen das Regime”, vor allem in Zeiten abnehmender Lebensmittel und zunehmender von Bomben verursachter Wohnungsnot? “Es gab nur weniges, was sich in den Alltag integrieren ließ: eine Flugblattaktion als Einkaufstour zu tarnen, Material im Kinderwagen zu transportieren, Quartier zu besorgen für Juden und untergetauchte Widerstandskämpfer, Lebensmittel und Geld zu sammeln für die Familien der Inhaftierten”[7], wobei das ganze in einem total kontrollierten Alltag geschehen musste, vom 1934 zur Pflicht gemachten Hitlergruß mit erhobenem Arm bis zu den allgegenwärtigen Blicken des Blockwarts, der in jeder Wohneinheit bereit war, widerständiges Verhalten zu denunzieren.

Trotzdem haben viele Frauen all dies getan und “bewiesen… (häufig)” – wie Günther Weisenborn schreibt – “eine Zivilcourage, die die der Männer weit übertraf”[8]. Viele riskierten dabei ihr Leben oder verloren es auch. Irene Thiessies, die Sekretärin des protestantischen Pfarrers Heinrich Held, der die Arbeit der “Bekennenden Kirche” im Ruhrgebiet koordinierte, kam noch davon. Ihre Untergrundtätigkeit – Drucken, Vervielfältigen und Verteilen von Schriften und Flugblättern – wurde nicht entdeckt. Wäre sie entdeckt worden, wäre es ihr vermutlich ergangen wie der ersten Todeskandidatin, der Akademikerin Lieselotte Hermann, die am 20. Juli 1938 hingerichtet wurde, nachdem sie im Gefängnis noch ihr erstes Kind geboren hatte. Dass eine Frau erst kurz vor Kriegsbeginn unters Fallbeil kam, obwohl Todesurteil seit 1933 gefällt und ausgeführt wurden, hing nach Günther Weisenborn nicht mit besonderer Verschonung von weiblichen Widerstandskämpfern zusammen, das Regime fürchtete lediglich “negative Auswirkungen auf die “‘Kampfmoral der Bewegung’… wenn man Frauen allzu offensichtlich und unnachgiebig verfolgte”.[9]

Romina Schmitter
Januar 2018

[1] Benz, Wolfgang/Pehle, Walter H. (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt am Main, 1994
[2] zit. Kuhn, Annette (Hrsg.): Die Chronik der Frauen, Dortmund 1992, S. 522
[3] Weisenborn, Günther: Der lautlose Aufstand .- Bericht über die Widerstandsbewegung des
deutschen Volkes 1933-1945, Frankfurt am Main 1974, S. 11
[4] Vgl. Anm. 3
[5] Weisenborn a.a.O., S. 17
[6] Wickert, Christl: Frauen zwischen Dissens und Widerstand; in: Benz/Pehle, a.a.O., S.141-156
[7] Wickert, a.a.O., S.142
[8] Weisenborn, a.a.O., S.137
[9] Wickert, a.a.O., S.143..