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Vier Frauen und ein Ziel

Der steinige Weg zum Wahlrecht der Bremerinnen

Vortrag von Romina Schmitter

Auf dem Bild sind die vier Frauen zu sehen, auf die sich der Vortrag bezieht: Von links nach rechts – die Berlinerin Hedwig Dohm und die drei Bremerinnen Luise Koch, Minna Bahnson und Auguste Kirchhoff.

Hedwig Dohm wurde 1831 geboren, heiratete 1853 den Chefredakteur der satirischen Zeitschrift “Kladderadatsch” Ernst Dohm und hatte 5 Kinder.

Luise Koch war Privatlehrerin, blieb aber – wie die meisten ihrer Kolleginnen im Staatsdienst – ledig; denn bei einer Verheiratung hätten sie aufgrund des sogenannten “Beamtinnenzölibats” ihre Berufstätigkeit aufgeben müssen. Das Zölibat galt zwar, wie der Name sagt, für Beamtinnen; aber gesellschaftliche Normen sorgten dafür, dass es in der Realität die meisten Lehrerinnen betraf.

Minna Bahnson war mit dem Bremer Oberbaurat Carl Bahnson verheiratet, blieb aber kinderlos.

Auguste Kirchhoff, wie Luise Koch und Minna Bahnson in der 60ern des 19. Jahrhunderts geboren, heiratete den Juristen und späteren Senator Dr. Heinrich Kirchhoff und hatte – wie Hedwig Dohm – 5 Kinder.

Mit diesen Familienverhältnissen und ihrer bürgerlichen bis großbürgerlichen Herkunft waren zumindest Hedwig Dohm, Minna Bahnson und Auguste Kirchhoff für die Stimmrechtsbewegung eigentlich untypisch: einmal waren die meisten Stimmrechtlerinnen Lehrerinnen und damit ohne eigene Familie. Dann hatten sie – wie auch die wenigen Männer, die sich für politische Frauenrechte einsetzten – einen kleinbürgerlichen bis proletarischen Hintergrund.

Dass ich die vier Frauen trotzdem ausgewählt habe, hängt mit der herausragenden Bedeutung zusammen, die sie für die Bewegung hatten.

Hedwig Dohm stellte mit ihrem 1876 veröffentlichten Buch “Der Frauen Natur und Recht” die Weichen für die stimmrechtspolitische Argumentation. Nicht ohne Grund nannte Auguste Kirchhoff sie in ihrer Rede 1916 in Frankfurt am Main “unsere alte Vorkämpferin”, die die Frauenbewegung aus den “den Stürmen des Revolutionsjahres 1848 nachfolgenden Jahren finsterer Reaktion… zu neuem Leben” erweckt habe[1]. Luise Koch gründete 1904 die Bremer Ortsgruppe des “Deutschen Stimmrechtsvereins” und blieb bis 1919, als Frauen zum ersten Mal zur Wahlurne gehen konnten, ihre erste Vorsitzende, und Minna Bahnson und Auguste Kirchhoff bestimmten maßgeblich die sogenannte “Stimmrechtsdebatte”, die vor dem Ersten Weltkrieg im Reich wie auch in Bremen mit zunehmender Heftigkeit geführt wurde.

Nach den gesellschaftlichen Normen wie den Gesetzen, vor allem dem patriarchalischen Familienrecht, das in den 25 Bundesstaaten galt und im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 weitgehend übernommen wurde, hätten Ernst Dohm, Carl Bahnson und Heinrich Kirchhoff eigentlich das Recht und auch die Pflicht gehabt, ihren Ehefrauen schriftstellerisches und politisches Auftreten in der Öffentlichkeit zu verbieten.

Dass sie es nicht taten und Bahnson und Kirchhoff ihre Frauen sogar solidarisch unterstützten, war ungewöhnlich und angesichts der Bedeutung dieser Frauen für die Stimmrechtsbewegung ein großes Glück.

