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Romina Schmitter: Hedwig Dohm (1831-1919)

“Ihr Frauen! Erhebt euch und fordert das Stimmrecht!“

Hedwig Dohm (1831-1919)[1] war nicht die erste, die das Wahlrecht für Frauen forderte; vor ihr hatte schon Louise Otto (1819-1895) die gleiche Forderung erhoben und Theodor G. von Hippel (1741-1796) sein Buch “Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber” vorgelegt, allerdings wegen der Brisanz des Themas anonym.

Auch Louise Otto brauchte “sehr viel Mut”, als sie 1843 an die “Sächsischen Vaterlandsblätter” schrieb, dass die “Theilnahme der Frauen an den Interessen des Staates…eine Pflicht” sei; denn sie hatte damit gewagt, das “öffentlich auszusprechen, was” sie “kaum in vertrauten Kreisen…sagen” mochte: “Was werden die Männer zu diesen Worten sagen? Wie werden die Spießbürger unter ihnen dich verhöhnen? … Wie wird man über die Anmaßung lachen, daß ein Mädchen in eine politische Zeitschrift sich drängt?”[2].

Hedwig Dohm brauchte noch größeren Mut als die Schriftstellerin aus Meißen und der Jurist aus Königsberg, denn sie schrieb ihr bahnbrechendes Werk “Der Frauen Natur und Recht” – anders als von Hippel und Louise Otto – nicht während der Französischen Revolution 1789 bzw. der deutschen 1848 – sondern 1876, d.h. im ersten Jahrzehnt des fast 50-jährigen Kaiserreichs, dessen Gesellschaft – abgesehen von den als “vaterlandslose Gesellen” verrufenen Sozialdemokraten – nach dem Sieg über den “Erbfeind” Frankreich – ebenso nationalistisch wie militaristisch und patriarchalisch war. Außerdem sah Hedwig Dohm in der “Theilnahme der Frauen an den Interessen des Staates” keine “Pflicht”, sondern ein “Recht”. Entsprechend wurde sie nicht – wie Louise Otto – gebeten, sich “weiter auszusprechen”[3], sondern “mit Hohn und Spott”[4] überschüttet. Sie erhielt “Schmähbriefe. Sie und ihre Familie” wurden “beschimpft” und “bedroht”[5].

Aber sie fand diese Reaktionen “erklärlich”. Sie begrüßte sie sogar als Zeichen dafür, dass “die Frauenfrage in der Gegenwart … eine akute geworden” sei, denn “je dringender die Gefahr der Fraueninvasion in das Reich der Männer sich gestaltet, je geharnischter treten ihr die Bedrohten entgegen”; “(uns) kann … nichts willkommener sein, als unsere Kräfte mit dem Gegner zu messen!”[6].

Vorurteile

In ihrem Buch räumte sie zunächst mit den Vorurteilen über eine weibliche Beteiligung am sogenannten “allgemeinen” Männerwahlrecht auf, das mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 in die Verfassung aufgenommen worden war.

Zur falschen Meinung, dass “die Frauen … das Stimmrecht nicht (brauchen)”, schrieb sie: “Nein – sie brauchen es nicht … in allen jenen Feen- und Märchenländern, an die kleine Kinder und große Männer mitunter glauben”, aber “die Geschichte der Frauen” zeige, dass “Männer … von jeher die Frauen unterdrückt (haben) … und sie werden sie unterdrücken, bis das weibliche Geschlecht teilhat an der Abfassung der Gesetze, von denen es regiert wird”. Es sei “heute wie vor Tausenden von Jahren” das “selbe … unter den asiatischen Völkern und bei den erleuchteten Nationen Europas … Gehorsam des Weibes gegen den Mann”[7].

Dem zweiten Vorurteil, dass “die Frauen … das Stimmrecht nicht (wollen)”, stimmte sie zunächst zu. Es lasse “sich nicht leugnen, daß einer großer Theil der Frauenwelt, in Deutschland sicher die Majorität, keinen Wert auf die Erlangung politischen Einflusses legt.” Aber, entgegnete sie, sicher hätten “die Sklaven niemals die Zivilisation gefordert und die Orientalinnen … bis jetzt noch keine Sehnsucht nach der monogamischen Ehe an den Tag gelegt”.

