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Juchacz, Marie, geb. Gohlke

Marie Juchacz, geborene Gohlke

  1. März 1879 in Landsberg an der Warthe28. Januar 1956 in Düsseldorf

Deutsche Sozialreformerin, Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin. Unter ihrer Leitung wurde am 13.Dezember 1919 die Arbeiterwohlfahrt gegründet.

Marie Juchacz stammte aus einer Handwerkerfamilie, ihr Vater, Theodor Gohlke, war Zimmermann, ihre Mutter Henriette war Hausfrau.[1]

Nach dem Besuch der Volksschule in Landsberg an der Warthe arbeitete sie ab 1893 zunächst als Dienstmädchen, als Fabrikarbeiterin und in der Krankenpflege. Nach einer Lehre zur Schneiderin war sie in diesem Beruf bis 1913 tätig. Nach der Trennung von ihrem Mann, dem Schneidermeister Bernhard Juchacz, übersiedelte sie 1906 mit den beiden Kindern nach Berlin.[1] Während des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 arbeitete sie zusammen mit Anna Maria Schulte, Elisabeth Röhl und Else Meerfeld in der „Heimarbeitszentrale“ und war Mitglied der sogenannten „Lebensmittelkommission“.

Marie Juchacz trat 1908 der SPD bei, mit deren Programm sie ein älterer Bruder vertraut gemacht hatte. In kurzer Zeit entwickelte sie sich zur gefragten Versammlungsrednerin. Im Jahr 1913 wurde sie in Köln Frauensekretärin, wo sie sich vor allem um die Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum kümmerte.[2] Als es 1917 zur Spaltung der Sozialdemokraten und zur Gründung der USPD kam, erhielt Marie Juchacz, die bei den Mehrheitssozialdemokraten blieb, von Friedrich Ebert die Stelle als Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand, die zuvor Clara Zetkin innehatte. Sie übernahm außerdem die Redaktionsleitung der Frauenzeitung Die Gleichheit.

Als eine von 37 Frauen wurde Marie Juchacz 1919 in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Am 19. Februar 1919 sprach sie dort als erste Parlamentarierin nach der Erlangung des Frauenwahlrechts vor der Nationalversammlung in Weimar:

Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.

Sie gehörte als einzige Frau dem „Ausschuß zur Vorberatung des Entwurfs einer Verfassung des Deutschen Reichs“ der Nationalversammlung an[4] und war von 1920 bis 1933 Mitglied des Reichstages.

Marie Juchacz gründete am 13. Dezember 1919 die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und war bis 1933 ihre erste Vorsitzende.

Von 1921 bis 1931 gehörte sie dem Vorstand des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (DV) an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte sie ins Saargebiet. Als die Bevölkerung des Saarlandes für den Anschluss an das Deutsche Reich votierte, floh sie ins Elsass und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges über Paris nach Marseille. 1941 floh sie mit einem Not Visum über Martinique nach New York, wo sie bis 1949 lebte. Dort gründete sie 1945 die Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus, die nach Ende des Krieges mit Paketsendungen Unterstützung im zerstörten Deutschland leistete.[1]

1949 kehrte sie aus ihrem Exil nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der AWO. Sie hat zahlreiche Werke verfasst und veröffentlicht, darunter Biografien und Sozialpolitische Arbeiten und es gibt umfassende Literatur über sie.

Marie Juchacz wurde im Grab ihrer Schwester Elisabeth und deren Ehemann Emil Kirschmann auf dem Kölner Südfriedhof (Flur 65 Nr.307) beerdigt. 2011 erklärte der Rat der Stadt Köln die Grabstätte zur Ehrengrabstätte.[3]

Marie Juchacz zu Ehren wurden in mehreren Städten Straßen nach ihr benannt, so in Bremen im Stadtteil Obervieland/Arsten. 1969 wurde sie mit einer Briefmarke 50 Jahre Frauenwahlrecht geehrt (Katalog-Nr. 596-Block 5) und 2003 mit einer 1-Euro-Briefmarke der Deutschen Post in der Serie Frauen der deutschen Geschichte (Katalog-Nr. 2305).

Im Reichstagsgebäude ist ein Saal, in dem der SPD-Fraktionsvorstand tagt, nach ihr benannt, ebenso der Sitzungssaal des Stadtrates von Weimar.[5] Die Arbeiterwohlfahrt vergibt seit 1969 die Marie-Juchacz-Plakette und unterhält in Augsburg ein Wohnheim für chronisch mehrfachgeschädigte Alkoholabhängige (CMA) mit dem Namen Marie-Juchacz-Zentrum.[6]

Am 18. August 2017 wurde ein Denkmal für Marie Juchacz am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg eingeweiht. In der Nähe des Denkmals befand sich bis 1933 die Zentrale der Arbeiterwohlfahrt.[7] Die Gedenkplatte besteht aus zwei stützenden Dreiecken, die eine Mittelform tragen. Aus den dreieckigen Stahlplatten sind die Worte „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ (links) und „Gleichheit“, „Toleranz“ und „Solidarität“ ausgeschnitten. Der gestaltende Künstler Gerd Winner erklärte zu der Skulptur: „Sie vereint die Begriffe des Sozialstaates und das Gedenken an Marie Juchacz.“[8]

Einer der ersten neuen Intercity-Express-Züge (ICE 4) wurde Ende Oktober 2017 nach Marie Juchacz benannt.[9]

(aus: Wikipedia, gekürzt)

Literatur
Walter Hammer: Hohes Haus in Henkers Hand. Rückschau auf die Hitlerzeit, auf Leidensweg und Opfergang deutscher Parlamentarier. 2., durchgearb. u. erw. Aufl. Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt am Main 1956.
Marie Juchacz. In: Franz Osterroth und Dieter Schuster: Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Band 1: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. J. H. W. Dietz Verlag Nachf., Bonn und Berlin 1960, S. 150–151.
Juchacz (geb. Gohlke), Marie. In: Wilhelm Kosch: Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. Fortgeführt von Eugen Kuri. Zweiter Band. A. Francke Verlag, Bern und München 1963, S. 615.
Lotte Lemke: Marie Juchacz. Gründerin der Arbeiterwohlfahrt 1879–1956. Auer, Donauwörth 1979.
Birgit Leske: Juchacz, Marie. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 233–234.
Susanne MillerJuchacz, Maria, geborene Gohlke. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 633 (Digitalisat).
Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
Brigitte Domrurath: Juchacz, Marie. In: Manfred Asendorf, Rolf von Bokel (Hrsg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 1997 ISBN 3-476-01244-1, S. 312–313.
Lydia Struck: „Mir geht so vieles durch den Kopf und durchs Herz.“ Marie Juchacz. Briefe und Gedanken zum Neuanfang der AWO. Hrsg. von AWO Bundesverband, Berlin 2014 (= Schriftenreihe zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt)
Gisela Notz: Die Exilerfahrungen von Marie Juchacz. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte (2017), Heft 72, S. 44–51.