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Bardenheuer, Rita

Rita Bardenheuer   

5.6.1877 in Bremen – 15.2.1943 in Bremen

Es bedurfte offenbar zweier Senatsbeschlüsse – 24.11.1959 und 7.2.1962 – um eine kleine Straße in einem Neubargebiet im hinteren Schwachhausen – von der Busestraße bis zur Biermannstraße – nach Rita Bardenheuer zu benennen.

Wer war diese Frau, die in ihren 66 Lebensjahren drei Epochen deutscher Geschichte bewusst erlebt hat – nämlich Kaiserreich, Weimarer Republik und „Drittes Reich“. Wir wissen über sie nur etwas aus den ersten beiden Zeitabschnitten. Aber das ist schon interessant genug.

Sie muss eine mutige, für ihre Zeit und ihr Milieu untypische Frau gewesen sein, die deutlich ihre Meinung sagte, die mit großem Engagement mithelfen wollte, die Lage der Frauen zu verbessern und dabei auch vor der Verletzung gesellschaftlicher Tabus nicht zurückschreckte.

Maria Elisabeth Hermine – genannt Rita – Hoffmeister lebte mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern in der Bremer Neustadt. Ihr Vater, Werkmeister der Bremer Silberwarenfabrik Koch und Bergfeld, war aufgeschlossenen genug und vom Verdienst her dazu in der Lage, seine Tochter auf die höhere Töchterschule zu schicken und anschließend ihren Wunsch zu erfüllen, eine Ausbildung am Lehrerinnenseminar von A.M. Janson zu absolvieren. Sie unterrichtete einige Jahre an einer Mädchenschule in Bergedorf bei Hamburg. Offensichtlich wollte sie die vertraute Umgebung einmal verlassen und Neues kennenlernen. Der Liebe wegen kam sie aber wieder zurück nach Bremen, denn hier hatte sie ein „Verhältnis“, das nicht ohne Folgen blieb und das an einem Oktobertag des Jahres 1900 durch Heirat legitimiert wurde. Ihr Mann Gustav Bardenheuer war ein junger Handlungsgehilfe, der bei der alteingesessenen Firma C. Melchers Co beschäftigt war. Voreheliche Beziehungen waren – anders als bei Arbeitern – nicht eben üblich in ihren Kreisen. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: der 1. Sohn wurde 1901 geboren, der 2. Sohn 1902 und die Tochter 1907.

Zwar war Rita Bardenheuer nach der Heirat nicht mehr berufstätig, aber tätig war sie dennoch. Sie engagierte sich u.a. zusammen mit Auguste Kirchhoff im Bund für „Mutterschutz und Sexualreform“, der 1905 in Berlin und 1909 in Bremen gegründet wurde. In den 20er Jahren wurde sie sogar dessen Leiterin in Bremen.[1] Der Bund prangerte „die herrschende Lüge und Heuchelei in allen Fragen, die das sexuelle Leben betreffen an. … Vor dem herrschenden Sittengesetz ist jeder Geschlechtsverkehr außerhalb der Familie unsittlich. Trotzdem besteht staatlich konzessioniert die Prostitution, trotzdem bestehen Tausende von Lebensverhältnissen. In beiden Fällen verurteilt die Gesellschaft aber nur die Frau, den wirtschaftlich schwächeren und daher abhängigen Teil.“[2]

Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen setzte sie sich für den rechtlichen und sozialen Schutz von ledigen Müttern und deren Kinder ein – im prüden Kaiserreich ein mutiges Unterfangen und auch noch für viele Jahrzehnte ein wichtiges Anliegen.

Weitere Aktivitäten: 1914 übernahm sie den Vorsitz der Bremer Ortsgruppe des „Deutschen Frauenstimmrechtsbundes“, der das allgemeine, gleiche Wahlrecht für beide Geschlechter fordert und damit mehr, als was den Männern in weiten Teilen des Deutschen Reichs – so auch in Bremen – zustand, wo noch das Klassenwahlrecht herrschte, also eben nicht das allgemeine und gleiche. Diese Forderung hielten nicht nur viele Männer, sondern auch viele Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung für zu weitgehend.

