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Adolf, Hilde

13.5.1953 in Bremen – 16.1.2002 in Bremen

Eigentlich ist ihr Geburtsort Bremerhaven, jedoch gehörte damals das Überseehafengebiet mit der Barkhausenstraße zu Bremen.

Hildes Eltern Elfriede und Heinz Hermann wohnten beim Großvater, der stellvertretender Leiter der Berufsfeuerwehr war. Die junge Familie lebte in einfachen Verhältnissen, das Geld war stets knapp, die Großeltern mussten oft aushelfen. Hilde und ihre ein Jahr ältere Schwester Herma liebten ihren Opa, einen gestandenen Sozialdemokraten, der seine Enkelkinder zur Mai-Demonstration mitnahm. Der Vater verließ die Familie, als Hilde zwölf Jahre alt war, die finanzielle Situation wurde durch die Scheidung noch prekärer.

1972 machte sie ihr Abitur an der Körnerschule. Als sie nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr ein Jurastudium in Bremen und später in Göttingen aufnahm, war das nur folgerichtig: Es entsprach ihrem Rechtsverständnis und war eine gute Grundlage für verschiedene Berufe. Das sah sie bereits mit dem gleichen Pragmatismus, der sie zeitlebens prägte.

Im selben Jahr lernte sie ihren späteren Ehemann Wolfgang Lunter, einen Elektrotechniker, kennen und zog mit ihm in Bremerhaven zusammen. 1978 heiraten die beiden und bekamen vier Jahre später ihren Sohn Eike. Durch die Geburt verzögerte sich ihr Examen, das sie schließlich 1987 ablegte – die Familie war ihr wichtiger als die Karriere.

Bereits 1972 war die Abiturientin in die SPD eingetreten – geprägt von der damaligen Lichtgestalt Willy Brandt. Doch zunächst engagierte sie sich eher im Kleinen, z.B. um für einen Zebrastreifen vor dem Kindergarten ihres Sohnes zu kämpfen. Erst später als Rechtsanwältin merkte sie, wie wichtig es war, die Gesellschaft durch Politik zu verändern und dass sie einen Teil dazu beitragen wollte. In dieser Zeit entstanden bundesweit die ersten kommunalen Frauenbeauftragten, und auch in Bremen wurde die Landeszentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) geschaffen. Die erste Leiterin Ursula Kerstein suchte Unterstützung für Bremerhaven – und fand in Hilde A. genau die Richtige. Die Juristin war zwar zuvor nicht frauenpolitisch aktiv gewesen, aber durchaus emanzipatorisch bewusst, in der Seestadt bekannt und engagiert. Und so baute sie ab 1988 ein riesiges Frauennetzwerk in Bremerhaven auf.

Damals wurde ihr klar, wie wichtig politische Kontakte waren, um etwas zu bewirken. Damit begann ihre Karriere: 1995 wurde sie in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Der damalige Bürgermeister Henning Scherf war begeistert von ihr. Für ihn war sie „eine Traumpolitikerin, die von ganz vielen Leuten als eine von ihnen verstanden und anerkannt wurde. Außerdem war sie eine unglaubliche Mischung aus Sozialarbeiterin, Agenturchefin für Arbeits- und Berufslose und Entertainerin. Sie hat Talente zusammengebracht, die es eigentlich in der Kombination gar nicht gibt.“

Mitunter wurde sie auch als „Mutter der Seestadt-SPD“ tituliert, eine, die sich um alles kümmert. Aber sie war nicht das „Seelchen“, wie es nach außen hin vielleicht den Anschein hatte. Sie war sich durchaus ihrer Macht bewusst und nutzte sie, jedoch nicht aus persönlicher Berechnung, sondern weil sie etwas bewegen wollte. Darin war sie eine große Strategin.

Bis zur nächsten Bürgerschaftswahl 1999 hatte sie sich dadurch auch in der Hansestadt einen Namen gemacht, so dass der wiedergewählte Bürgermeister Scherf sie als Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales holte.