Hedwig Dohm

Als Hedwig Dohm ihre bahnbrechende Schrift “Der Frauen Natur und Recht” der Öffentlichkeit vorlegte, brauchte sie ungewöhnlichen Mut. Denn sie tat es im ersten Jahrzehnt des Deutschen Kaiserreichs, das – abgesehen von den als “vaterlandslose Gesellen” verrufenen Sozialdemokraten – nach dem Sieg über Frankreich 1871 ebenso militaristisch wie patriarchalisch war. Außerdem sah sie – anders als ihre Vorgängerin, die 48erin Louise Otto aus Sachsen – im Frauenwahlrecht keine “Pflicht”, sondern – nach der Naturrechtslehre der Aufklärung – ein “Recht”.

Entsprechend wurde sie mit “Hohn und Spott” überschüttet[2]; sie erhielt “Droh- und Schmähbriefe”; “sie und ihre Familie” wurden “beschimpft und bedroht”[3]. Aber sie fand diese Reaktionen “erklärlich”. Sie begrüßte sie sogar als Zeichen dafür, dass “die Frauenfrage in der Gegenwart… eine akute geworden” sei[4].

In ihrem Buch räumte sie zunächst mit den herrschenden Vorurteilen gegenüber einer politischen Beteiligung der Frauen auf, so der Ansicht, dass Frauen das Wahlrecht nicht brauchten, dass sie es nicht wollten und dass sie auch gar nicht die Fähigkeit hätten, es auszuüben; zum vierten Vorurteil, das Wahlrecht würde die Weiblichkeit gefährden, schrieb sie:

“Was heißt das, ein Weib sein? Das heißt eine andere körperliche Bildung besitzen als der Mann”. Wolle man daraus folgern, “dass verschiedene Körperbildung notwendig ein verschiedenes moralisches und geistiges Vermögen bedinge”, könne man “ebenso den Aberglauben akzeptieren, … alle Lahmen seien Verwandte Beelzebubs, alle Rothaarigen Verräter und alle Schwarzen Sklaven… in der Tat, in finsteren Zeiten des Mittelalters… (wurden) alte Weiber… haufenweise um rotgerandeter Augen willen als Hexen verbrannt…

Du hast keine politischen Rechte, weil Du ein Weib bist! Du hast keine politischen Rechte, weil Du ein Jude bist! Du hast keine politischen Rechte, weil Du schwarz bist…

Was ist ein Neger? Was ist ein Jude? Was ist ein Weib? Unterdrückte Menschen”,

“Ich bin ein Mensch” fuhr sie fort, “ich denke, fühle, ich bin Bürgerin des Staats, ich gehöre nicht zur Kaste der Verbrecher, ich lebe nicht von Almosen… Die Gesellschaft hat keine Befugnis, mich meines natürlichen politischen Rechtes zu berauben” und sie rief ihren Geschlechtsgenossinnen zu: “Ihr Frauen … Erhebt Euch und fordert das Stimmrecht!”[5]

Anders, als ihre Schriften vermuten lassen, scheute Hedwig Dohm die Öffentlichkeit. Ihr Kampfplatz war der Schreibtisch, nicht das Podium. Trotzdem wurde sie Mitglied des ersten radikalen Frauenvereins, der 1888 gegründet wurde und seine kämpferischen Ziele hinter dem harmlos klingenden Namen “Frauenwohl” verbarg. Diese Tarnung war auch nötig, weil die seit 1850 in den meisten Bundesstaaten geltenden Vereinsgesetze Frauen die Gründung von sowie die Teilnahme an politischen Vereinen verboten, und gleichberechtigte Mädchenbildung und Novellierung des patriarchalen Eherechts galten als hochpolitische Angelegenheit. Diese Verbote wurden erst durch das Reichsvereinsgesetz von 1908 aufgehoben. Bis dahin machten Stimmrechtlerinnen sich die Tatsache zu nutzen, dass in einigen Bundesstaaten – wie Hamburg und Bremen – die Vereinsverbote nicht existierten oder vor 1908 aufgehoben worden waren.

