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Frau und Fahrrad

Die Frau und das Fahrrad vor 150 Jahren in Bremen

oder: Wie die Deutschen schöner und glücklicher werden könnten (Ricarda Huch)

Die Freie Hansestadt Bremen war eine Vorreiterin bei der erfolgreichen Förderung des Fahrradfahrens in Deutschland im 19. Jahrhundert[1]. Und heute ist in Bremen jede/r zweite RadlerIn eine Frau – mindestens. Das war aber vor 150/160 Jahren keineswegs der Fall. Das Fahrrad – zunächst als Hochrad entwickelt – war ein männliches Fortbewegungsmittel. Söhne wohlhabender Kaufleute, Fabrikanten und Adliger konnten sich so etwas leisten, denn 1880 kostete ein Hochrad immerhin mindestens 200 Mark, für die arbeitende Bevölkerung war das unerschwinglich. Noch 1912 kostete das billigste Tourenrad 30 Mark, das entsprach zwei Wochenlöhnen eines Arbeiters.[2]

Frauen, die Lust auf Sport und Bewegung hatten, gab es viele, und das Fahrrad war eine attraktive, wenn auch gefährliche Möglichkeit. Doch es standen im Wesentlichen drei Hindernisse zwischen Fahrrad und Frau: Die gesellschaftlichen Normen und die (daraus folgende) Bekleidung, der langsame technische Wandel sowie der Preis für ein Fahrrad.

Plakat Radfahr Sport in Bild und Wort, Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsiches Freilichtmuseum

Erst mit der Erfindung des Niederrrades 1885 (und der Luftbereifung 1888[3]), seiner Serienproduktion und den damit sinkenden Preisen setzte sich das Fahrrad in der ganzen Bevölkerung – und damit auch bei den Frauen – durch[4]. „Die entscheidenden Jahre seiner (des Fahrrads, B.W.) gesellschaftlichen Durchsetzung fallen in die Friedensperiode zwischen 1871 und 1914.“ [5] Und für die Frauen vollzog sich „Zwischen 1893 und 1897 (…) ein tief greifender Wandel in Funktion und Bedeutung des Frauenradfahrens. Die zu Beginn außerordentlich wenigen radfahrenden Vorreiterinnen sahen sich bis dahin vielfältigen Hemmnissen, publizistischen Hindernissen und Unterdrückungsstrategien ausgesetzt.“[6] Doch mit den oben beschriebenen ökonomischen Entwicklungen änderte sich das: „Die Zahl der Radlerinnen stieg binnen Kurzem stark an, und das Radfahren galt in breiteren bürgerlichen Kreisen rasch als ‚chic‘.“[7]

Aline von Kapff: Es begann mit dem Hochrad

Das Hochrad war gefährlich und teuer, aber es gab in Bremen zumindest eine Frau, die sich in die Höhe traute: Aline von Kapff (1842 – 1936)[8], Tochter aus der Weinhändlerfamilie Kapff, die unerschrocken ihr Hochrad erklomm und mit einem verwegenen Sprung über den Lenker wieder abzusteigen pflegte.[9]

Aline von Kapff entsprang einer liberalen und vermögenden Familie und war damit in der Lage, ein relativ unabhängiges und eher unkonventionelles Leben zu führen. Sie blieb unverheiratet und studierte in München und Paris Malerei.[10] Mit ihren sportlichen Aktivitäten hat sie sich wohl keine gesellschaftlichen Nachteile eingehandelt, sie wurde vielmehr zum Vorbild für viele andere Frauen in Bremen, wenn sich „die Gesellschaft“ auch mit Sicherheit stirnrunzelnd ihre Aktivitäten anschaute: „Nur wenige weibliche Wesen hatten sich daran (an das Radfahren) gewagt, darunter Anna Hagens/Pavenstedt und Tante Aline v. Kapff, die anfangs vor jedem entgegenkommenden Fuhrwerk ihren ‚Kaisersprung‘ machte, d. h. vom Sattel nach vorn herunterhüpfte und dann, mit beiden Füßen über dem Rad auf dem Boden stehend, wartete, bis die ‚Gefahr‘ vorüber war.“[11]

