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Schulen: Das Mädchengymnasium an der Kleinen Helle – FrauenOrt

Dem Beispiel anderer deutscher Länder folgend, errichtete der Bremer Senat 1916 an der Straße „Kleine Helle“ das erste städtische Mädchengymnasium der Hansestadt, in dem Schülerinnen bis zum Abitur geführt werden konnten. Bis dahin waren in Bremen Mädchen, die das Abitur ablegen wollten, auf Notlösungen angewiesen: Sie mussten sich entweder den Lehrstoff privat aneignen und als Externe die Abiturprüfung ablegen oder eines der Jungengymnasien besuchen, was in Bremen seit 1909 möglich war. So erging es 1912 Elisabeth Forck, der späteren Lehrerin und Direktorin an der Kleinen Helle, die als eine von drei Mädchen ihrer Klasse das Neue Gymnasium besuchte, während einige ihrer älteren Kolleginnen wie die beiden Schwestern Dr. Lürssen und Frau Dr. Horneffer nur auf Umwegen ihre Promotion hatten erlangen können.

Der Bau an der Kleinen Helle galt zu seiner Zeit als besonders fortschrittlich: er war schnörkellos und zweckmäßig, neuartig war auch die Einrichtung von naturwissenschaftlichen Räumen für Chemie und Physik. Der Lehrplan der Studienanstalt entsprach dem realgymnasialen Typus. Ab Untertertia, also nach dem siebten Schuljahr, teilte sich die Schullaufbahn. Während die Mehrzahl auf dem herkömmlichen zehnklassigen Lyzeum verblieb, konnten besonders begabte Schülerinnen auf die sogenannte Studienanstalt überwechseln. Dort begann man mit Latein, ab Untersekunda kam eine zweite moderne Fremdsprache hinzu. Eine rein altsprachliche Ausbildung war vorerst für Mädchen nur an Jungenschulen möglich. Um dem abzuhelfen, wurde 1925 in der Studienanstalt ein zusätzlicher altsprachlicher Zweig eingerichtet, in dem in Obertertia (9.Klasse) Griechisch als dritte Fremdsprache hinzukam. Diese Trennung zwischen realgymnasialem und humanistischem Zweig wurde in der Kleinen Helle bis zur Schulreform 1938 in Form von geteilten bzw. Parallelklassen fortgeführt. In der Studienanstalt herrschte ein strenges Arbeitspensum mit anfangs sogar sieben Wochenstunden Latein! Die kleine Helle galt als äußerst anspruchsvoll, wo von den Schülerinnen viel verlangt und besonders streng zensiert wurde. Doch auch der Zusammenhalt der „Kleinen Hellenen“ war sprichwörtlich, die Mädchen fühlten sich doch gewissermaßen als „Elite“. Denn während in den privaten Schulen damals Standesunterschiede eine große Rolle spielten, ging es in der Studienanstalt vor allem um den geistigen Wettstreit.

In den ersten Jahren nach der Gründung übernahm Schulrat Dr. Böhm die Leitung bereits mit dem Ziel, die Schule in die Hände einer weiblichen Kraft zu geben. Dies geschah 1919, als Mathilde Plate (1889 – 1963) – auch sie keine Akademikerin sondern über das Lehrerinnenseminar und private Weiterbildung voran gekommen – die Direktorinnenstellung übernahm. Wegen ihrer eleganten Erscheinung wurde sie die „Fürstin“ genannt, doch hinter ihrem zurückhaltenden Auftreten verbarg sich ein starker Wille, und mit sanfter, aber energischer Hand wusste sie die Schülerinnen zu leiten. Sie durfte sich damals ihr Kollegium selbst zusammenstellen, auch dies trug zu dem hohen Standard der Schule bei.