Luise Koch

Mit der Lehrerin Luise Koch trat eine ganz andere Persönlichkeit auf den Plan. Während Hedwig Dohm zahlreiche Schriften, politische auch literarische Bücher und Aufsätze verfasste, hinterließ die Bremerin nur Artikel in der Tagespresse, Petitionen und Schreiben an die Behörden.

Ihre Fähigkeiten lagen in der Organisation. So gründete sie nicht nur die Bremer Ortsgruppe des “Deutschen Stimmrechtsverein(s)”, sondern weitere Gruppen in Bremerhaven, Vegesack und in den Landgemeinden. Sie holte Referentinnen aus Bremen und dem Reich in die Hansestadt:

1907 sprach die Hamburgerin H. Weidemann über “Frauenstimmrecht und seine Gegner”, 1908 berichtete die Bremerin Magda Böttner von der Tagung des “Weltbundes für Frauenstimmrecht” in Amsterdam , 1911 referierte die Berlinerin Minna Cauer über “Die Frauen und die Reichstagswahlen”, 1912 verteidigte ein Herr Dr. Dehning aus Leipzig die englischen Suffragetten gegen deren Diffamierung in den damaligen Medien und von 1916 bis 1917 hielt Rita Bardenheuer aus Bremen fünf Vorträge zur Geschichte und politischen Arbeit der deutschen und internationalen Frauenbewegung.

Dass Luise Koch 1908 einen Herrn Dr. Breitscheid von der Deutschen Demokratischen Partei über die Notwendigkeit des Frauenwahlrechts sprechen ließ, obwohl der “Bremer Verein für Frauenstimmrecht” nach der Satzung zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet war, erklärte sie damit, dass der Verein “die Frauen für ihre Mitwirkung im politischen Leben vorbereiten” wolle[6].

Infolge der Vereinsaktivitäten stieg die Mitgliederzahl von 1904 bis 1909 von 42 auf 396 Personen. Das hing auch damit zusammen, dass Luise Koch nicht vergaß, für Unterhaltung und Vergnügen zu sorgen. So amüsierten sich die Teilnehmerinnen des Vereinsfestes, das 1914 im “Museum” am Domshof stattfand, dem Haus des bremischen Lehrervereins, über die Satiren der inzwischen über 80jährigen Hedwig Dohm sowie die kabarettistische Verspottung der von Dohm klassifizierten “Antifeministen” durch die Lehrerin und Theaterautorin Meta Schmidt.

Diese “Antifeministen” wurden in dem Maße aktiv, in dem der Verein an die Öffentlichkeit trat. Das begann mit der “Bremischen Kirchenvertretung”. 1905 lehnte sie eine von 500 Frauen unterzeichnete Petition zum kirchlichen Frauenstimmrecht ab. Dabei wurde es in der Gemeinde in Hastedt bereits praktiziert und der liberale Pastor der St. Martini-Gemeinde – Albert Kalthoff – hatte 1904 – eine erstmalige Sensation in Deutschland – sogar eine Frau zum Predigen auf die Kanzel gelassen: die US-amerikanische Theologin Reverend Anna Howard Shaw.

Nach der Ablehnung des kirchlichen Frauenstimmrechts forderte der Verein “alle Frauen Bremens, einerlei, welcher kirchlichen Richtung sie angehören, dringend auf… jegliche pekuniäre Unterstützung… für den Bau neuer Kirchen zu verweigern: “Verweigert die Unterstützung so lange, bis man Euch Eure Rechte nicht mehr vorenthält!”[7]

Als der Verein darüber hinaus für sein eigentliches Ziel, das politische Wahlrecht, eintrat, begannen die “Antifeministen” sich in der Bremer Ortsgruppe des “Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation” zu organisieren.

Die Ortsgruppe, die 1914 gegründet wurde (Büro im Ostertor an der Keplerstraße), hatte in ihrem 6-köpfigen Vorstand mit Lydia Kaufmann und Ida Schauinsland auch zwei weibliche Mitglieder. Auch sie fürchteten, dass “die Politisierung der Frau … zur Auflösung der Familie führen (würde)”. Außerdem bedeute “eine unmittelbare Teilnahme der Frau an der Gesetzgebung eine Schwächung des Staates”; die Frau würde “aus einer Gehilfin des Mannes zu seiner Beherrscherin”, was “ein Schritt zum Niedergange” wäre. Schon Goethe habe gesagt, dass “bei der Frau alles Herz” sei, “selbst der Verstand “ und das sei  es “gerade, was für uns das Edelste an der Frau ist”[8].