Auch sonst war Aline Kapff nicht feige, das zeigte sie 1912 in ihrer geschickten und erfolgreichen Verteidigung des Leiters der Bremer Kunsthalle, Gustav Pauli, der es „gewagt“ hatte, Bilder von Impressionisten zu kaufen, u.a. das Mohnfeld von Vincent van Gogh: Am 29. März 1912 gab es hierzu eine Veranstaltung. Eingeladen hatte sie Maler wie Konrad von Kardorff und Rudolf Tewes, Kunstsachverständige wie Alexander von SalzmannJulius Meier-Graefe und Alfred Lichtwark sowie die Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder und Alfred Heymel und andere Freunde, die die erbosten Bremer Kaufleute über den Wert dieser neuen Kunstrichtung aufklären sollten. „Die Protestversammlung endete in ‚einen Beifallssturm für den Leiter der Bremer Kunsthalle‘, der die Ankäufe getätigt hatte.“[12] Zu ihrem Bremer Freundeskreis zählten auch der Keramiker und Landschaftsmaler Walter Magnussen und dessen Frau, die Bildhauerin Anna Magnussen-Petersen und natürlich Paula Becker-Modersohn und Magdalene Pauli alias Marga Berck („Sommer in Lesmona“).

Ricarda Huch: Glück auf dem Niederrad

Ein Glücksfall für Bremen war auch, dass in Bremen „eine Frau das Radfahren lernte und davon berichtete, die wegen ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten später berühmt wurde: Ricarda Huch (1864-1947).“[13] Sie lebte von 1896 bis 1897 in Bremen und begann im November 1896 mit dem Fahrradfahren. In ihren Briefen an ihren Geliebten und Schwager Richard Huch berichtet sie von ihren Erfahrungen und Gefühlen:

„Seit vorgestern radle ich. Heute war ich wirklich glücklich, dass ich es angefangen habe (…) diese körperliche Kräfteübung erfrischt mich doch.“[14] Und wenige Monate später: „Vorgestern habe ich wieder angefangen, und von dem Augenblick an hat sich meiner ein Anflug von Seligkeit bemächtigt, dessen ich nicht wieder verlustig gehen möchte. Es ist zu schön.“ Sie hat bald darauf ein eigenes Fahrrad erworben und viele Radtouren unternommen.[15]

Hier wäre zu ergänzen, dass just zu dieser Zeit in Bremen auch die ersten Radwege angelegt und ausgewiesen wurden: 1897 entstanden an der Hollerallee, der Parkallee und dem Osterdeich die ersten Radwege mit einer Breite von 2,50m.[16] In den schmalen Straßen der Altstadt wurden zu dieser Zeit Sonderspuren in Form von glatt geschliffenen Mansfelder Schlackensteinen in der Mitte der Fahrbahn für RadlerInnen angeboten, diese sind bspw. in der Linienstraße und der Taubenstraße immer noch zu besichtigen.[17]

Frauengruppe Fahrradgruppe. Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum

Ricarda Huch drückt deutlich aus, was noch heute viele Menschen beim Fahrradfahren empfinden. Als wir den Film „Beauty and the Bike“ in Bremen und Darlington/Großbritannien drehten, arbeiteten wir mit Mädchen aus beiden Städten und reisten mit ihnen in die jeweils andere Stadt. Die Reaktion der englischen Mädchen auf das Fahrradfahren in Bremen war durchaus vergleichbar mit den Glücksgefühlen von Ricarda Huch. Harri Endersby beschreibt es als Befreiung, als Bereicherung, als Muntermacher vor der Schule und als vieles mehr.[18]

Emanzipation durch das Fahrradfahren?

Eine interessante und umstrittene Frage ist, ob das Fahrradfahren der Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert zu ihrer Emanzipation beigetragen hat. Aline von Kapff und Ricarda Huch konnten sich das Radeln nicht nur finanziell sondern vor allem auch von der inneren Freiheit gegenüber den gesellschaftlichen Normen her leisten. Letzteres wurde Frauen nämlich abverlangt, die damals Fahrradfahren wollten.