Nach 1933, als der Schulleitung von dem nun herrschenden Regime immer mehr Steine in den Weg gelegt wurden, gelang es Frau Plate, mit Raffinesse und leisem Widerstand einige Zumutungen abzuwenden, sie konnte aber nicht verhindern, dass ihr ständig neue und oft ohne Ankündigung verhängte Restriktionen im Sinne der nationalsozialistischen Schulpolitik die Arbeit immer mehr erschwerten. Schließlich musste sie zu ihrem großen Kummer miterleben, dass das Gymnasium im alten humanistischen Sinne abgebaut wurde, so dass es zuletzt nur noch zwei Schulformen für Mädchen gab: ein reduziertes sprachliches Abitur mit kleinem Latinum und ein hauswirtschaftliches (im Volksmund: „Puddingabitur“ genannt), das nur noch minimales theoretisches Wissen voraussetzte.

Im Kollegium hat nach übereinstimmender Aussage ihrer Mitarbeiter weiterhin ein liberales, kaum vom neuen „braunen“ Geist beeinflusstes Klima geherrscht. Man wusste sich durch mehr oder weniger offenen Widerstand gegen die staatlichen Maßnahmen zur Wehr zu setzen. Viele Schülerinnen, vor allem die jüdischen Schülerinnen unter ihnen, haben dies ihren Lehrerinnen ihr Leben lang zu danken gewusst.

Mit Kriegsbeginn 1939 wurde es immer schwieriger, einen geordneten Schulalltag aufrecht zu erhalten. Nicht nur fiel durch die äußerlichen Kriegsauswirkungen in der Kleinen Helle immer häufiger der Unterricht aus, er wurde durch schulpolitische Maßnahmen zusätzlich reduziert und in seiner Qualität beeinträchtigt. Allein im Schuljahr 1939/40 entfielen 30% der Stunden.

Im Laufe des Krieges mussten die Schülerinnen mehrfach umziehen. Als das Gebäude von der Marine beschlagnahmt wurde, musste man zur Oberschule an der Karlstraße ausweichen, durch den Raummangel war man zu Schichtunterricht gezwungen. Bis Ostern 1940 war die Kleine Helle im Lyzeum in Walle untergebracht, umgekehrt war 1941 die Kippenbergschule zu Gast, so dass erneut Schichtunterricht fällig wurde. Dennoch reichten die Räume nicht aus, so dass der Unterricht verkürzt oder in Privatwohnungen verlegt werden musste.

Im Dezember 1943 richteten Luftangriffe große Schäden am Schulgebäude an. Die Zimmerdecken in den oberen Geschossen waren explodiert, und die Heizanlage wurde zerstört. Weitere schwere Bombenangriffe trafen die Schule im August 1944. Zusätzlich wurden die Bremer Schulen mehrfach wegen Kohlemangels ganz geschlossen. Das Schulleben spielte sich zwischen Bombenalarmen ab, die Kinder erschienen übermüdet zu den wenigen durch Bunkeraufenthalte unterbrochenen Stunden.

Von August 1943 und Februar 1945 wurden im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung Schülerinnen erst einzeln, dann in Klassenverbänden in nicht vom Krieg betroffene ländliche Gegenden geschickt, wo die jüngeren in Pflegefamilien, die älteren in lagerähnlichen Unterkünften untergebracht wurden. Die Schülerinnen der Kleinen Helle kamen nach St. Gilgen in Österreich sowie nach Oberhof in Thüringen und später nach Fulda, begleitet von mehreren Lehrerinnen unter der Leitung von Frau Dr. Rhenius. Noch Jahre danach erinnerten sich Lehrer und Schüler gern an diese fröhliche, behütete Gemeinschaft. Die höheren Klassen blieben allerdings in Bremen. In dem heutigen Gebäude der Hermann-Böse-Schule wurden Sammelklassen eingerichtet, wo man sich trotz aller Widrigkeiten auf das Abitur vorzubereiten versuchte. Alle Äußerlichkeiten wie Weihnachtsfeiern, Aufführungen, Ausflüge u.a. hatten natürlich auszufallen. Im November 1944 wurde angeordnet, die Abiturientinnen des Jahrgangs 1943/44 mit einem vorläufigen Zeugnis zum Arbeitseinsatz in der Kriegsindustrie oder Landwirtschaft zu entlassen. Nachdem bereits zuvor ein Schuljahr gestrichen worden war, erhielten diese Schülerinnen so bereits nach elf Schuljahren und ohne Prüfung ihr Abiturzeugnis.