Diese vor einer großen Versammlung vertretenen Ansichten wurden von den anwesenden Mitgliedern des Bremer Stimmrechtsvereins mit ungewöhnlicher Schärfe zurückgewiesen und Luise Koch gab dem aus Kiel angereisten Referenten den Rat, “zur Stellung der Frau in diesem Staate … nicht den Dichter” zu “befragen, sondern das Gesetz”[9],  womit sie nicht nur die herrschenden Wahlgesetze, sondern auch das patriarchalische Familienrecht meinte.

Trotz ihres inzwischen 10-jährigen Einsatzes im bremischen Stimmrechtsverein hielt Luise Koch nach Kriegsbeginn 1914 – wie übrigens auch die englischen Suffragetten – die Mitglieder dazu an, nunmehr an der “Heimatfront” zu kämpfen bzw. dazu, für die Soldaten Pakete zu packen, ihnen Bücher, Zeitschriften und Briefe ins Feld zu schicken und für ihre Familien Geld zu sammeln.[10]

Aber schon 1916 nahm sie ihr frauenpolitisches Engagement wieder auf; sie ließ sich in den Vorstand des “Deutschen Vereins” bzw. “Verbandes für das Frauenstimmrecht” wählen und plädierte dafür, mit Frauen aus Parteien, sogar mit denen der Sozialdemokratie, zusammen zu arbeiten.

Zu dieser Rückkehr zu ihrem eigentlichen Ziel passt es auch, dass sie nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ins Abseits geriet: war zu ihrem 70. Geburtstag 1930 noch ein langer Artikel über ihre politische Lebensleistung in den Bremer Nachrichten erschienen, dann gab es nach ihrem Tod am 14. März 1934 keinen Nachruf und in der Todesanzeige wurde nur ihr Name genannt.

Minna Bahnson und Auguste Kirchhoff

Anders als Hedwig Dohm und Luise Koch kämpften Minna Bahnson und Auguste Kirchhoff nicht nur für das Frauenwahlrecht; darüber hinaus setzten sie sich für das Recht auf Erwerbstätigkeit und für die Aufhebung der patriarchalischen Sexualmoral ein, wobei Auguste Kirchhoff vor allem die unehelichen Mütter, Minna Bahnson das Elend der Prostituierten im Blick hatte.

Auguste Kirchhoff war außerdem eine leidenschaftliche Pazifistin. Mitten im Kriege wagte sie es – zusammen mit ihrer Mitstreiterin Adèle Schmitz – am Internationalen Frauenfriedenskongreß 1915 in Den Haag teilzunehmen, wofür die beiden Bremerinnen vor allem von Frauen als “Vaterlandsverräterinnen” diffamiert wurden. In der sogenannten “Stimmrechtsdebatte”, die seit 1909 immer heftiger geführt wurde, vertrat Minna Bahnson ein pragmatische, Auguste Kirchhoff die radikale Strategie.

In der “Debatte” ging es um die Frage, ob die Stimmrechtsbewegung für die weibliche Bevölkerung das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht fordern sollte, das seit 1817 im Reich galt, oder die Wahlrechte der 25 Bundesstaaten, die an Klassenzugehörigkeit oder Besitz gebunden waren und dem kleineren Teil der Wahlberechtigten die meisten Sitze sicherten, dem größten aber nur die wenigsten Sitze ließen. Dabei wurde in Bremen nach 8 Klassen, in den bremischen Landgemeinden nach 4, dann 2 Klassen gewählt wobei Grundbesitzerinnen nur das aktive Wahlrecht hatten und es erst ab 1888 sogar persönlich ausüben konnten; vorher mussten das Ehemann oder Vater übernehmen.

