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Lammers, Mathilde

16.8.1837 in Lüneburg – 27.8.1905 in Bremen

Mathilde Lammers wurde am 16. August 1837 als jüngstes von drei Kindern des Kaufmanns Hermann Walther Lammers und seiner Frau Charlotte Catharina, geb. Haroth, in Lüneburg geboren, wo sie mit ihren Geschwistern, dem sechs Jahre älteren Bruder August und ihrer Schwester Marie aufwuchs. Ihren Lebensweg schildert plastisch ein Lexikonartikel des Bremer Pädagogen und Historikers Alwin Lonke (1865–1947) aus dem Jahr 1912:

„Schon als Sechzehnjährige versuchte sie in Düsseldorf als Erzieherin ihre pädagogische Begabung praktisch zu betätigen, aber nach drei Wochen kehrte sie enttäuscht ins Elternhaus zurück. Darauf hat sie jedoch bis Ende 1857 im nahen Reinstorfer Pfarrhause fünf Kinder mit Erfolg unterrichtet. Bis Oktober 1858 galt es, daheim durch Stundengeben, Vorlesen und tüchtiges Zugreifen im Haushalte der Eltern zu helfen; dann ging es in die weite Welt: In Chaisy-le-Roi bei Paris wurde sie Lehrerin in einem Institute. Frühjahr 1860 folgte sie Eltern und Geschwistern nach Bremen, wo sie bis zu ihrem Tode […] die Hauptstätte ihrer Wirksamkeit finden sollte.

Nachdem sie das Töchterschul-Examen ‘ohne ein einziges pädagogisches Werk gelesen zu haben‘ bestanden hatte, trat sie sofort in das Kollegium der höheren Mädchenschule von Professor Gräfe [Heinrich Graefe, 1802–1868]; im Juni übernahm die Anstalt A. M. Janson [Johann August Martin Janson, 1816–1878], dem Mathilde L. bis zu seinem im November 1878 erfolgten Ableben eine treue Gehilfin war. Besonders der Nachfolgerin in der Schulleitung, der ältesten Tochter des Verstorbenen [Ida Caroline Wilhelmine Janson, 1847–1923], war sie – zumal als Vorsteherin des Lehrerinnen-Seminars – eine überaus wertvolle, unentbehrliche Stütze, bis sie sich 1895 nach fünfunddreißigjähriger, gesegneter Wirksamkeit ganz von der Schule zurückzog, um ausschließlich der Schriftstellerei und dem Vereinsleben sich widmen zu können.

Seit 1870 hatte sie bereits zu schriftstellern begonnen: ‚Berufsbildung der Frauen‘ erschien als ihre erste selbständige Arbeit im ‚Frauenanwalt‘; 1877 folgte ihr Hauptwerk ‚Die Frau. Ihre Stellung und Aufgabe in Haus und Welt‘; l883 ‚Volkskaffeehäuser‘, 1884 ‚Deutsche Lehrerinnen im Auslande‘. Mit ihrem Bruder August gab sie den ‚Nordwest‘[1] heraus; in ihm und auch als besondere Büchlein hat sie manche Erzählungen erscheinen lassen. Als Rednerin – besonders im Frauenerwerbsverein – trat sie häufig hervor, zuerst ebenfalls im Jahre 1870.“[2]

„Ob eine Zeit bevorsteht, wo jeder gesunde erwachsene Mensch nach freier Wahl ehelich werden oder ehelos bleiben kann: das ist jetzt noch völlig unübersehbar. Wir mögen noch so sehr betonen, daß es wünschenswert sei: jetzt haben wir mit der Tatsache zu rechnen, daß schon allein infolge des numerischen Verhältnisses der Geschlechter hunderttausende von Frauen keinen Mann bekommen können“,[3] gab Mathilde Lammers 1893 zu Bedenken und wandte sich dagegen, „daß die herrschende Richtung in unserer jetzigen Erziehung des weiblichen Geschlechts die Ehe als naturnotwendigen, allein möglichen Abschluß der Mädchenjahre schlechthin voraussetzt, ohne auch nur den Schatten eines Gedankens an die Möglichkeit der Nichtverheiratung zu wenden, geschweige denn sich zu der Ansicht aufzuschwingen, daß auch die Glieder des weiblichen Geschlechts in erster Linie Menschen sind, – um ihrer selbst willen, und nicht als Geschöpfe zweiten Ranges, allein um eines anderen willen, geschaffen.“[4] Die Ehe wird bloß formal „als lebenslängliche, gesetzliche Verbindung mit einem Manne angesehen, nicht nach der zweiten, bedeutungsvollen Seite hin, daß sie eine Schule der Vollkommenheit durch den engen Zusammenschluß mit anderen Menschen, durch eine gewiesene, wertvolle Lebensarbeit, durch ihre Beziehungen zum öffentlichen Leben ist.“[5] Wie der Hausfrau wird auch der alleinwirtschaftenden Frau die volle Anerkennung und Gleichberechtigung versagt: „Die staatsbürgerlichen Rechte der Frauen sind in unserem Vaterlande bekanntlich schon seit Römerzeiten mit denen von Kindern und Idioten gleich! Wo es sich dagegen um Pflichten handelt, da betrachtet der Staat diejenigen Frauen, für die kein Mann eintritt, ohne weiteres als mündige Wesen. Sie müssen Steuern zahlen, so gut und so hoch wie Männer. Sie müssen polizeiliche Vorschriften, von denen sie betroffen werden, kennen und beachten, so gut wie Männer. […] Jene besitzen nur ein Kapital, und sie haben die ganz sichere Aussicht, dies Kapital einmal zu verlieren: es ist ihre Arbeitskraft. Möchten sie diesen Besitz nicht unterschätzen!“[6] Ihre „wichtigste Mahnung an alle diejenigen, welche allein durchs Leben gehen, ist daher die: Suche dir eine Lebensarbeit! Das Leben ist köstlich, nicht wenn es in einer Ehe gelebt wird, sondern wenn es Mühe und Arbeit ist. Mühe und Arbeit: das heißt also nicht etwa bloß Beschäftigung, Zeitvertreib, Spiel und Vergnügen. Jeder Mensch, der zum Frieden kommen will, muß eine Stelle ausfüllen, die nicht leer bleiben darf. Er muß etwas schaffen, was der Welt dient und zum Segen gereicht!“[7]

