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Swinizki (Zwienicki), Selma

8.6.1882 in Hamburg – 10.11.1938 in Bremen

Selma Stiefel, das jüngste von sechs Kindern des Schuhmachers Koppel Stiefel aus Abterode und seiner Frau Elise, geb. Cohen, erhielt eine Ausbildung als Kindergärtnerin und als kaufmännische Sekretärin. 1916 heiratete sie den aus der Ukraine stammenden und seit 1914 in Bremen lebenden Schlosser Josef Swinizki. Am Ende des Ersten Weltkriegs kaufte das Paar in der Hohentorstraße in der Bremer Neustadt das Doppelhaus Nr. 49/53 und eröffnete ein Verkaufs- und Reparaturgeschäft für Fahrräder, Motorräder, Grammophone und Nähmaschinen. Joseph Swinizki leistete handwerkliche Arbeiten, Selma nützte ihre Ausbildung, führte die Bücher und organisierte Ein- und Verkauf. Das Geschäft florierte. Die Kunden, besonders Arbeiter und Angestellte der Neustädter Genussmittelindustrie, waren zufrieden. Zusätzlich führte Selma Swinizki den Haushalt und kümmerte sich um die religiöse Erziehung ihrer vier Kinder. Niemanden störte, dass die Swinizkis Juden waren. Doch seit den Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte ab April 1933 kam es zu immer stärkeren geschäftlichen Einbußen, ab 1937 konnten keine Gewinne mehr erwirtschaftet werden. Selma und Joseph Swinizki hofften jedoch bis zuletzt auf Besserung. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1933 wurde Selma Swinizki von Joseph Heike, SA-Obersturmführer, vormals Verkäufer und Dekorateur, in ihrem Schlafzimmer erschossen. In der Sterbeurkunde, die der Standesbeamte am 23. November 1938 ausstellte, vermerkte er lediglich „tot aufgefunden“. Selmas Mann konnte von der SA unbemerkt mit den Kindern fliehen. Ihm gelang die Emigration. Heike und seine Vorgesetzten fielen im Krieg.

1982 errichtete man vor dem Landherrenamt im Bremer Schnoor-Viertel einen 2,10 x 3,40 x 0,7m großen, schwarzen Gedenkstein nach einem Entwurf des Künstlers Hans Dieter Voss (1926-1980). Auf ihm sind die Namen der fünf in der „Reichskristallnacht“ ermordeten Menschen verzeichnet. Auf diesem Stein und in der Literatur sowie auf dem „Stolperstein“ finden sich verschiedene Schreibweisen des Namens, Swinitzki und Zwienicki. Die Autorin hat sich in diesem Artikel für die Schreibweise Swinizki entschieden, wie es am Geschäftshaus stand, in der Annahme, dass die Eheleute wohl am besten wussten, wie ihr Name geschrieben wird. Die Schwierigkeit der Schreibweise veranlasste nach eigenem Bekunden den Sohn Gerd zur Namensumbenennung in „Wiener“. Er wurde in New York Rabbiner und war im Jahr 2005 bei der Verlegung des „Stolpersteins“ für seine Mutter an der Ecke Hohentorstraße/Große Sortillienstraße dabei.

Literatur und Quellen
Brinkhus, Jörn, in: Staatsarchiv Bremen (Hrsg.): Die Novemberpogrome 1938 im Land Bremen, Bremen 2013.
Der Senator für Justiz und Verfassung der Freien Hansestadt Bremen (Hrsg.): „Reichskristallnacht“ in Bremen, Bremen 1988, S. 43-45, 48, 52, 56, 72.
Holzner-Rabe, Christine, in: Cyrus, Hannelore u.a. (Hrsg.) Bremer Frauen von A bis Z, Bremen 1991, S. 494 f.
Dies.: Stark. Mutig. Einfallsreich., Bremen 2000, S. 66-71.
Dies.: Von Gräfin Emma und anderen Em(m)anzen, Bremen 1995, 2004, S. 92 f.
Rübsam, Rolf: Sie lebten unter uns, Bremen 1988, S. 90-94.
Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. IV, Hamburg 1985, S. 317 f.
Sterbeurkunde Nr. 3496/1938.
Weser Kurier vom 8.11.2005.

Christine Holzner-Rabe