Die neue Senatorin arbeitete sich umgehend in ihr Mammutressort ein. Ihre schnelle Auffassungsgabe half ihr dabei, sie war „bienenfleißig, aber keine Aktenfresserin“, lautete das Urteil der zwei erfahrenen Staatsräte Dr. Hans-Christoph Hoppensack und Dr. Arnold Knigge. Sie überflog die Akten und ließ sich den Rest von den Fachleuten berichten, wobei sie auch schon einmal die Hierarchien der Verwaltung überging, wenn es nötig war. Sie gab die Linie vor, aber nicht so sehr die Details, war sachorientiert und sich stets ihrer Verantwortung bewusst.

Mit ihrer natürlichen Begabung, Konflikte zu lösen – sei es in der eigenen Partei oder in der Bevölkerung – und ihrem klugen Gespür verschaffte sie sich Respekt, auch bei der Opposition. Und Konfliktpotenzial gab es viel: Als Gesundheitssenatorin setzte sie das Mammographie-Screening als bundesweit erstes Modellprojekt durch. Ein weiteres großes Projekt in ihrer Amtszeit war die Einführung von Sozialzentren und der Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik hin zum Motto „Fördern und fordern“ – nicht unumstritten in ihrer Partei.

Immer wieder geriet die Senatorin jedoch in einen Zwiespalt zwischen ihrem eigenen Anspruch auf Chancengleichheit und Solidarität und der Haushaltsnotlage der Großen Koalition, die Sanierungserfolge vorweisen musste. Ihr Gestaltungsspielraum war aufgrund der finanziellen Lage des Zwei-Städte-Landes begrenzt. Und manchmal war sie auch gezwungen, ganz pragmatisch heilige sozialdemokratische Kühe zu schlachten. Dennoch machte ihr das Amt überwiegend Freude.

Sich selbst wichtig zu nehmen war ihr dabei fremd. Sie hing nicht am Posten, wollte ihn nur gut machen, wollte gestalten. Ihr langjähriger politischer Weggefährte und Freund, der spätere Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, war überzeugt: „Wenn man Politik zum Beruf machen will, dann muss man der Geschichte in die Speichen greifen wollen. Man muss wirklich etwas verändern wollen und einen echten Anspruch haben, nicht nur drei Akten von rechts nach links bewegen. Das hat Hilde Adolf von manchem gelackten Politiker unterschieden und letztlich ihre Glaubwürdigkeit ausgemacht.“

Viele sprachen sogar hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand davon, dass Hilde Adolf sich als Nachfolgerin von Senatspräsident Henning Scherf eignen würde. Es wurde ihr zugetraut. Aber sie ließ sich nie auf Spekulationen ein. Sie wollte sich auf ihre Arbeit konzentrieren.

Als sie – 48jährig – mit ihrem Dienstwagen auf dem Heimweg nach Bremerhaven auf der A27 tödlich verunglückte, konnte die Unfallursache nie einwandfrei geklärt werden. Die Bevölkerung im Land Bremen war geschockt. Ihr Tod hinterließ eine große Lücke, nicht nur im Leben ihrer Familie und ihrer politischen Freunde. Noch Jahre später erinnerten sich viele an Hilde Adolf als eine aufrechte, zupackende und charismatische Sozialpolitikerin, die durchaus das Zeug zu mehr hatte, eine, die die Leute erreichte und dabei ehrlich blieb, die anderen mit Offenheit begegnete und Respekt erfuhr. Und darin war Hilde Adolf ein Vorbild.

Seit 2005 wird der Hilde-Adolf-Preis vergeben. Getragen durch Unternehmens-Spenden würdigt er vorbildliche Initiativen mit Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement.

In Gröpelingen ist die Hilde-Adolf-Straße und in der Überseestadt der Hilde-Adolf-Platz nach ihr benannt. In Bremen St. Magnus trägt das Hilde-Adolf-Haus, Wohnstätte für behinderte Kinder, ihren Namen und in Bremerhaven-Lehe das Hilde Adolf Frauenzentrum e.V., in Bremerhaven-Geestemünde gibt es ebenfalls eine Straße mit ihrem Namen.

Literatur und Quellen
Köhler, Birgit/Oldigs, Beenhard: „Mach das Beste draus!“ Hilde Adolf – eine Biografie, Bremerhaven 2010

Birgit Köhler und Beenhard Oldigs