Amalie Rother[19], wohl die erste Berliner Fahrradfahrende, hat sich gemeinsam mit ihrer Freundin Clara Beyer 1890 öffentlich aufs Rad (zunächst auf einem Dreirad, ab 1893 auch auf einem Zweirad, einem „Damenrad“) getraut (1892 kam Ida Caspari dazu). Sie beschreibt sehr deutlich, was einer radelnden Frau passieren konnte: Nach einigen Probefahrten auf stillen Waldchausseen im Berliner Umland „wagten wir es, in frühester Morgendämmerung die Stadt zu durchfahren und endlich wurde auch eines schönen Nachmittags vom Blücherplatz aus gestartet. Sofort sammelten sich Hunderte von Menschen, eine Herde von Straßenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spießrutenlaufen“  (…) Eigentümlich war dabei, daß am rüdesten und gemeinsten sich nicht die unterste Volksklasse benahm, sondern der Pöbel in Glacéhandschuhen und zur Schande meiner Landsmänninnen muss ich das leider sagen, Frauen, die ihrem Äußeren nach den besseren Ständen angehörten. ‚Pfui, wie gemein!‘ war ungeführ das Mildeste, was man von ‚schönen‘ Lippen zu hören bekam.“[20]

Doch befreite das Fahrradfahren die Frauen, trug es zur Gleichberechtigung, zur Emanzipation bei? Die österreichische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858 – 1938) ist hiervon überzeugt: „Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammengenommen.“[21] Dagegen stehen andere Stimmen: „Die nach wie vor durch einige Publikationen geisternde Auffassung, das Fahrrad hätte auch im politischen Sinne die Frauen emanzipiert, ist unhaltbar.“[22] „Mittel- oder langfristige emanzipatorische Auswirkungen sollten diesem Vorgang (die Einführung des Damenrades und die Aufhebung des Verbots des Radfahrens für Frauen, B.W.) (…) jedoch nur sehr vorsichtig eingeräumt werden (…) So etwas wie Gleichberechtigung blieb jedenfalls (…) auf den eher formal-geschlechtsübergreifenden Zugriff auf das Fahrrad beschränkt. Über den Grad der Bedeutung des Fahrrades für die Emanzipation der Frauen mag man demnach auch weiter streiten, und auch darüber, ob die kaiserzeitlichen Frauen durch die ‚Eroberung‘ des Rades wirklich mobiler, unabhängiger und selbstständiger geworden sind und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt haben.“[23]

Die Lage der Frauen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Hier müssen wir uns jedoch vergegenwärtigen, in welcher Lage die Frauen des 19. Jahrhunderts in Europa (und den Vereinigten Staaten) waren: Keine Frau – auch keine Frau der Oberschicht – durfte wählen oder gewählt werden. Ein Recht auf Bildung hatte keine Frau, eine höhere Ausbildung war ihnen oft nur im künstlerischen Bereich möglich. Ricarda Huch war eine große Ausnahme, sie promovierte schon 1892 an der Universität Zürich „mit einer historischen Arbeit über ‘’Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges‘.“[24] „Alles, was sie taten oder entschieden, musste entweder vom Vater oder vom Ehemann genehmigt werden.[25] [26] [27] Zusätzlich haben Frauen in Deutschland im Jahre 1901 durchschnittlich 4,17 Kinder bekommen, heute sind es 1,54.[28] [29] Meine Ur-Ur-Großmutter Elise Johanna Tips (1830 – 1918) hat in ihrer Ehe mit Otto Wuppermann (1818 – 1907) 8 Kinder in 23 Jahren (1851 – 1874) zur Welt gebracht.[30] Ihre Schwiegermutter Anna von Oven, verh. Wuppermann hat von 1807 bis 1825 immerhin 13 Kinder geboren, aber sie starb mit 43 Jahren, als ihr jüngstes Kind gerade laufen konnte.[31] Und so ging es vielen Frauen, Schwangerschaft und Geburt waren hohe Risikofaktoren im Leben einer Frau. Auch meine Urgroßmutter Ameli Simonsen (1867 – 1898) ist wenige Tage nach der Geburt ihres jüngsten Kindes, meiner Großmutter Anne-Marie Hollensen mit 32 Jahren verstorben, an einer Embolie genau wie auch die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907)[32].

Hebamme mit Fahrrad, Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum

In diesen dramatischen Zusammenhang müssen wir die Frage von Emanzipation und Fahrradfahren der Frauen stellen und vielleicht auch folgendes zur Kenntnis nehmen: „Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sprach sich erst in seiner Hauptversammlung im März 1967 per Beschluss für den Frauenradsport als Bestandteil des BDR aus.“[33] Aber schon mehr als 60 Jahre vorher beim Kampf um das Wahlrecht nutzte „die Suffragetten-Bewegung das Fahrrad und (es. B.W.) fungierte somit erneut als Mittel der Emanzipation.“[34] Und die „US-Amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony schrieb 1896: „Ich denke, das Fahrrad hat mehr dazu beigetragen, Frauen zu emanzipieren, als irgendetwas auf der Welt. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad vorbeifahren sehe. Es gibt ihr ein Gefühl der Selbständigkeit und Unabhängigkeit in dem Moment, in dem sie es tut.“[35]

Fahrradfahren, ein Privileg der Oberschichtfrauen?