Deshalb würde aber “niemand die Sklaverei und die Polygamie für verehrungswürdige Institutionen erklären” und “wer zur Knechtschaft erzogen ward wie Sklaven und Frauen, wird nur langsam den unermeßlichen Wert der Freiheit erkennen lernen”. “Wenn man die große Abhängigkeit der Frauen erwägt, so ist die stattliche Anzahl der Anhängerinnen des Stimmrechts immerhin sehr beachtenswert”. Außerdem müsse man sehen, dass die politische Gleichgültigkeit der Frauen bürgerlicher Schichten andere Ursachen habe als die der Proletarierinnen. “Diejenigen Frauen…, die sich in einer behaglichen äußeren Lage befinden … werden sich hüten, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen …’Ich habe alles, was ich brauche’, sagt die Frau an der Seite eines liebevollen Gatten, zu dessen hervorragenden Eigenschaften ein wohlgefülltes Portmonnaie gehört’”[8].

Dagegen würden “die Frauen des Volkes (das Stimmrecht … nicht begehren), weil es ihnen an … Bildung fehlt und weil im allgemeinen bei den Unwissenden die Vorurteile noch stärker wirken als bei den Gebildeten … Wenn die Proletarierfrau unter den wuchtigen Schlägen des betrunkenen Gatten sich krümmt, so weiß sie nicht, daß das Gesetz die Mißhandlungen … legitimiert”[9].

Die Meinung, dass “Frauen…nicht die Fähigkeit” hätten, “das Stimmrecht auszuüben”, ist für Dohm “einfach absurd… Jede Frau, die lesen und schreiben kann, steht an Fähigkeiten über dem Mann, der diese Kunst nicht versteht”, aber trotzdem wählen dürfe. Auch gebe es gerade in angelsächsischen Ländern Beispiele weiblicher Kompetenz, sogar Überlegenheit. So hätten “jüngst zwei englische Damen trotz der Konkurrenz zahlreicher männlicher Mitbewerber die beiden ersten juristischen Preise … davon getragen”. Der Gouverneur des US-amerikanischen Staates Wyoming, in dem 1869 das Frauenwahlrecht eingeführt worden war, habe nach vier Jahren “der Beobachtung in bezug auf das praktische Wirken … die Überzeugung vertiefen können, daß dasjenige, was wir getan haben, wohlgetan gewesen ist’”[10].

Schließlich geht Hedwig Dohm auf die Behauptung ein, die Wahrnehmung politischer Rechte gefährde die Weiblichkeit:

“Was heißt das, ein Weib sein? Das heißt eine andere körperliche Bildung besitzen als der Mann”. Wollte man daraus folgern, “daß verschiedene Körperbildung notwendig ein verschiedenes moralisches und geistiges Vermögen bedinge”, könne man “ebensogut den Aberglauben akzeptieren, … alle Lahmen seien Verwandte Beelzebubs, alle Rothaarigen Verräter und alle Schwarzen Sklaven … und in der Tat, in finsteren Zeiten des Mittelalters … (wurden) alte Weiber … haufenweise um rotgeränderter Augen willen als Hexen verbrannt …

Du hast keine politischen Rechte, weil du ein Weib bist!
Du hast keine politischen Rechte, weil du ein Jude bist!
Du hast keine politischen Rechte, weil du schwarz bist!…
Was ist ein Neger? Was ist ein Jude? Was ist ein Weib?
Unterdrückte Menschen!”[11]

“Ich bin ein Mensch”, fuhr sie fort, “ich denke, fühle, ich bin Bürgerin des Staats, ich gehöre nicht zur Kaste der Verbrecher, ich lebe nicht von Almosen … Die Gesellschaft hat keine Befugnis, mich meines natürlichen politischen Rechtes zu berauben”. Und sie rief ihren Geschlechtsgenossinnen zu: “Ihr Frauen … Erhebt Euch und fordert das Stimmrecht!”[12]

Die deutsche Hausfrau

Hedwig Dohms Streitschrift “Der Frauen Natur und Recht” erschien 1876. Die zweite Auflage kam erst 1893 heraus. Die Angriffe, denen sie jahrelang ausgesetzt war, führten dazu, dass sie 1902 ein “Buch der Verteidigung” veröffentlichte: “Die Antifeministen”.