Nach dem Kriege war vorerst an eine Wiederaufnahme des Unterrichts nicht zu denken. Von März bis zum Dezember 1945, als die amerikanische Militärregierung die Gymnasien wieder öffnete, blieben die Kinder zuhause und erhielten bestenfalls Privatstunden. Aber auch dann musste man zuerst an den Wiederaufbau denken. Die Kleine Helle stand zwar noch, von weitem zu sehen als einziges Gebäude inmitten Trümmern, war aber stark zerstört. Kinder und Lehrer räumten per Hand den Hof von Bombentrichtern frei und schleppten Dachziegel. Die Schulstunden fanden in Notunterkünften oder Privaträumen, ohne Heizung, manchmal auch mit Regenschirm statt. Die Schulsituation in Bremen nach dem Kriege lässt sich nur als katastrophal bezeichnen, es fehlte praktisch an allem. Knapp waren nicht nur Räumlichkeiten, sondern auch Lehrmaterial, da erst geklärt werden sollte, welche alten Schulbücher weiter benutzt werden durften. Es hieß nun improvisieren. Aus Altpapier fertigte man Hefte selbst. Da viele männliche Lehrkräfte im Krieg gefallen waren oder sie sich erst vor der Entnazifizierungsbehörde verantworten mussten, kamen auf eine Lehrerin bis zu 100 Schülerinnen. Die Kinder waren unterernährt, ihnen fehlten warme Kleider und Schuhe, sie kamen morgens aus provisorischer Unterbringung zur Schule, ohne zuhause gefrühstückt zu haben; oft war die Schulspeisung die einzige richtige Mahlzeit am Tage.

1949 endete die Ära der mittlerweile bereits 67jährigen Mathilde Plate. Ihre Nachfolgerin wurde Elisabeth Forck (1900 – 1988), seit 1926 an der Kleinen Helle tätig. Etwas widerstrebend nahm sie diese Aufgabe an, denn sie wäre am liebsten Lehrerin geblieben und bedauerte, dass ihr die Verwaltungsarbeit so viel Zeit nahm. Doch auch als Direktorin hat sie ihre Schülerinnen auf deren Lebensweg begleitet und bei manchen von ihnen die entscheidenden Weichen für den weiteren Lebensweg stellen können.

In den kommenden Jahren gab es immer wieder administrative Änderungen (manchmal regelrecht Kehrtwendungen) in der Bremer Schulpolitik, über die hier nur ein kurzgefasster Überblick gegeben werden kann:

1950 brachte das 1.Bremer Schulreformgesetz die Einführung der sechsjährigen Grundschule, gefolgt vom sogenannten Kombinat aus mehreren Schulformen, einer Art Gesamtschule. Die Bezeichnung Gymnasium wurde abgeschafft, es gab nur noch die Oberschule. Für einige Klassen wurde auch in der Kleinen Helle vorübergehend die Koedukation eingeführt.

1954 wurde das Kombinat wieder aufgelöst und die Kleine Helle auf den gymnasialen Zweig (nur Mädchen) reduziert. Ab der siebten Klasse wurde als zweite Fremdsprache Latein oder Französisch angeboten, ab der elften Klasse als dritte Sprache die jeweils zuvor nicht gewählte.

1957 begann die sogenannte Typisierung, d.h. jeder Schule wurde eine bestimmte zweite Fremdsprache zugewiesen, Parallelklassen mit unterschiedlichem Sprachangebot waren jetzt nicht mehr möglich. Für die Kleine Helle bedeutete dies, dass sie zum „neusprachlichen Gymnasium“ deklariert wurde mit Latein als zweiter Fremdsprache nach Englisch und der Wahlmöglichkeit zwischen der dritten Sprache Französisch oder einem musischen Zweig in der Oberstufe.