Ja, es ist richtig, dass das „Radfahren des weiblichen Geschlechts (..) von Beginn an (…) eine Angelegenheit der oberen bürgerlichen Schichten gewesen“ ist.[36] Aber „da Aline von Kapff der städtischen Oberschicht angehörte, hatte ihr Verhalten eine gewisse Vorbildfunktion. Frauen der Oberschicht hatten den Vorteil einer größeren materiellen und geistigen Unabhängigkeit. Daher nimmt es nicht wunder, dass in diesen Gesellschaftskreisen schon sehr früh Radfahrerinnen von sich Reden machten.“[37]

Zusätzlich wurden mit “der Ausbreitung des Radfahrens auch für Frauen (…) zweifellos gesellschaftliche Tabus gebrochen, kulturelle Muster in Frage gestellt und verbreitete Vorurteile der patriarchalen Grundstruktur offen gelegt“.[38] Und anhand der Bekleidungsfrage und -diskussion (auch ein wichtiger Punkt bei Amalie Rother[39]) ist zu erkennen, wie durchgreifend der Wandel stattfand: Das Korsett und der Rock standen plötzlich zur  Disposition![40] Nur wenige Jahrzehnte später, in den „Goldenen Zwanzigern“ hatte das Korsett als Bekleidung für eine Dame ausgedient, und die Hose hielt ihren Siegeseinzug in die weibliche Mode.[41] Das Fahrrad hat seinen Teil mit Sicherheit dazu beigetragen.

Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass es enorme gesellschaftliche Widerstände gegen das Fahrradfahren von Frauen gab, auch von Frauen selbst. Vordergründig wurden vor allem medizinische Gründe vorgetragen[42]. Für uns heute ist aber deutlich, dass es weniger um die Gesundheit der Frauen als vielmehr um ihre mit dem Rad gewonnene Bewegungsfreiheit ging.

Natürlich hat das Fahrrad, genauer: haben die Frauen, die Fahrrad fuhren, nicht alleine gesellschaftliche Veränderungen bewirkt. Aber Geschichte verläuft nicht linear, sondern Veränderungen haben viele Mütter und Väter, nicht zuletzt befördern dialektische Prozesse Umwälzungen. Die Arbeiterschaft generell hat das Fahrrad ganz offen als Emanzipationsmittel für sich genutzt.[43] Und für die Frauen bot das Fahrrad die große Möglichkeit, sich aktiv zu bewegen und von A nach B zu kommen ohne männliche Hilfe oder Begleitung: Nach dem Pferd das nächste Mittel zur unabhängigen Mobilität für Frauen.

Frauenrechtlerinnen kämpften um das Fahrrad

In Deutschland und den Niederlanden kämpften die Frauenrechtlerinnen um das Recht, Fahrrad zu fahren, um sich zu befreien, der Stadt zu entgehen und den Wunsch nach körperlicher Entwicklung zu stillen.[44] Ganz besonders deutlich machte das die niederländische Ärztin Catherine van Tussenbroek in ihrer Rede auf der „Nationalen Ausstellung zur Frauenarbeit“ in Den Haag 1898: Das Fahrrad funktioniere als ausgezeichneter Beweis für die eigenen körperlichen Fähigkeiten.[45] Damit könne das Selbstbewusstsein gestärkt werden und mit dem Schritt in die Berufstätigkeit das Gefühl von Machtlosigkeit, Nutzlosigkeit und ökonomischer Abhängigkeit überwunden werden.[46] Und die deutsche Frauenrechtlerin Lily Braun verstärkte das 1901: “Schon von frühester Kindheit an wären Mädchen in ihrer Bewegungsfreiheit durch die einschränkende Keidung gebremst“, während die Jungen sich draußen austobten und körperlich bewiesen. „Diese Situation habe sich jedoch in letzter Zeit durch das Fahrrad verändert“[47]. Lily Braun nennt das Fahrrad einen starken Emanzipator, „dessen Wirkung zugunsten der Selbstbefreiung des weiblichen Geschlechts (…) deutlich zu Tage tritt.“[48]