Dabei hatte sie schon lange vorher in ihrem “Beitrag zur Frauenfrage” – “Der Jesuitismus im Hausstande” (1873) – die deutschen Hausfrauen als Antifeministinnen par excellence ausgemacht. Obwohl sie selber Hausfrau war – sie war seit ihrem 22. Lebensjahr mit Ernst Dohm, dem Herausgeber der satirischen Zeitschrift “Kladderadatsch”[13] – verheiratet und hatte mit ihm fünf Kinder – obwohl ihr bewusst war, dass angesichts der zunehmenden industriellen Fertigung ehemals im Haus produzierter Verbrauchsgüter das “deutsche Hausfrauentum von heute … nur ein Schatten, eine Karikatur der früheren Jahrhunderte (ist)”, verspottete sie seine Repräsentantin als “Hüterin und Erhalterin der idealen Güter der Menschheit” und steigerte sich mit ihrem Glaubensbekenntnis der Hausfrau zur sarkastischen Satire: “Ich, Madame Schulz, glaube von ganzem Herzen und mit allen meinen Kräften an mich und meine Küche, an meine Kinderstube und meinen Waschkessel, an meinen Trockenboden und meine Nähmaschine. Alles …, was darüber ist, ist vom Übel. Ich glaube, daß, wenn der liebe Gott eine Frau hätte, sie gerade so sein müßte wie ich. Ich glaube, daß die Dienstmädchen eine nichtswürdige Rasse sind. Jede Frau aber, die meine Unfehlbarkeit anzuzweifeln wagt … oder sich mit sogenannten Ideen befaßt, erkläre ich für eine sittenlose und verabscheuungswürdige Emanzipierte, für eine Ketzerin, die von rechts wegen gespießt und mir zu süßem Duft gebraten werden müßte. Denn ich war, ich bin und werde sein – eine deutsche Hausfrau”[14].

Antifeministen

Mit geringerer Schärfe, aber nicht weniger deutlich, ging sie gegen männliche Gegner des Frauenwahlrechts vor. Die erste Gruppe, die “Altgläubigen”, würden es “für ihre Pflicht erachten”, “den Gedankeninhalt vergangener Jahrhunderte für alle Ewigkeit festzuhalten… Zum eisernen Bestand ihrer Argumentation” gehörten “der liebe Gott und die Naturgesetze”[15].

Die zweite “Kategorie” der “Antifeministen” seien “die Herrenrechtler”. Sie “unterscheiden sich von den Altgläubigen dadurch, daß sie weniger Gewicht auf den lieben Gott … als auf… i h r e  Rechte” legen. Sie verweigerten “dem Weib das Bürgerrecht, weil es … nicht als Mann geboren ist … Wenn der arme Schlucker auch von allen Männern über die Achsel angesehen wird, als Mann steht er doch… über den Frauen. Da spielt er die erste Geige, die eigentlich eine Pfeife ist, nach der das Weib zu tanzen hat” … “Ich weiß ein Lied aus dem Büchelchen ‘Kinderwelt’”, fuhr sie fort; sie habe es “unlängst in den Händen meiner kleinen Enkelin gefunden, mit dem Titel ‘Jungen und Mädchen’:

Müller, Müller, mahl er!
Die Jungen kosten ‘nen Taler
Die Mädchen kosten ‘nen Taubendreck,
Die schupft man mit den Beinen weg.

Müller, Müller, mahl er!
Die Mädchen kriegen ‘nen Taler,
Die Jungen kriegen ‘nen Reiterpferd,
Das ist wohl tausend Taler Wert.

Der Herrenrechtler lacht. Ich nicht.”[16]

“Der praktische Egoist” dagegen betrachte “die Frauenemanzipation vom Standpunkt der… Nachteile, die ihm daraus erwachsen können. Er … fürchtet von ihr die Konkurrenz beim Broterwerb” und “sieht… in der Erwerbsfrau die Zerstörerin seiner häuslichen Behaglichkeit”[17].

Die vierte bzw. fünfte und letzte Gruppe der GegnerInnen politischer Frauenrechte seien “die Ritter der mater dolorosa”, nach katholischer Version der “schmerzensreichen Mutter” des am Kreuz gestorbenen Gottessohnes. Sie “gebärden sich teils als Schutzengel, die ihre Götterhände über das gequälte Weib halten, teils als Cerberusse,[18] die der Unberufenen, die sich in ihr Gehöft wagt, gefährlich die Zähne zeigen”[19].