Minna Bahnson trat in der Rede, die sie im April 1912 in Bremen hielt, für eine Geschlechtergleichheit im Klassenwahlrecht ein. Denn – so fragte sie – “sind wir berechtigt, für die Frauen ein Wahlrecht zu fordern…, das die Männer noch nicht haben? Und da meine ich, kann die Antwort nur klipp und klar lauten: Nein…!” Es sei zwar Tatsache, dass “für die Reichstagswahlen… die Männer das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht” hätten; aber es sei “ebenso gewiß … daß die Frauen nicht zuerst das Reichstagswahlrecht erhalten, sondern daß wir schon sehr froh sein können, wenn wir es noch miterleben, daß sie… die Bürgerschaftsmitglieder wählen dürfen oder sogar Sitz und Stimme in diesen Stadtparlamenten erhalten”[11].

In ihrem Gegenvortrag , der wie der von Minna Bahnson als gedrucktes Exemplar auch im Reich kursierte, lehnte Auguste Kirchhoff ein taktisches Vorgehen mit aller Entschiedenheit ab und fragte: “Was nützt der Frau ein an Besitz und Bildung geknüpftes Wahlrecht, so lange die wirtschaftliche Lage der Frau eine so viel schlechtere ist als die des Mannes?

Was nützt es den Ehefrauen, deren selbständiges Einkommen… immer dem Mann als Einkommen angerechnet wird?
Was nützt es den erwerbstätigen Frauen, deren Hauptkontingent die Arbeiterinnen bilden?
Was den Haustöchtern, die ohne selbständiges Einkommen mit den Eltern zusammen leben?
Was den Witwen hoher Staatsbeamten, die ohne eigenes Vermögen nur auf ihre geringe Witwenpension angewiesen sind?”

Deshalb gebe es “keinen anderen Weg, allen Frauen wirkliche Staatsbürgerrechte zu sichern, als die Ausdehnung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts auch auf die Frauen. Und – in bewusster Anspielung auf Martin Luthers mutiges Bekenntnis 1521 auf dem Wormser Reichstag – schloss sie mit den Worten: “Letzten Endes haben immer noch die gesiegt, die aufrecht und fest dastanden und sprachen:

‘Hier stehe ich, ich kann nicht anders!’”[12]

Trotz der Unbestechlichkeit dieser Argumentation schloss sich die Mehrheit der Stimmrechtlerinnen der Überzeugung Minna Bahnsons an, mit der Folge, dass die Anhängerinnen Auguste Kirchhoffs die Vereine im Reich und – wie in anderen Bundesstaaten – auch in Bremen verließen und sich Ende 1913 zu einer neuen Organisation, dem “Deutschen Bund für das Frauenstimmrecht”, zusammenschlossen. Und dieser Verein war nicht nur radikal; er war auch ausdrücklich bereit, mit den Frauen der immer noch verrufenen Sozialdemokratie zusammen zu arbeiten. Schon Anfang Januar 1914 gründete Auguste Kirchhoff eine Ortsgruppe in Bremen.

Aber es zeigte sich, dass Minna Bahnson mit ihrer taktischen Strategie nicht Unrecht gehabt hatte, denn Senat und Bürgerschaft leisteten gegen die gemäßigten wie die radikalen Wahlrechtsforderungen der Frauen einen wachsenden Widerstand.

Noch 1908 hatte ein entsprechender Antrag des Sozialdemokraten Alfred Henke – wie übrigens auch die wiederholten Anträge seines Parteigenossen August Bebel im Reichstag – auch in der Bürgerschaft immer wieder Gelächter ausgelöst. 1913 wollte die Verfassungsdeputation das aktive Wahlrecht der Grundbesitzerinnen in den Landgemeinden sogar wieder abschaffen.