Spätestens in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das Fahrrad ein Massenverkehrsmittel und damit von Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten genutzt – bis die ersten Automobile auftauchten und viele Frauen der Mittel- und Oberschicht wieder „die Seite wechselten“.[49]

Fahrradausflug, bfm-Archiv

Diese Diskussion um „Emanzipation und Fahrrad“ oder allgemeiner: „Emanzipation und Mobilität“ findet ihre Parallele in der Frage nach der Auto-Fahrerlaubnis für Frauen in auch heute noch extrem patriarchal durchregierten Ländern wie etwas Saudi-Arabien. Ich glaube, kaum jemand hier im „Westen“ unterstützt nicht den Kampf der (wenigen offen aktiven) Frauen um den Führerschein und die selbstbestimmte Autonutzung. Denn das Auto gibt den saudischen Frauen die Chance auf selbstbestimmte Mobilität. Und ich habe noch nie gehört, dass dieser Kampf nicht auch der Emanzipation dieser Frauen diente.[50]

Und so ging es auch den Frauen im 19. Jahrhundert mit dem Fahrrad. Wie Frank Preisner uns in die Kamera sagte: „Ein Fahrrad, das war das schnellste Landfahrzeug, was ein einzelner Mensch bewegen konnte.“[51] Und zu den Menschen gehörten und gehören eben auch Frauen. Frauen wie Aline von Kapff, Ricarda Huch und Amalie Rother mit ihren Freundinnen Clara Beyer und Ida Caspari.

  • Und noch einmal Ricarda Huch: „Ich habe das Gefühl, ich verlöre Jahre meines Lebens, wenn ich nicht radle.“[52]
  • Ihren politischen Blick auf das Rad fasst sie augenzwinkernd zusammen: „Ich glaube, wenn alle Deutschen Rad führen, würden sie ihre dumpfe Sinnlichkeit verlieren und schöner und glücklicher werden“ [53]
  • Zum Abschluss eine persönliche Note: Mein Mädchengymnasium in Hamburg hatte den schönen Namen: „Am Hochrad“

Beatrix Wupperman, Juni 2021

Literatur:

  • Braun, Lily: Die Frauenfrage. Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite, 1. Auflage 1901 (Nachdruck), Berlin/Bonn 1979
  • Dröge, Kurt: Von der Bekleidung beim Radfahren der Damen, in: Preisner, Frank (Hrsg.): fahrtwind. Kulturgeschichte des Fahrrads im Nordwesten, Museumsdorf Cloppenburg 2015: S. 112 – 131
  • Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrades in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010
  • Eickelberg, Gudrun: https://www.bremenize.com/maenner-und-frauen-der-kleine-unterschied-beim-radfahren/#more-3078 , Bremen 28. August 2018
  • Froitzheim, Thomas, Lüers, Arne: Radfahren in Bremen, in: Hartmut Roder (Hrsg.): Verkehr in Bremen, Bremen 1988, S. 41 – 54
  • Grassick, Richard: https://www.bremenize.com/das-vieh-scheut/#more-238%3E%3E%3E%3E, Bremen, 29. August 2016
  • Huch, Ricarda: Du mein Dämon, meine Schlange…Briefe an Richard Huch 1887 – 1897
  • König, Johann-Günther: Fahrradfahren, Von der Draisine bis zum E-Bike, Stuttgart 2017
  • Preisner, Frank (Hrsg.): fahrtwind. Kulturgeschichte des Fahrrads im Nordwesten, Museumsdorf Cloppenburg 2015
  • Reiß, Florian Nikolaus: Vom Radfahren in Bremen – Die Bremer Fahrradgeschichtebis zum Ersten Weltkrieg, in: Bremisches Jahrbuch, Band 94, 2015, S. 132 – 162
  • Reiss, Florian: Zum Beispiel Oldenburg. Die Anfänge des Fahrradfahrens in Nordwestdeutschland. In: Preisner, Frank (Hrsg.): fahrtwind. Kulturgeschichte des Fahrrads im Nordwesten, Museumsdorf Cloppenburg 2015, S. 66 – 83
  • Hartmut Roder (Hrsg.): Verkehr in Bremen, Bremen 1988
  • Rother, Amalie: Das Damenfahren, München 1897, in: Preisner, Frank (Hrsg.): fahrtwind. Kulturgeschichte des Fahrrads im Nordwesten, Museumsdorf Cloppenburg 2015, S. 132 – 143
  • Schwarzwälder, Herbert: Geschichteder Freien Hansestadt Bremen II, Von der Franzosenzeit bis zum Ersten Weltkrieg (1810 – 1918), Bremen, erw. Auflage 1995
  • Tussenbroek, Catharine van: Over het tekort aan levensenergie bij onze jonge vrouwen en meisjes. Rede uitgesproken op de nationale Tentoonstelling, Amsterdam 1898
  • Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994
  • Wupperman, Beatrix/Grassick, Richard: Beauty and the bike, verlegt von der Darlington Media Group 2009 (bilingual auf Englisch und Deutsch)
  • Wupperman, Beatrix: https://www.bremenize.com/fahrradfahren-in-bremen-die-erste-jahre/ Bremen, 29. August 2016.