Die bürgerliche Frauenbewegung

Die Frauenvereine, die sich trotz ständiger Gefahr, verboten zu werden, behaupten konnten – die Vereinsgesetze wurden ja erst 1908 aufgehoben – reagierten unterschiedlich. Die Frauen der bürgerlichen Bildungs- und Erwerbsvereine erkannten einerseits an, “daß es Hedwig Dohm gelungen ist, unsere eigenen Ansichten … ganz bedeutend zu erschüttern”. Sie habe “uns überzeugt …, nur indem den Frauen das Mittel wird, an der Gesetzgebung teilzunehmen, können sie hoffen, alle jene Gesetze, welche auf Unterdrückung der Frauen abzielen, abgeschafft zu sehen”[20]. Andererseits hielten “viele der besten und erfahrensten Freunde der Frauensache … die Zeit zur praktischen Aufnahme des Kampfes für das Frauenstimmrecht noch nicht gekommen … Politische Rechte sind noch so neu, so wenig geschätzt… in der neueren Geschichte Deutschlands, daß sie schon jetzt für die Frauen zu fordern, wahrscheinlich nur dem Erfolge anderer Bestrebungen für die bessere Stellung derselben schaden würden.”[21]

“Die guten deutschen Frauen”, spottete Hedwig Dohm; sie “placken sich damit ab, einige Verbesserungen an Mädchenschulen vorzuschlagen, kleine niedliche Fortbildungsanstalten zu errichten… Unsere bescheidenen Frauen schmachten nach einer kleinen Anstellung am Post und Telegraphenamt”[22]. Und die damalige “Frauenbewegung” war für sie “eine Menschenklasse …, die um ihre Existenz wie um ein Almosen bettelt! – Wahrhaftig, ein stolzerer Sinn empört sich gegen dieses Übermaß an Bescheidenheit”[23].

Die erste Organisation, der sie beitrat, war der “Verein Frauenwohl”. Er wurde 1888 in Berlin von der Lehrerin Minna Cauer (1841-1922) gegründet und trat zunächst mit so harmlos klingenden Zielen auf wie “Anregung …, Aufklärung … und Harmonie … auf einem so schwerwiegenden Gebiet, wie das Frauenleben … in der Gegenwart darstellt”, entwickelte sich aber bald, wie seine Gründerin später schrieb, zu einem “Kampfverein”[24]. So ging “die erste öffentliche Volksversammlung” Ende 1894 in Berlin, die ein politisch so gefährliches Thema wie “Die Bürgerpflicht der Frau” behandelte, auf die Initiative des Vereins zurück. Die Reaktionen auf die Versammlung, die in einem Konzerthaussaal stattfand, waren ambivalent. Die Presse verspottete oder verschwieg das Ereignis; andererseits gab es deutliche Sympathie, und die Frauen im überfüllten Saal zeigten stürmischen Beifall, während mehrere Vereinsmitglieder austraten, weil ihnen der Vortrag von Lily von Gizycki (1865-1916) zu gefährlich erschien.

Die Rednerin, die zum Vereinsvorstand gehörte, hatte “eine mitreißende Zusammenfassung aller Argumente für das Stimmrecht der Frauen” geboten und sich dabei sowohl auf “die Geschichte der Menschen- und Frauenrechte” bezogen als auch “die Entwicklung und … Erfolge der amerikanischen und englischen Frauenbewegung” geschildert[25]. Das war tatsächlich “gefährlich” – das preußische Vereinsgesetz gehörte zu den repressivsten – und es fragt sich, warum die Polizei, die jede Frauenversammlung zu überwachen hatte, nicht schon während der Rede Lily von Gizyckis eingriff.

Jedenfalls kann seit der Berliner Veranstaltung von einer “Radikalen bürgerlichen Frauenbewegung” gesprochen werden.