Wie es ihre Art war, spricht sie mit ruhigen, klaren Worten eine revolutionäre Einsicht aus, wenn sie erklärt, alleinstehende Frauen „müssen vieles entbehren, was nur das Leben in der Ehe und der Familie gewähren kann, aber darunter ist nichts zum Leben unbedingt Notwendiges, und es liegen auch manche Ausgleichungen für die bereit, die sich genügen lassen.“[8]

In die kritischen Reflektionen zur Situation von Frauen ihrer Zeit bezieht sie auch die Teilhabe am politischen Leben ein: „Man kann also nicht wohl für alle folgenden Zeiten einen Strich ziehen und sagen: Das weibliche Geschlecht gehört ein für allemal zu den politisch Unmündigen. Denn dazu berechtigen die spärlichen und theilweise einander widersprechenden Erfahrungen der Vergangenheit keineswegs. Auffallend ist es aber, …daß man so wenig deutsche Namen darunter findet. … Es sollte kein deutscher Vaterlandsfreund gering achten, wo immer er kann, unter den Frauen, die ihm nahestehen, das Interesse am politischen Leben der Nation zu wecken. … Wir hoffen auch noch Manches in der Zukunft auf gesetzlichem Wege zu erreichen, was uns zu unserem und unseres Volkes Wohlsein nöthig scheint und bis jetzt noch versagt ist, aber wir haben Grund zu glauben, dass weder die Regierungen noch die gesetzgebenden Versammlungen unseres Landes sich eigensinnig gegen vernünftige Neuerungen sperren werden, auch wenn wir nicht Gelegenheit bekommen, unsre eigenen Abgeordneten in den Reichstag zu schicken oder gar selbst die Rednertribüne zu besteigen. Ob das in fernerer Zukunft möglich und nöthig sein wird, wollen wir dahin gestellt sein lassen.“[9]

Aber auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens engagierte sie sich: so z.B. gemeinsam mit Ottilie Hoffmann gegen den Alkoholmissbrauch, wo sie zum Thema „Die Aufgabe der Frau im Kampf gegen den Alkoholismus“ referierte. Auch für die Errichtung eines Mädchenheimes für die in die Stadt strömende arbeitssuchenden Mädchen vom Lande setzte sie sich energisch ein, damit sie nicht der Gefahr der Prostitution ausgesetzt wären. So wurde 1878 in der Osterstraße in der Bremer Neustadt das Marthasheim gegründet.[10]

Das Lebenswerk von Mathilde Lammers war praktisch-reformierender Natur. Sie gab ihren Geschlechtsgenossinnen in vielen Fragen Unterweisung und Hilfestellung.

Ein Nachruf des Redakteurs der Lüneburgschen Anzeigen, Dr. Friedrich Corssen würdigt 1905 ihr Leben: „Am 28. August ist im Krankenhause zu Bremen nach einem an Anregungen und pädagogischen und sozialpolitischen Erfolgen reichen Leben im Alter von 68 Jahren Fräulein Mathilde Lammers an Herzschwäche infolge einer Operation gestorben. Die Heimgegangene war die treue Mithelferin ihres schon vor längeren Jahren aus seiner gemeinnützigen Wirksamkeit abberufenen älteren Bruders August Lammers, mit dem zusammen sie seit dem Jahre 1878 die Wochenschrift ‚Nordwest‘ herausgab. Die Geschwister stammten aus Lüneburg. Das alte in seinen unteren Teilen umgebaute Haus der Großen Bäckerstraße mit der Figur des streitbaren Bäckers oben im Giebel, der sich in den heißen Kämpfen der St. Ursulanacht [1371] so hervorgetan haben soll, ist ihr Geburtshaus. […] Und gerade heute, wo in dem Chor der Wortführerinnen der modernen Frauenbewegung so häßliche und widerwärtige Disharmonien ertönen, werden wir uns gern der alten Vorkämpferinnen erinnern und ihrer schlichten, graden, treuen Art, praktisch, ohne Pose und Prätentionen, gesund in ihrem innersten Kern. Zu ihnen gehörte Mathilde Lammers.“[11]