Anmerkungen:

[1] Reiss, Florian: Zum Beispiel Oldenburg. Die Anfänge des Fahrradfahrens in Nordwestdeutschland. In: Preisner, Frank (Hrsg.): fahrtwind. Kulturgeschichte des Fahrrads im Nordwesten, Museumsdorf Cloppenburg 2015, S. 67 und Wupperman, Beatrix: https://www.bremenize.com/fahrradfahren-in-bremen-die-erste-jahre/ Bremen, 29. August 2016
[2] Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen II, Von der Franzosenzeit bis zum Ersten Weltkrieg (1810 – 1918), Bremen, erw. Auflage 1995, S. 484f
[3] König, Johann-Günther: Fahrradfahren, Von der Draisine bis zum E-Bike, Stuttgart 2017, S. 140
[4] Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994, S. 155, vgl. auch König: Fahrradfahren, S. 139f
[5] Vgl. Reiss, Oldenburg, S. 67
[6] Vgl. Dröge, Kurt: Von der Bekleidung beim Radfahren der Damen. In: Preisner: fahrtwind, S. 122
[7] Vgl. Dröge: Bekleidung beim Radfahren, S. 122
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Aline_von_Kapff http://www.bremerfrauengeschichte.de/2_Biografien/kapff.html  und https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/bremer-frauen-geschichten-malerin-kunstmaezenin-aline-kapff-9675509.html
[9] Grassick, Richard: Interview mit Frank Preisner und Florian Reiss: https://www.bremenize.com/das-vieh-scheut/ Minute: 5:13 – 5:44, König: Fahrradfahren, S. 132f
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Aline_von_Kapff
[11] Vgl, Reiß, Florian Nikolaus: Vom Radfahren in Bremen – Die Bremer Fahrradgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg, in: Bremisches Jahrbuch, Band 94, 2015, S. 132 – 162, hier: S. 148
[12] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Aline_von_Kapff
[13] Vgl. Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 149, zu Ricarda Huch generell https://de.wikipedia.org/wiki/Ricarda_Huch
[14] Vgl. Huch, Ricarda: Du mein Dämon, meine Schlange…Briefe an Richard Huch 1887 – 1897, S. 550, zitiert nach Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 149[15]  Vgl. Huch: Schlange, S. 612, zitiert nach Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 150
[16] Froitzheim, Thomas, Lüers, Arne: Radfahren in Bremen, in: Roder, Hartmut (Hrsg.): Verkehr in Bremen, buten un binnen, Fähren, Fahrräder, Flugzeuge, Bahnen, Busse & Taxen, 3. Auflage, Bremen 1990, S. 43[17] Wupperman, Beatrix: https://www.bremenize.com/fahrradfahren-in-bremen-die-erste-jahre/ , Bremen 29. August 2016
[18] Eine Kurzfassung des Interviews mit Harri findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=M88sF-rvul0  Minute 06:28 bis 06:42 „It’s just been so liberating.“ Dazu auch: Wupperman, Beatrix/Grassick, Richard: Beauty and the bike, verlegt von der Darlington Media Group 2009
[19] https://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/927
[20] Vgl. Rother, Amalie: Das Damenfahren, München 1897, in: Preisner: fahrtwind, S. 133[21] Vgl. Eickelberg, Gudrun: https://www.bremenize.com/maenner-und-frauen-der-kleine-unterschied-beim-radfahren/#more-3078
[22] Vgl. König: Fahrradfahren, S. 150[23] Vgl. Dröge: Bekleidung beim Radfahren, S. 130
[24] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ricarda_Huch
[25] https://paris1899.de/2012/08/21/die-viktorianische-frau-idealbild-gesellschaftliche-bedeutung/
[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenwahlrecht_in_Europa