Trotz des erfolgreichen Auftritts in Berlin mussten die “Radikalen” bei weiteren Vereinsgründungen taktisch agieren. Der “Verband fortschrittlicher Frauenvereine” von 1899, dem sich auch der “Verein Frauenwohl” anschloss, tarnte seine eigentlichen Themen – Prostitution, Zusammenarbeit mit Proletarierinnen und vor allem das Frauenwahlrecht – noch mit dem relativ unverfänglichen Vereinsziel “Umgestaltung der Mädchenschulbildung”. Beim ersten Verein, der das Frauenwahlrecht zu seinem ausschließlichen Programm erhob – dem 1902 gegründeten “Deutschen Verein für Frauenstimmrecht” – nutzten die Frauen die Unterschiedlichkeit der vereinsrechtlichen Bestimmungen in den Bundesstaaten. Die “Radikale” Lida Gustava Heymann (1868-1943) erzählte in ihrer Autobiografie, die sie gemeinsam mit der Juristin Anita Augspurg (1857-1943) verfasst hatte, wie ihre politische Freundin “hoch oben auf einem Berliner Bus sitzend, einen… Einfall gehabt, sozusagen wieder mal ein Kolumbus-Ei entdeckt hätte ..: ‘Dürfen die Frauen in … Staaten wie Preußen und Bayern keine politischen Vereine gründen, so verlegen wir den Sitz eines deutschen Vereins für Frauenstimmrecht in einer der 16 Bundesstaaten, deren Verfassung … derartige vorsintflutliche Bestimmungen nicht kennt”[26], und das war u.a. Heymanns Geburtsstadt Hamburg. Das hatte außerdem den Vorteil, dass damit “die Frauen aller, auch der rückständigsten deutschen Bundesstaaten… die Mitgliedschaft in dem Verein erwerben (können)”, denn “dagegen besteht kein Verbot”[27]. Mit dieser gesamtdeutschen Gründung hatten die Stimmrechtlerinnen auch das Recht, an internationalen Frauenkongressen teilzunehmen, eine Möglichkeit, die sie erstmals 1904 in Berlin wahrnahmen, wo Vertreterinnen aus 24 Ländern angereist waren.

Vor den Reichstagswahlen 1907 kam den “Radikalen” eine weitere Idee: Sie erschienen in den Wahlämtern und verlangten Wahlscheine. Ihre Begründung war der Artikel 20 der Verfassung, nach dem “der Reichstag … aus allgemeinen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervor(geht)”. Die Verfasser des Artikels hatten Frauen natürlich nicht mitgemeint; aber sie hatten das nicht formuliert.

“Behörden und Gerichte”, die mit der Sache befasst wurden, “kamen ins Schwitzen, denn nach dem Wortlaut des Gesetzes waren die Frauen im Recht.”[28]

Waren 1907 noch wenig Frauen dem Aufruf des Stimmrechtsvereins gefolgt, dann strömten sie 1912, bei der nächsten Reichstagswahl, in München die Wahlbüros. “Einige Wahlleiter benahmen sich, als sähen sie ein Gespenst, wenn ihnen in den geheiligten Räumen eine Frau entgegentrat … Den Verblüfften hielten die potenziellen Wählerinnen eine vorgedruckte Erklärung hin: ‘Ich protestiere gegen meinen Ausschluß von der Reichstagswahl, da ich als deutsche Staatsangehörige über 25 Jahre auf Grund der bestehenden Verfassung wahlberechtigt bin’. Darunter die bekannte Begründung, mit der sich schon 1907 die Gerichte schwer getan hatten”[29].

Aber die Öffentlichkeit begegnete den Wahlrechtsforderungen mit zunehmender Sympathie. Das war noch mehr der Fall, als die Frauen “mit etwa 20 Wagen, mit bunten Herbstgirlanden festlich geschmückt, mit Tafeln in den Vereinsfarben (grün-weiß-lila) und der Aufschrift ‘Frauenstimmrecht’… zwei Stunden lang durch die belebtesten Teile Münchens” fuhren. “Die erste Propagandafahrt durch eine deutsche Großstadt”[30].