Rita Bardenheuer beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der deutschen Frauenbewegung, hielt darüber Vorträge und veröffentlichte dazu 1918 auch ein Buch: „Woher und Wohin. Geschichtliches und Grundsätzliches aus der Frauenbewegung“. Sie kritisiert darin in deutlichen Worten das bestehende Wirtschaftssystem. „Soziale Not liegt begründet in der Wirtschaftsweise, ist nicht schuld des einzelnen, und so zeigt sich wieder der Kapitalismus als der Urheber der täglich wachsenden, dringend notwendigen sozialen Tätigkeit.“[3]

Soziale Arbeit, die zu einem erheblichen Teil von Frauen geleistet wird, muss nach Rita Bardenheuers Meinung unbedingt eine staatliche und damit weltliche, also nicht konfessionelle, und eine bezahlte Arbeit und damit als gesellschaftlich notwendig anerkannte Arbeit sein. – Also nix mit unentgeltlicher weiblicher Hilfsbereitschaft!

Wie fand das alles wohl ihr Ehemann – von Stand und Profession her sicher nicht gerade antikapitalistisch eingestellt? In den ersten Jahren unterstützte er offenbar ihr Engagement für Frauenstimmrecht, Mutterschutz und Sexualreform und für eine Schulreform! Sie nannte ihn sogar „Lehrer und Mitkämpfer“. Das sollte sich später ändern. Woher hatte sie überhaupt diese „linken“ Ideen, dieses Bewusstsein von sozialer Ungerechtigkeit, diese Empörung über die Ausbeutung der Arbeiterinnen der Jutespinnerei im Bremer Westen? Dieses Sich-Kümmern um gesellschaftlich Ausgestoßene wie Prostituierte und geschlechtskranke Frauen? Sie, die in durchaus bürgerlichem Ambiente, seit 1908 in einem neu erbauten Haus in der Schwachhauser Franziusstraße wohnte, die Dienstboten beschäftigte – also eine, die recht komfortabel lebte und keinen direkten Kontakt zum Leben armer Leute hatte? Wie kam sie dazu?

Es gibt Hinweise darauf, dass sie vor dem Ersten Weltkrieg Kontakte zum linken Flügel der Bremer SPD hatte. – Die bremische Sozialdemokratie war vor und während des Ersten Weltkriegs in verschiedene Lager gespalten. – Hier mag sie in Berührung gekommen sein z.B. mit fortschrittlichen Gedanken zur Schulreform, die sie als ausgebildete Lehrerin interessierten – Einheitsschule statt Klassenschule – auch wenn sie selbst eine privilegierte Ausbildung genossen hatte. Hier – und in der hier zirkulierenden Literatur mögen Sätze wie die folgenden ihren gedanklichen Ursprung haben: „Warum werden nicht Löhne gezahlt, die dem Menschen ein menschenwürdiges Dasein verschaffen (bezogen auf die Jutearbeiterinnen)? Warum werden nicht Arbeitsbedingungen geschaffen, die dem Menschen sein kostbarstes Gut, seine Gesundheit, lassen? Weil das Kapital sonst nicht genügend zinstragend angelegt ist, weil Geldinteressen über Menscheninteressen stehen.“[4]

Aber auch die Freundschaft mit anderen Frauen aus bürgerlichem Milieu wie Auguste Kirchhoff, die die Doppelzüngigkeit und Heuchelei der sogenannten gut bürgerlichen Gesellschaft beim Namen nannte, haben Rita Bardenheuer natürlich geprägt.

Als eine, die seit Jahren für das aktive und passive Frauenwahlrecht gekämpft hatte, war es nur konsequent, dass sich Rita Bardenheuer – als es endlich verkündet worden war – dass sie sich 1919 bei der ersten demokratischen Bürgerschaftswahl am 9.März 1919 als Kandidatin aufstellen ließ. Zusammen mit 17 anderen Frauen zog sie in das bremische Parlament ein: 18 Frauen von 200 Abgeordneten, das waren immerhin 9%.

Anfang des Jahres 1919 war sie der MSPD (Mehrheits-Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die in Bremen gar nicht die Mehrheit innerhalb der SPD bildete) beigetreten, wenn ihr auch die Problematik einer Parteigebundenheit wegen der verlangten Parteidisziplin wohl bewusst war. Obgleich das nun nicht die linke SPD war, sondern der gemäßigte Flügel, galt dieser Schritt bei ihren Schwachhauser Nachbarn als ziemlich Aufsehen erregend, auf der anderen Seite begegneten ihr auch die neuen Genossen zunächst mit einiger Distanz, entstammte sie doch so gar nicht dem klassischen Arbeitermilieu.