[27] https://www.greelane.com/geisteswissenschaften/geschichte–kultur/free-love-and-womens-history-3530392/[28] http://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Bevoelkerung/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVII1b.pdf
[29] https://www.wirtschaftundschule.de/unterrichtsmaterialien/unternehmen-und-markt/hintergrundtext/geburtenrate-vor-1914-als-jede-frau-noch-vier-kinder-bekam/
[30] Elise Wuppermann geb. Tips: Texanische Tagebücher 1850 – 1865 und Dietz, Walter: Chronik der Familie Wuppermann, Band II, Leverkusen-Schlebusch 1965, S. 83ff
[31] Dietz: Wuppermann, Band II, S. 36ff
[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Modersohn-Becker[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Frauenradrennsports[34] Vgl. https://www.diamantrad.com/blog/fahrrad-mittel-emanzipation/[35]  Vgl. https://www.diamantrad.com/blog/fahrrad-mittel-emanzipation/[36] Vgl. Dröge: Bekleidung beim Radfahren, S. 130
[37] Vgl. Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 148
[38] Vgl. Dröge: Bekleidung beim Radfahren, S. 119
[39] Rother: Damenfahren, in Preisner: fahrtwind: S. 136ff
[40] Dröge: Bekleidung beim Radfahren, S. 122ff
[41] http://www.hilfreich.de/mode-zu-beginn-des-zwanzigsten-jahrhunderts-1900-1920_5373
[42] Grassick, Richard: https://www.bremenize.com/das-vieh-scheut/#more-238%3E%3E%3E%3E Interviews mit Frank Preisner und Florian Nikolaus Reiß: 4:49 – 5:12 und 5:47 – 7:08
[43] Grassick, Richard: https://www.bremenize.com/das-vieh-scheut/#more-238%3E%3E%3E%3E Interviews mit Frank Preisner und Florian Nikolaus Reiß: 3:32 – 4:03
[44] Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrades in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010, S. 131ff
[45] Tussenbroek, Catharine van: Over het tekort aan levensenergie bij onze jonge vrouwen en meisjes. Rede uitgesproken op de nationale Tentoonstelling, Amsterdam 1898, zitiert aus: Ebert: Radelnde Nationen, S. 132
[46] Tussenbroek: levensenergie, S. 6 zitiert nach: Ebert: Radelnde Nationen, S. 219
[47] Vgl. Ebert, Radelnde Nationen, S. 132
[48] Vgl. Braun, Lily: Die Frauenfrage. Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite, 1. Auflage 1901 (Nachdruck), Berlin/Bonn 1979, S. 189, zitiert nach: Ebert: Radelnde Nationen, S.  132
[49] So z.B. meine schon oben erwähnte Großmutter Anne-Marie Hollensen, die zeitlebens eine begeisterte Autofahrerin war. Niemand außer ihr durfte ihr Auto fahren!Meine Mutter Ursula hingegen ist bis ins hohe Alter aufs Fahrrad gestiegen – und natürlich auch Auto gefahren.
[50] https://www.welt.de/politik/ausland/article169166760/Warum-Saudi-Arabien-sich-ploetzlich-so-eilig-modernisiert.html
https://www.t-online.de/leben/reisen/fernreisen/id_82328708/saudi-arabien-was-frauen-in-der-monarchie-duerfen-und-was-nicht.html
https://www.welt.de/politik/ausland/article169166760/Warum-Saudi-Arabien-sich-ploetzlich-so-eilig-modernisiert.html
https://praxistipps.focus.de/frauenrechte-saudi-arabien-was-frauen-duerfen-und-was-nicht_117970
und https://www.spiegel.de/panorama/saudi-arabien-lockert-frauenrechte-das-steckt-dahinter-a-00000000-0003-0001-0000-000001354102
[51] https://www.bremenize.com/das-vieh-scheut/#more-238 Minute 2:10 bis 2:14
[52] Vgl. Huch: Schlange, S. 612, zitiert nach Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 150
[53]  Vgl. Huch: Schlange, S. 612, zitiert nach Reiß: Bremer Fahrradgeschichte, S. 149f