Diese letzte Reform war neben der Neugründung vieler Gymnasien außerhalb der Bremer Innenstadt eine der Ursachen für den Rückgang der Schülerzahlen in den sechziger Jahren von über 600 bis auf 300 Schülerinnen. So kam es, das der Bremer Senat 1963 erstmals eine Auflösung der Kleinen Helle in ihrer bisherigen Form ins Auge fasste, und zwar alternativ die Schließung oder die Verlegung in eine Vorstadt. Die Folge war ein Proteststurm bei Schülerinnen, Lehrerinnen und in der Bremer Öffentlichkeit. Frau Forcks Versuch, sich der Auflösung ihrer Kleinen Helle zu widersetzen, endete mit einem Fiasko. Zwar durfte die Kleine Helle schließlich doch bestehen bleiben, indem der Senat die Einführung der Koedukation beschloss, aber Frau Forck fand sich in der Konfrontation mit dem Senat tief gedemütigt wieder. Solche Erlebnisse haben ihr die letzten Jahre bis zu ihrer Pensionierung 1963 verbittert, wenn auch Schülerinnen und Kollegen ihr einen überwältigenden Abschied bescherten.

Es dauerte einige Monate, bis 1964 Frau Erika Opelt-Stoevesandt (1919 – 2013) die Leitung der Schule übernahm. Viele Neuerungen im Schulbetrieb sind dieser tatkräftigen Frau zu verdanken. Ein besonderes Anliegen war ihr die 1965 begonnene Einrichtung von zwei Aufbauzügen für Mittelschüler, die die Durchlässigkeit der Oberstufe ermöglichten. Zeitweise gab es zehn Parallelklassen in der Oberstufe, so dass die Schule auf über 1.000 Schüler anwuchs. Dem dadurch entstandenen Raummangel sollte der Mitte 1973 eröffnete, fünfgeschossige Anbau an das alte Gebäude abhelfen, wo drei naturwissenschaftliche Disziplinen, Musik und Sozioökonomie untergebracht wurden. Frau Opelt-Stoevesandt bezeichnete diese Jahre als eine Blütezeit der Schule, indem sie auf die Schaffung eines neuen naturwissenschaftlichen Zweigs, die Zulassung von Kunst und Musik als Abiturfach und die Ausweitung des Fremdsprachenangebots verwies. – Mit dem Ruhestand 1981 verließ Frau Opelt-Stoevesandt die Schule, um sich ihrer neuen Lebensaufgabe, der Gründung eines ökumenischen Gymnasiums, zu widmen.

Inzwischen rückte das endgültige Aus der Schule immer näher. Mehrere Entwürfe des Senats mündeten schließlich in dem Plan, das Gymnasium an der Kleinen Helle zu schließen und das Alte Gymnasium, bisher an der Dechanatstraße, in dessen Räume umziehen zu lassen, wo es sich bis heute befindet. Protestaktionen wie die Besetzung des Gebäudes und Verkleidung der Fassade mit Trauerfolie hatten keinen Erfolg. Unter dem neuen Schulleiter Günther Gerlach feierte die Kleine Helle im Mai 1986 noch mit viel Galgenhumor ihr letztes, das 70. Jubiläum, wohl wissend, dass bald die letzte Zeugnisvergabe und Abschlussfeier stattfinden sollte. Im Herbst 1986 bezogen die ersten rund 300 Schüler des Alten Gymnasiums das Gebäude, mit Beginn des Schuljahres 1987/88 folgten auch die restlichen Schüler, und das Gymnasium an der Kleinen Helle war somit offiziell aufgelöst.

1986 gaben die Schülerinnen und Schüler ihrer Verzweiflung darüber Ausdruck, dass ihre Traditionsschule ein so klägliches Ende finden sollte: Sie fertigten einen Grabstein, der noch heute im Treppenhaus des Gebäudes ruht, leider inzwischen nicht mehr öffentlich sichtbar, auf dem sie die Worte eingravierten:

Ruhe sanft
Kleine Helle
* 1916 Eine sozialreformerische Tat
† 1987 Ein verordneter Tod
Den Lebenden zur Mahnung
Die Ehemaligen.

Literatur und Quellen
Festzeitschrift zum 70jährigen Jubiläum der Kleinen Helle 1986.
Gerhardt Heidt (Zeitzeuge).
Unterlagen im StAV Bremen.

Marion Reich