In öffentlichen Vorträgen appellierte sie an die Frauen, sich parteipolitisch zu engagieren. Sie sollten „das Innerliche, Frauenhafte, Menschliche“ in die Partei hineinbringen. Ihr Gebiet sei „vornehmlich das Soziale, Erziehliche.“[5]

Rita wurde sogleich mit Ämtern bedacht: Sie wurde zur zweiten Vorsitzenden ihrer Partei gewählt, ein Amt, das sie aber nach wenigen Monaten wieder niederlegte. In der Bürgerschaft wurde sie in den Vorstand gewählt und übernahm wichtige Funktionen in der Schuldeputation und in der Kommission für das Volkswohlfahrtsamt. Idealismus und soziale Verantwortung sprechen aus einem ihrer Redebeiträge zur Errichtung eines Wohlfahrtamtes: „Es ist meines Erachtens Menschenpflicht für diejenigen, die auf den Höhen des Lebens stehen, … denen zu helfen, die vielleicht durch dieselben Ursachen, die sie auf die Höhe brachten, in die Tiefe der Not heruntergestürzt wurden.“[6] Hier sei noch ein weiteres mutiges Wort aus ihrem Munde zitiert: Im Zusammenhang mit der Bürgerschafts-Diskussion über einen Bericht zur Errichtung einer Baracke für geschlechtskranke Frauen auf dem Gelände der Krankenanstalt empört sie sich über fehlenden Respekt vor der Menschenwürde dieser Frauen und Mädchen. Zu einer Aussage in dem Bericht, wonach kranke Frauen eine Ansteckungsgefahr für die „männliche Mitwelt“ bedeuteten, sagte sie: „Welche männliche Mitwelt kommt denn in Gefahr? Doch nur diejenige, die diese Mädchen als Freiwild betrachtet, sie benutzt wie eine Sache, um sie dann wegzuwerfen. … Diese Mädchen sind doch nicht schlechter als die Männer, die sie benutzen.“[7]

1921 legte diese mutige Frau überraschend ihr Bürgerschaftsmandat nieder, im gleichen Jahr trat sie aus der SPD aus. Warum? War es die Furcht vor zu starker Einbindung? War es Kritik am politischen Kurs der Partei? Ausschlaggebend mag ein anderer Grund gewesen sein: ihr Ehemann, der zunehmend berufliche Schwierigkeiten bekam. Für den Teilhaber der Firma eines Tabakmaklers war es offenbar nicht akzeptabel, eine aktive Sozialdemokratin zur Frau zu haben. Mehr und mehr kehrten ihm Geschäftspartner den Rücken.

Bei aller geistigen Selbständigkeit – hier geriet Rita Bardenheuers Unabhängigkeit an ihre Grenzen. Ökonomisch war sie eben nicht unabhängig. Aus Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes, der sie eben auch ernährte – musste sie – und wollte es vielleicht auch, musste sie ihre vielversprechende Karriere als Politikerin aufgeben.

Engagiert blieb sie weiterhin. Von 1921 bis 1926 war sie Mitglied der Behörde für das Wohlfahrtswesen. Sie arbeitete weiter in der Mutterschutzbewegung und in der „Internationalen Liga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) mit, die sie zusammen mit Auguste Kirchhoff 1919 in Bremen gegründet hatte.

1933 mit der Machtübertragung an die Nazis endeten ihre Aktivitäten. Wir wissen nicht, wie diese tatkräftige Frau in den 10 Jahren, die ihr bis zu ihrem Tod noch blieben, lebte. Bei dem Bremer Autor Johann Günther König heißt es lapidar: „ Rita Bardenheuer, die mit ihren 56 Jahren noch voller Energie steckte, musste sich auf ihren Haushalt zurückziehen.“[8]

Am 15.Februar 1943 erlag Rita Bardenheuer einem Gehirnschlag.

Renate Meyer-Braun

Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung des bfm, über Bremerinnen, nach denen Straßen in Schwachhausen benannt sind. – Arche am 7.4.2005

[1] Meyer-Renschhausen, Elisabeth:  Weibliche Kultur und soziale Arbeit. Eine Geschichte der Frauenbewegung am Beispiel Bremens 1810-1927, Köln/Wien 1989
[2] König, Johann Günther: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981, S. 222
[3] König: S. 223
[4] König: S. 244
[5] König: S.267
[6] König: S.271
[7] König: S.272
[8] König, S.275