8.1.1913 in Bremen – 22.12.1993 in Bremen
Unterstützte jüdische Zwangsarbeiterinnen
1968 geehrt als „Gerechte unter den Völkern“
Henriette B., gen. Henny, war die Tochter des Tischlers Johannes Gerhardt und seiner Ehefrau Henny, sie war das mittlere von fünf Kindern.
Sie war eine begabte Schülerin an der Schule an der Hohwisch.
Über ihren Berufsweg ist nur bekannt, dass sie eine kaufmännische Lehre machte und in den 1960er Jahren bei den Lloyd Dynamo-Werken in der Kalkulation beschäftigt war.
Sie heiratete 1936 den Klempner Erich Tölke, das Ehepaar hatte zwei Kinder: Erika (1939) und Erich (1944). Ihr Mann arbeitete in einem alteingesessenen Familienbetrieb . Wegen der Bedeutung des Betriebes war er von der Wehrpflicht ausgenommen, meldete sich dennoch freiwillig zur Kriegsmarine und wurde als Maschinist in einem U-Boot eingesetzt.
Ende 1944 lebte Henny mit den beiden kleinen Kindern und ihrer Mutter in der Deichbruchstraße 33, einer Nebenstraße der Hastedter Heerstraße. Von ihrem Fenster aus hatte sie einen Blick auf die ausgebombte örtliche Geschäftsstelle der NSDAP. Sie beobachtete, unter welchen Bedingungen zwei junge Frauen, nur unzureichend bekleidet und abgemagert, dort Zwangsarbeiten leisten mussten. Die Arbeit war nicht nur anstrengend – sie mussten Balken und Backsteine schleppen – sondern auch gefährlich, denn es drohte ständig Einsturzgefahr. Auch war es ihnen während der immer heftigeren Luftangriffe verwehrt, in einem Bunker Schutz zu suchen.
Bei den Frauen handelte es sich um die jüdischen Schwestern Ella (geb. 1920) und Eva (geb. 1927) Herczberg (auch: Herschberg oder Hershberg). Sie gehörten zu einem Kommando von 25 Frauen, das in dem Arbeitslager Obernheide bei Stuhr, einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, untergebracht war.
Ella und Eva H. hatten das Glück, zu einer kleinen Gruppe Frauen zu gehören, die in Auschwitz der Gaskammer entkamen, weil sie zur Zwangsarbeit abgestellt und im „Altreich“ eingesetzt wurden. Henny Tölke überlegte, wie sie den Mädchen wenigstens etwas Erleichterung schaffen könnte. Sie wusste, dass sie damit ein großes Risiko einging und eine Entdeckung Verhaftung und hohe Strafen bedeutet hätte. Weil sie ohnehin für ihren kleinen Sohn regelmäßig Haferflockenbrei kochte, nahm sie eine Babyflasche, füllte sie mit warmem Brei und steckte sie in einen Strumpf. Damit schickte sie ihre fünfjährige Tochter Erika morgens früh, wenn die Straßen noch leer waren, mit ihrem Roller zu der Baustelle. Auf ein Zeichen von Henny, die am Fenster stand, stellte die Kleine die Flasche unauffällig ab. Manchmal war auch Obst oder Kuchen dabei.
Als Henny T. erfuhr, dass Eva ihren 18. Geburtstag feierte, bestickte sie ein Taschentuch mit deren Namen und schenkte es ihr. Das war für Eva von symbolischer Bedeutung, hatte sie jetzt doch einen Namen und war nicht mehr nur eine Nummer. Beim Wiedersehen mehr als zwanzig Jahre später holte Eva das Tuch hervor. Sie hatte es über all die Jahre als ihren Talisman aufbewahrt.
Ihre Aktion blieb nicht unbemerkt, einzelne Nachbarn drohten sie zu verraten. Davon ließ sie sich jedoch nicht beirren, und sie hatte Glück: niemand denunzierte sie. Als sie später gefragt wird, ob sie damals keine Angst hatte, sagt sie: „Nein, ich dachte immer, es wird schon gut gehen.“ 1
Inzwischen erreichte Henny die Nachricht, dass ihr Mann Erich beim Untergang seines U-Boots ums Leben gekommen war. Kurze Zeit später mussten sie und ihre Familie nach Bombentreffern die Wohnung Deichbruchstraße verlassen.
Ella und Eva mussten am 28. Februar 1945 ihren Einsatzort verlassen, das Kriegsende erlebten sie im KZ Bergen Belsen. In Israel fanden sie eine neue Heimat. Beide waren mittlerweile verheiratet, sie hießen jetzt Ella Kozlowski und Eva Lipszyk.
Durch einen Zufall gelang es Ella K. 1967, ihre Gönnerin wiederzufinden. Es begann ein bewegender Briefwechsel, in dem die Schwestern ihre große Dankbarkeit zum Ausdruck brachten. Henny – sie hatte in zweiter Ehe Walter Brunken (1906-1987) geheiratet – sollte bei ihnen, die alle Verwandten verloren hatten, so etwas wie eine Mutterrolle einnehmen.