Werke
Die Frau. Ihre Stellung und Aufgabe in Haus und Welt, Leipzig: Veit, 1877.
Das lebendige Weihnachtsgeschenk. Eine Erzählung für Kinder von 10 bis 14 Jahren, Bremen 1878.
Volks-Kaffeehäuser. Rathschläge für ihre Einrichtung und Bewirthschaftung, Bremen: Roussell, ca. 1883
Deutsche Lehrerinnen im Auslande. Berlin: Habel, 1884 (= Deutsche Zeit- und Streitfragen. Flugschriften zur Kenntnis der Gegenwart. Herausgegeben von Franz von Holtzendorff, Bände 205–206).
Hausbackenes. Bremen: Roussell, 1886; [Mehrere Erzählungen. In:] Nordwest-Geschichten. Herausgegeben von August Lammers. Bremen: Nordwest (Meierdierks), 1889.
Schmale Kost. Volksbibliothek des Lahrer hinkenden Boten. No. 704–706. Lahr: Moritz Schauenburg, 1889.
Der Feierabend. Neues Not- und Hilfsbüchlein. Volksbibliothek des Lahrer hinkenden Boten. No. 727–729. Lahr: Moritz Schauenburg, 1889.

Aufsätze
Berufsbildung der Frauen. In: Der Frauenanwalt. Organ des Verbandes Deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine. Herausgegeben von Jenny Hirsch. 1. Jg. 1870/1871, S. 236–242.
Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge. In: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Herausgegeben von Helene Lange. 1. Jg. 1893/1894, S. 36–38, 103–108, 178–181, 334–337, 404–410.
Zahlreiche weitere Zeitschriftenbeiträge unter anderem in der Zeitschrift „Nordwest“ sowie in: Die Lehrerin in Schule und Haus. Centralorgan für die Interessen der Lehrerinnen und Erzieherinnen im In- und Auslande. Herausgegeben von Marie Loeper-Housselle. 1. Jg. 1884/1885 – 23. Jg. 1906/1907.

Über die Autorin
Nachruf: Marie Loeper-Housselle: Mathilde Lammers †. In: Die Lehrerin in Schule und Haus. 22. Jg. 1905/1906, S. 185–189

Autor: Werner H. Preuss
(aus: Freie Sklavinnen. Anthologie aus Werken Lüneburger Schriftstellerinnen, Bardowick 2017, Einleitung, mit Ergänzung)

[1] Nordwest. Gemeinnützig-unterhaltende Wochenschrift für das öffentliche Leben des nordwestlichen Deutschland. Bremen [u.a.]. 1.Jg. 1878, Jan.– 15. Jg. 1892; Nordwest. Monatsschrift für Gemeinnützigkeit und Unterhaltung. Sprechsaal für alle Tages- und Lebensfragen. Begründet von August und Mathilde Lammers, fortgesetzt durch Wilhelm Bode.16. Jg. 1893; Gemeinnützige Rundschau Nordwest. Begründet […] fortgesetzt durch Eberhard Cronemeyer. Bremerhaven: Mocker. 17. Jg. 1894– 18.Jg. 1895 [?].
[2] A. Lonke: Mathilde Lammers. In: Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts. Herausgegeben von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins. Bremen 1912, S. 278f.
[3] Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge. In: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Herausgegeben von Helene Lange. 1. Jg. 1893/1894, S. 36–38, 103–108, 178–181, 334–337, 404–410, hier S. 36.
[4] Reform der Mädchenbildung. In: Die Lehrerin in Schule und Haus., 4. Jg. 1887/1888, 8. Heft, S. 225–228, hier S. 225.
[5] Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge, a.a.O., S. 36.
[6] Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge, a.a.O., S. 103 und 106.
[7] Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge, a.a.O., S. 37.
[8] Allein durchs Leben. Betrachtungen und Ratschläge, a.a.O., S. 38.
[9] Bode, Wilhelm: Mathilde Lammers, Nordwest, 15.Jg. 1893, S. 3-11 2. Auszug aus: DIE FRAU – ihre Stellung und Aufgabe in Haus und Welt, S.129.
[10] Meyer-Renschhausen, Elisabeth: Weibliche Kultur und soziale Arbeit. Eine Geschichte der Frauenbewegung am Beispiel Bremens 1810 – 1927, Köln, Wien 1989.
[11] Friedrich Corssen: Lokales. In: Lüneburgsche Anzeigen, Nr. 204, 31. August 1905. Andere Quellen nennen als Sterbedatum auch den 27. oder 29. August 1905.