“Es gab viele Schaulustige, viele verdutzte und verständnislose Gesichter, aber auch fröhliches Tücherschwenken, freundliche Heil- und Hurrarufe. Was es nicht gab? Weder Ungezogenheiten noch irgendwelche Anrempelungen oder Grobheiten – denn das Schlimmste, der erheiternde Zuruf ‘Aha! keinen Mann gekriegt’, wurde mit stürmischem Gelächter quittiert … Sogar das Berliner Tageblatt bemerkte von fern: ‘Die Wagenfahrt der Frauenstimmrechtlerinnen gestaltete sich zu einer wirkungsvollen Demonstration. Die Münchner Bevölkerung… erhob keinen Protest. Mancher alte Bierphilister erstarrte wie Lots Frau fast zur Salzsäule. Die meisten Männer lächelten teils spöttisch, teils belustigt, einige auch freundlich. Einige alte Herren, unter ihnen ein bayrischer Reichsrat, begrüßten den Zug mit höflicher Anerkennung.’”[31]

Kaiser, Papst und “Der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation

Angesichts dieser Erfolge, zu denen auch noch der gleichzeitig stattfindende Frauenstimmrechtskongress hinzukam, sah man sich staatlicher- und kirchlicherseits genötigt, Machtworte zu sprechen. Der Kaiser – Wilhelm II – hatte schon 1910 seinen “Untertaninnen” zugerufen, dass “die Hauptaufgabe der deutschen Frau nicht auf dem Gebiete des Versammlungs- und Vereinswesens liegt, nicht in dem Erreichen von vermeintlichen Rechten, in denen sie es den Männern gleichtun können, sondern in der stillen Arbeit im Haus und in der Familie”[32] und der Papst “warnte” von Rom aus “die Damen vor den Gefahren der Frauenbewegung und Emanzipation. Frauen, die an der Gesetzgebung teilnehmen wollten, hätten ihren Beruf verfehlt”[33].

Zu allem Überfluss trat im Juni 1912 auch noch der “Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation” auf den Plan, in dem die Männer und auch Frauen vereint waren, die Hedwig Dohm schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts als “AntifeministInnen” verspottet hatte. Die Mitglieder des Bundes sahen sich “vom Gewissen durchdrungen”, dass “nur durch… Kampf… unser geliebtes deutsches Volk vor schwerer Schädigung bewahrt werden kann”[34].

Unter “schwerer Schädigung” wurde wohl auch die Tatsache verstanden, dass sich die “Radikalen” der Bürgerlichen Frauenbewegung inzwischen mit den Sozialistinnen zusammentaten, die seit der Aufhebung der Vereinsgesetze 1908 keine Verbote mehr fürchten mussten und die langjährige Unterstützung durch die Sozialdemokratie[35] hatten; allerdings waren sie – wie die Partei – auch nach der Aufhebung der Sozialistengesetze (1878-1890) ”gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie” – gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt.

“Ich sterbe als Republikanerin”

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Zusammenarbeit der Sozialistinnen und der gemäßigten wie radikalen Richtung der Bürgerlichen Frauenbewegung noch entschiedener: Im Dezember 1917 legten sie dem preußischen Landtag eine gemeinsame “Erklärung zur Wahlrechtsfrage” vor; am 25. Oktober 1918, also kurz vor Kriegsende, wandten sich 58 Frauenvereine mit einem Schreiben an den Reichskanzler Max von Baden und forderten ein Gespräch mit dem Ziel, “die volle Demokratisierung des öffentlichen Lebens zur Durchführung zu bringen” und “allen Bevölkerungsklassen politische Freiheit und Selbstbestimmung zu sichern”[36].

Aber zu dem Gespräch kam es – vor dem Hintergrund der revolutionären Ereignisse und der Abdankung des Kaisers – nicht mehr. Dagegen wurden die Frauen vom Rat der Volksbeauftragten, der vorübergehend den Reichstag ersetzte, gehört. Am 12. November 1918 erließ der Rat einen Aufruf mit der eindeutigen Anerkennung ihrer seit der Revolution von 1848 erhobenen Forderungen: “Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht… für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen”[37].

Minna Cauer, die seit ihrer Gründung des “Vereins Frauenwohl” im Jahre 1888 für dieses Ziel gekämpft hatte, schrieb in ihr Tagebuch: “Abdankung des Kaisers, Ausbruch der Revolution. Meine Wohnung fast erstürmt von Menschen – ich bleibe zu Hause. Ich bin freudig erschüttert, habe nur die Hände am Abend gefaltet und die Tränen sind mir über die Wangen gelaufen. Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter! Ich sterbe als Republikanerin…”[38].

Am 19. Januar 1919 gaben 82,3% der wahlberechtigten Frauen ihre Stimme zur verfassungsgebenden Nationalversammlung ab. Das war – in absoluten Zahlen – rund zwei Millionen mehr als die Stimmen der Männer[39].

