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Seefahrt: Frauenarbeit auf Bremer Passagierschiffen – FrauenOrt

Die Entwicklung der Dampfschifffahrt in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bedeutete einen enormen globalen wirtschaftlichen Schub. Der Einsatz des Dampfantriebs für Überseeschiffe veränderte zudem den Arbeitsplatz der Seeleute vollkommen. Es entstanden neue Berufe zur Bedienung des Schiffsantriebs sowie im Dienstleistungssektor an Bord. Auf den Segelschiffen waren nur die Kajütspassagiere im Kapitänssalon des Schiffes bedient worden, und zwar in der Regel von einem einzigen Schiffsjungen. Die verhältnismäßig luxuriös ausgestatteten Dampfschiffe hingegen, auf denen Reisende in Gesellschaftsräumen aßen, erforderten bei stetig steigender Anzahl der Passagiere viel mehr Bedienungspersonal. Für den Bedarf der weiblichen Passagiere und Kinder wurden nun auch Frauen eingesetzt.

Auf den ersten transatlantischen hölzernen Raddampfern „Germania“ und „Hansa“, die von 1852 bis 1857 von der Bremer Reederei W.A. Fritze & Co. betrieben wurden, gab es neben Stewardessen auch Kammermädchen und Köchinnen. Der 1858 gegründete Norddeutsche Lloyd (NDL) hingegen beschäftigte auf seiner transatlantischen Passagierlinie zwischen Bremerhaven und New York auf jedem Dampfschiff nur zwei Stewardessen.

Diese kamen häufig aus dem Kleinbürgertum, waren bürgerliche Witwen oder alleinstehende Frauen ohne Angehörige, die sich nur durch eigene Arbeit erhalten konnten. Die meisten waren über 30 Jahre alt, einige wenige Anfang 20. Selbst auf Segelschiffen mit Auswanderern gab es in den 1860er Jahren mitunter Stewardessen, jedoch reisten diese meist unter dem Schutz eines männlicher Besatzungsmitglieds, etwa des Bootsmanns oder des Kochs, dessen Ehefrau sie waren. Doch nur ältere Matronen galten an Bord als Respektspersonen. Sonst waren Stewardessen auf Seeschiffen nicht angesehen. Erwerbstätigkeit ziemte sich ohnehin nicht für bürgerliche Frauen, schon gar nicht in einem dienenden Beruf. Denn an Land hatten Frauen selbst Hauspersonal, dem sie vorstanden. Hinzu kam, dass sich „anständige“ Frauen nicht allein unter lauter Männern bewegen sollten; ihre Anwesenheit in der Männerdomäne der Schiffsbesatzung schickte sich nicht. Erst nach dem 1.Weltkrieg wurde der Anblick von Frauen im Service von Passagierdampfern langsam selbstverständlich. Doch wurden sie nach wie vor ausschließlich zur Betreuung von Frauen und Kindern eingesetzt und hatten in den allgemeinen Gesellschaftsräumen während der Mahlzeiten keine Aufgaben.

Auf den ersten Passagierschiffen des NDL gab es noch keine Krankenschwestern, vielmehr hatte ein Arzt die medizinische Verantwortung für alle Reisenden. Dies änderte sich mit zunehmender Größe der Schiffe und steigender Anzahl der Passagiere. Bis zum 1.Weltkrieg wurden vornehmlich Heilgehilfen als ärztliche Assistenten in der Krankenpflege eingesetzt, nach dem 1.Weltkrieg kamen auch ausgebildete Krankenschwestern auf die Passagierschiffe des NDL, angeworben vom Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Im Schwimmbad an Bord des Schnelldampfers „Bremen“ gab es von 1934 bis 1939 eine Bademeisterin, die eine physiotherapeutische Ausbildung besaß, auch den angrenzenden Fitnessbereich betreute und medizinische Massagen anbot. Krankenschwestern gaben ebenfalls solche Anwendungen.

Seit den 1920er Jahren wurden Frauen in weiteren Bereichen eingesetzt, z.B. als Gärtnerinnen und als Verkäuferinnen in Blumengeschäften. Die Schmuck- und Kunsthandwerksläden auf den Schnelldampfern beschäftigten Absolventinnen der Gewerbeschule in Bremen. Sie mussten gute Umgangsformen haben und Englischkenntnisse vorweisen. Der Barbier an Bord wurde angesichts der modernen Kurzhaarfrisuren für Frauen durch Friseurinnen ergänzt. Weibliche Fachkräfte in der Besatzung waren in der Zwischenkriegszeit keine notleidenden Witwen mehr, sondern abenteuerlustige junge Frauen, die etwas von der Welt sehen wollten. Obwohl die Geschäfte von externen Unternehmen geführt wurden und das Gesundheitspersonal mit Hilfe des DRK angeworben wurde, hatte der NDL bei der Einstellung von Personal das letzte Wort. Das belegen unter anderem Bordaufzeichnungen von weiblichen Arbeitskräften im Archiv des deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.

Ursula Feldkamp