1914 wurde ein sozialdemokratischer Antrag zwar erstmalig debattiert, aber mit den Unterstellungen des “Bundes gegen die Frauenemanzipation” abgelehnt, und in der Februarsitzung des Jahres 1918 konnte ein Herr Boettcher – ohne Gefährdung seiner politischen Reputation – darüber schwadronieren, dass “die Frauen auch ins Parlament wollen… aber nicht (dahingehören)”, denn – so der Redner – “so gut wie der Fisch ins Wasser und die Katze aufs Land passt,… gehört der Mann ins Parlament und die Frau ins Haus… der Mann ist das Haupt, aber die Frau ist die Krone, und warum? Weil sie dem Manne an den Augen absieht, was er wünscht”. Als Alfred Henke, der auch im Reichstag saß, daraufhin von einem “Tiefstand der Auffassungen” sprach, wie er ihn “selbst in der bremischen Bürgerschaft nicht für möglich gehalten” habe, erhielt er vom Präsidenten eine scharfe Rüge: er müsse Henkes “Bemerkung… als im höchsten Grade ungehörig zurückweisen.”[13] Dagegen wurden Maximilian Boettchers Ansichten vom Versammlungsleiter nicht einmal kritisiert. In der Sitzung vom 6. November desselben Jahres wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht der Bremer angenommen, das Wahlrecht der Bremerinnen aber wurde abgelehnt.

Der 12. November 1918

Dass sich die Bürgerschaft am 12. November 1918 doch dazu durchrang, auch für das Wahlrecht der Bremerinnen zu stimmen, ging nicht auf die Forderungen und jahrzehntelangen Kämpfen der Stimmrechtlerinnen zurück. Entscheidend waren die revolutionären Ereignisse: Am 8. November 1918 hatte sich ein Arbeiter- und Soldatenrat etabliert; am 11. November wies der Senat in einem internen Schreiben die Bürgerschaft dazu an, für die “Frauen Wahlberechtigung und Wählbarkeit im gleichen Umfang wie für die Männer” zu beschließen[14] und am 12ten stimmte die Bürgerschaft dem Frauenwahlrecht zu. Das war zwei Tage vor der Entmachtung von Senat und Bürgerschaft durch die sozialistischen Räte. Aber damit war das allgemeine und gleiche Frauenwahlrecht noch immer nicht Realität. Denn der Arbeiter- und Soldatenrat, der am 15. November auf dem Rathaus die rote Fahne gehisst hatte, erließ am 6. Januar 1919 für die anstehende Neuwahl der Räte ein eigenes Wahlreglement.

Danach waren nur Arbeiter, Angestellte und Arbeiterinnen wahlberechtigt, die gewerkschaftlich oder parteipolitisch, das heißt sozialdemokratisch oder sozialistisch organisiert waren. Damit hätten alle Hausfrauen, mithelfenden Familienangehörigen und nicht organisierten Frauen – wie natürlich auch Männer – kein Wahlrecht gehabt. Und politisch aktive Frauen waren eher in eigenen Vereinen als in Parteien und Gewerkschaften organisiert; z.B. machten sie weniger als ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder aus[15]. In der Sitzung vom 5. Januar 1919 wurde sogar die Frage diskutiert, ob denn Ehefrauen von Arbeitern, auch die organisierten, das Wahlrecht haben sollten; ein Abgeordneter hatte diese Frage verneint, wurde aber mehrheitlich überstimmt.

Doch am 20./21. Januar 1919 hoben die Räte ihr Wahlreglement wieder auf und stimmten damit dem Wahlrechtsbeschluss der inzwischen entmachteten Bürgerschaft vom 12. November 1918 indirekt zu. Der Grund: 4 bzw. 5 Tage zuvor hatten die bremischen Banken den Revolutionären alle Kredite verweigert. Außerdem drohte bereits die militärische Niederschlagung der bremischen Räterepublik, was dann am 4. Februar 1919 durch das bremische Freicorps Caspari und die vom MSPD-demokratischen Reichswehrminister Gustav Noske befehligten Reichstruppen blutige Wirklichkeit wurde.