Romina Schmitter, März 2018

Aus: Romina Schmitter: Sind wir gleichberechtigt? Historischer Streifzug zu einem aktuellen Problem, Bremen 2018 (Kapitel 4, S. 79-105)

1. Vortrag der Veranstaltungsreihe 2018: Frauen wählen (sich) selbst. Vom Frauenwahlrecht zur Genderdiskussion

[1] Das Geburtsjahr Hedwig Dohms war nicht, wie allgemein angenommen, 1833, sondern 1831. Rohner, Isabel: Spuren ins Jetzt – Hedwig Dohm – eine Biografie, Sulzbach/Taunus 2010, S.10
[2] zit. Twellmann, Margrit: Die Deutsche Frauenbewegung – Ihre Anfänge und erste Entwicklung, Quellen 1843-1889, Meisenheim am Glan 1972, S.2 (Louise Otto: Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben; in: Vorwärts! Volkstaschenbuch für das Jahr 1847)
[3] ebd.
[4] Dohm, Hedwig: Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Berlin 1902, S.2
[5] Rohner, a.a.O., S.50
[6] Dohm, a.a.O., S.3
[7] Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht, Berlin 1876, S.71
[8] a.a.O., S.110, 113
[9] a.a.O., S.115f
[10] a.a.O., S.118f
[11] a.a.O., S.122, 123, 124
[12] a.a.O., S.160, 182
[13] ugs.: Zusammenbruch, Umsturz, universales Chaos
[14] Dohm, Hedwig: Der Jesuitismus im Hausstande. Ein Beitrag zur Frauenfrage, Berlin 1873, S.93
[15] Dohm, Die Antifeministen, S.5
[16] a.a.O., S.8f
[17] a.a.O., S.10
[18] Zerberus: nach der griechischen Mythologie der Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht; scherzhaft: grimmiger Wächter, Höllenhund
[19] a.a.O., S.11
[20] zit. Twellmann, a.a.O. S.556 (Elise Mirus, Hamburg, Über Hedwig Dohm: Der Frauen Natur und Recht, Berlin 1876. In: “Neue Bahnen”, Zeitung des Allgemeindeutschen Frauenvereins (ADF), 11.Jg. 1876, Nr. 9)
[21] a.a.O., S.561 (Charlotte Pape. In: “Neue Bahnen”, a.a.O., Nr.15)
[22] Dohm, Der Jesuitismus, a.a.O., S.170?
[23] Dohm, Hedwig: Was die Pastoren denken, Berlin 1872, S.49
[24] zit. Gerhard, Ute: Unerhört – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Hamburg 1990, S.164 (Minna Cauer: 25 Jahre Verein Frauenwohl, Berlin 1913)
[25] a.a.O., S.221
[26] Twellmann, Margrit (Hrsg.): Erlebtes – Erschautes – Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940 (Lida Gustava Heymann/Dr. jur. Anita Augspurg) Meisenheim am Glan 1872, S.97f)
[27] a.a.O., S.98
[28] Dünnebier, Anna/Scheu, Ursula: Die Rebellion ist eine Frau – Anita Augspurg und Lida G. Heymann, München 2002, S.180
[29] a.a.O., S.203
[30] a.a.O., S.204
[31] a.a.O., S.206
[32] ebd.
[33] ebd.
[34] zit. a.a.O., S.207
[35] August Bebel: Die Frau und der Sozialismus 1879, Lily Braun: Die Frauenfrage – ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite 1901; Clara Zetkin: Rede zur Frauenfrage auf dem Internationalen Arbeiterkongress 1889 in Paris. Erfurter Programm der SPD 1891: “Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen” Anträge der SPD im Reichstag zum Wahlrecht für beide Geschlechter: 5.12.1895, 22.3.1917, Juli 1918 (jeweils “Heiterkeit” bei den Abgeordneten und Ablehnung).
[36] Notz, Gisela: Der Kampf um das Frauenwahlrecht in Deutschland; in: Mit Macht zur Wahl – 100 Jahre Frauenwahlrecht in Europa, Bonn 2006 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frauenmuseum Bonn (2006-2007), S.94-107; S.103
[37] ebd.
[38] zit. Gerhard, a.a.O., S.323 (Else Lüders: Minna Cauer. Leben und Werk, Gotha 1925)
[39] vgl. Notz, ebd.