Im August/September 1968 flog Henny ein erstes Mal nach Israel. Eine Flugreise war damals für eine Alleinreisende nicht selbstverständlich. Die Schwestern reisten mit Henny B. vier Wochen durch das Land, sie zeigten ihr Jerusalem, Nazareth und das Rote Meer, sie lernte das Leben in arabischen Siedlungen und in Kibbuzim kennen. Überall wurde sie mit offenen Armen empfangen und oft „wie eine Königin“ hofiert. Auf Henny muss dies alles sehr neu und ungewöhnlich gewirkt haben, aber aus ihren Reisetagebüchern geht hervor, mit welcher Aufgeschlossenheit sie auch ihr fremde Eindrücke aufgenommen hat. Ihre Reiseerlebnisse hat sie in einem großen Fotoalbum festgehalten, das sich in ihrem Nachlass erhalten hat.
Einen Höhepunkt der Reise stellte im September 1968 Hennys Ehrung als „Gerechte unter den Völkern“ dar. Als solche werden in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Nichtjuden geehrt, die sich im „Dritten Reich“ unter großer eigener Gefährdung für Juden eingesetzt hatten. Henny war damals erst die neunte Deutsche und die erste aus Bremen (es sind bis heute vier), der diese Ehrung zuteil wurde. Inzwischen ist die Zahl der deutschen „Gerechten“ auf weit über 500 gestiegen.
Zwischen den beiden Familien entwickelte sich eine jahrzehntelange Freundschaft . Mehrfach besuchte Henny B. allein, mit ihrem Mann oder einer Freundin Israel; Ella und Eva, deren Kinder sowie andere israelische Freunde, die Henny bei ihren Besuchen kennengelernt hatte, waren mehrfach in Bremen. An Veranstaltungen in der Gedenkstätte des Lagers Obernheide, bei denen sich ehemalige Gefangene trafen, nahmen Ella und Henny gemeinsam teil.
Henny B. erkrankte 1993 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihren 80. Geburtstag konnte sie noch feiern, wenige Monate später starb sie.
Nach ihrem Tod wurde durch regelmäßige Telefonate der Kontakt zwischen den beiden Familien noch viele Jahre aufrechterhalten, was vor allem Karin Tölke, der Frau von Hennys Sohn Erich, zu verdanken war. Karin Tölke verwahrt Hennys Nachlass.
Ella starb 2019, ihre Schwester Eva Lipszyk leidet nach Auskunft ihrer Nichte Ida an Demenz.
Anlässlich der Ehrung in Jerusalem 1968 wurde auch außerhalb Bremens über Henny berichtet. Eine kurze Meldung gab es 1970, als sie aus der Hand von Bürgermeister Koschnik das Bundesverdienstkreuz erhielt, eine Ehrung, die allen „Gerechten“ zuteil wird.
Anlässlich der Einweihung des Mahnmals Obernheide wurde Henny B. 1988 vom Weser-Kurier befragt. Ihr war dieser Trubel nicht recht, sie sagte zu den Reportern „Machen Sie es bescheiden, nicht zu groß!“ und: „Ich habe doch nur getan, was eigentlich jeder hätte tun sollen, und für das bisschen Menschlichkeit habe ich so viel Liebe zurückbekommen.“2
Danach ist Henny B. weitgehend in Vergessenheit geraten. Auch ihr Tod 1993 war der Bremer Presse keine Erwähnung wert.
Seit 2013 gab es einen Beschluss des Beirats Hemelingen zur Benennung einer Straße nach Henny. Erst nachdem die Bürgerschaftsabgeordnete Kai Wargalla eine entsprechende Senatsanfrage gestellt hatte,3 wurde schließlich im Mai 2021 der Henriette-Brunken-Weg vom Osterdeich zum Weserwehr eingeweiht.4 Da es sich nur um einen Weg und keine offizielle Straße handelt, ist er weder im offiziellen Straßenverzeichnis noch in gängigen Navigationshilfen zu finden.
Der Verein Bremer Frauenmuseum e.V. hat mehrfach in Vorträgen an Henny Brunken erinnert.
Marion Reich
Anmerkungen
- Interview Weser-Kurier 3.8.1988.
- ebenda
- Twitternachricht von Kai Wargalla Mai 2021.
- Stadtteilkurier Mitte 31.5.2021.
Literatur und Quellen:
Archiv Yad Vashem Jerusalem: Liste der Gerechten (Righteous).
Ellger, Hans: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien 2007.
Interview Radio Bremen mit Henny Brunken vom September 1982.
Interviews Ella Kozlowski mit Ulrike Jureit 1993 und Hanns Ellger 2020, beides im Archiv der Gedenkstätte Neuengamme.
Müller, Hartmut: Die Frauen von Obernheide 1988.
Müller, Hartmut: Wie soll ich je vergessen 2020.
Nachlass von Henny Brunken (Briefe, Fotos, Urkunden), verwaltet von Karin Tölke.