Die Bremerinnen bekamen das Wahlrecht also nicht als ein ihn zustehendes Recht, wie Hedwig Dohm es in ihrem Buch “Der Frauen Natur und Recht” 1876 gefordert hatte, sondern vor dem Hintergrund politisch bzw. finanziell und militärisch bedingter Alternativlosigkeit: Am 12. November 1918 war es die drohende sozialistische Revolution, die Senat und Bürgerschaft ihren jahrzehntelangen Widerstand gegen das Frauenwahlrecht aufgeben ließ; In ihrer Sitzung vom 20. zum 21. Januar 1919 mussten die Arbeiter- und Soldatenräte der Kreditverweigerung bremischer Banken und den anrückenden Militärs weichen und anstelle ihres Wahlreglements das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Frauen und Männer akzeptieren. Immerhin konnten die Bremerinnen – wie die Bremer – am 9. März 1919 an der Wahl der bremischen Nationalversammlung aktiv und passiv teilnehmen, nachdem sie ihre erste Erfahrung mit der Ausübung des Wahlrechts schon am 19. Januar 1919 bei der Wahl der verfassungsgebenden Nationalversammlung für das Reich gemacht hatten.

Die Wahlbeteiligung der Bremerinnen lag wie die der Bremer über 80%; das Ergebnis, die verfassungsgebende Nationalversammlung, die nach der Verabschiedung der bremischen Verfassung im Mai 1920 wieder Bürgerschaft hieß, bestand aus 182 männlichen und 18 weiblichen Abgeordneten. Von den gewählten Parlamentarierinnen gehörten 7 der Deutschen Demokratischen Partei an, 5 den Mehrheitssozialisten, je 2 der USPD und KPD und je eine der Deutschen und Deutschnationalen Volkspartei.[16]

Luise Koch und Minna Bahnson hatten als Mitglieder der Deutschen Demokratischen Partei kandidiert und waren auch gewählt worden. Auguste Kirchhoff dagegen konnte sich für keine Partei entscheiden. Wie ihre Biographin und Enkelin Henriette Wottrich schreibt, war sie “konsequent genug, nicht… einer Partei beizutreten, der sie nicht von ganzem Herzen zustimmen konnte”[17].

Romina Schmitter
November 2018
Vortrag in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung im Focke-Museum im Rahmen der Veranstaltungen zum 100jährigen Frauenwahlrecht.

Anmerkungen:
[1] Kirchhoff, Auguste: Zur Entwicklung der Frauenstimmrechtsbewegung, Bremen o.J. (1916), S.3
[2] Dohm, Hedwig: Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Berlin 1902, S.2
[3] Rohner, Isabel: Spuren ins Jetzt – Hedwig Dohm – eine Biografie, Sulzbach/Taunus 2016, S.50
[4] Dohm, a.a.O., S.3
[5] Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht, Berlin 1876, S.160
[6] Volksrechte und Volkslasten, Bremer Nachrichten 15.12.1908
[7] Aufruf!, Bremer Nachrichten 2.11.1906
[8] Gegen die Frauenemanzipation, Bremer Nachrichten 30.1.1914 – Der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation – Ortsgruppe Bremen (Petition an Senat und Bürgerschaft), Bremer Nachrichten 23.3.1914
[9] Vgl. Anm.8 (BN 30.1.1914)
[10] Bremer Nachrichten 4.8.1914
[11] Bahnson, Minna: Ist es wünschenswert, daß der §3 aus den Satzungen des Deutschen Verbands für Frauenstimmrecht gestrichen wird? Vortrag von Minna Bahnson, Bremen 1912
[12] Kirchhoff, Auguste: Warum muß der Deutsche Verband für Frauenstimmrecht sich zum allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht bekennen? Vortrag von Auguste Kirchhoff, Bremen 1912
[13] Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft 1918, S.33, 43f
[14] Antrag, betreffend die Tätigkeit der Verfassungsdeputation, Mitteilung des Senats vom 11.11.1918; StAB V.1. Nr.32
[15] Kuckuk, Peter (Hrsg.): Die Revolution 1918/1919 in Bremen – Aufsätze und Dokumente, Bremen 2010, S.38f
[16] Meyer-Braun, Renate (Hrsg.): Frauen ins Parlament – Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bürgerschaft, Bremen 1991, S.267f
[17] Wottrich, Henriette: Auguste Kirchhoff – eine Biographie, Bremen 1990, S.147