Artikel

Friedländer, Martha

8.9.1896 in Guben – 1978 in Bremen

Marthas Eltern waren gehörlos. 1917 schloss sie ihre Lehrerinnenausbildung in Görlitz ab. Nach einem Studium der Sprachheilkunde und des Lippenlesens an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin und an der Berliner Charité erwarb sie die Befähigung zum Unterricht an Sprachheil- und Schwerhörigen Schulen sowie zur Behandlung von Sprach- und Stimmstörungen. Sie leitete in Görlitz die städtischen Sprachheilkurse und richtete 1927 die erste Sprachheilsammelklasse für Schulanfänger ein. Hinzu kamen 1930 Kurse für sprachkranke Kinder im Vorschulalter. Als 1932 die Sprachheilklassen geschlossen wurden, gab sie Privatunterricht für sprachgestörte und schwerhörige Kinder. Bekannt wurde Martha Friedländer durch Rundfunkvorträge über das sprachkranke Kind im Rahmen der Elternstunde des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht. Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sprachheilpädagogik nahm sie an den Aktivitäten der Internationalen Gesellschaft für Logopädie und Phoniatrie teil.

Im Oktober 1933 wurde sie „wegen nicht-arischer Abstammung“ aus dem staatlichen Schuldienst entlassen. Grundlage war das NS-Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933

Martha Friedländer war 1931 in den Sozialistischen Lehrerkampfbund und in die Unabhängige Sozialistische Gewerkschaftsorganisation (USG) eingetreten. Sie war Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der 1926 von Leonard Nelson gegründet wurde. Der ISK rief ab 1930 – vergeblich- Gewerkschaften und Arbeiterparteien zu einheitlichen, überparteilichen sozialistischen Aktionen auf, um eine Abwehrfront gegen den Faschismus aufzubauen. Nach der Machtübertragung auf Hitler löste sich der ISK 1933 offiziell auf, setzte seine politische Aufklärungsarbeit jedoch im Untergrund fort.

Martha Friedländer unterrichtete 1934/35 im Jüdischen Landschulheim Caputh bei Potsdam. Als sie 1936 von Genossen gewarnt wurde, dass die Gestapo sie suche, beschloss sie zu emigrieren. Sie ging nach Dänemark und unterrichtete bis 1937 auf dem Gutshof Östrupgaard bei Odense auf Fünen die Kinder der Walkemühle. Minna Specht, eine Mitbegründerin des ISK, war bereits 1933 mit zunächst acht Kindern aus dem Landerziehungsheim Walkemühle bei Melsungen nach Dänemark emigriert und hatte auf Östrupgaard eine neue Schule gegründet. 1938 verließen Schüler und Lehrer Dänemark, weil sie fürchteten, dass deutsche Truppen Dänemark besetzen würden. Die Schule wurde nach England verlegt und nach 2 Jahren geschlossen, weil die deutschen Lehrer als „feindliche Ausländer“ in ein Internierungslager gebracht wurden.

Martha Friedländer unterrichtete ein Jahr an der Boarding School „Carmelcourt“ in Birchington, Kent. Ihr Antrag auf Zulassung zur englischen Ausbildung als teacher of lip-reading wurde vom Institute for the Deaf abgelehnt, weil sie Ausländerin war. Sie half ehrenamtlich in der Sprachklinik des Londoner Kinderkrankenhauses, Great Ormond Street und in den Lippenleseklassen des National Institute for the Deaf, Gowerstreet. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie für Kost und Logis und 1 Pfund pro Woche im Haushalt. 1942-1944 wirkte sie als Erzieherin in Wartime Nurseries (Kriegskindergärten) des County Council Hertfordshire und 1944-45 als Lehrerin an einer Infant School in London, Leyton E10.

In London hatten 1943 Fritz Borinski, Minna Specht und Werner Milch zusammen mit englischen Freunden das „German Educational Reconstruction Committee“ (GER) gegründet, um zu diskutieren, wie im Nachkriegsdeutschland die Neugestaltung der Erziehung aussehen müsse und bereits konkrete Vorschläge auszuarbeiten. Martha Friedländer war verantwortlich für die „Lesebogen“, eine Auswahl klassischer und moderner Literatur für den Unterricht. Nach dem Sieg der Alliierten löste sich der ISK im Dezember 1945 auf. Ein Teil der ISK-Mitglieder, zu denen auch Martha F. gehörte, trat in die SPD ein. Vorausgegangen waren entsprechende Verhandlungen zwischen dem Leiter des ISK, Willi Eichler, und Kurt Schumacher für die SPD.

Im August 1946 kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie unterrichtete ab September 1946 in Bremen an der Schwerhörigen- und Sprachheilschule, im November 1947 wurde ihr die Leitung der Schule übertragen. Sie reformierte den Unterricht, bildete Erzieher und Lehrer aus, besuchte Kongresse in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, in England, Dänemark und Schweden, um die abgerissenen Kontakte zu den ausländischen Sprachheilschulen neu zu knüpfen. Zusammen mit Minna Specht gab Martha Friedländer die pädagogischen Hefte „Kindernöte“ heraus, um Eltern eine Hilfe an die Hand zu geben.

Martha Friedländer wurde Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und arbeitete in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit. Sie trat der Weltorganisation für die seelische Gesundheit bei. Ihre Vorbilder waren Elisabeth Rotten (1882-1964) – eine Reformpädagogin und Friedensaktivistin, die die Deutsche Liga für Menschenrechte und zusammen mit Jean Piaget die Schweizer Montessori-Gesellschaft mitgegründet hatte – sowie Mimi Scheiblauer (1891-1968), die in der Schweiz behinderten und vernachlässigten Kindern mit einer von ihr entwickelten rhythmisch-musikalischen Therapie helfen konnte – und Janusz Korczak (1878-1942), Arzt und Leiter des jüdischen Waisenhauses in Warschau, der 1942, als im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ auch die 200 Kinder seines Waisenhauses in das Vernichtungslager Treblinka abtransportiert wurden, diese begleitete.

Martha Friedländer besuchte Israel, trat für eine Versöhnung zwischen Arabern und Israelis ein und bemühte sich besonders um Hilfe für die Kinder. In Bremen schloss sie sich den Quäkern an und beteiligte sich an der Quäkerhilfe für Algerien. Im April 1959 ging sie 63jährig in den Ruhestand. Eine tiefe Freundschaft verband sie mit Anna Krüger. Diese pflegte Martha F. während ihrer schweren Erkrankung. Martha F. starb im Alter von 82 Jahren.

Martha Friedländer war eine sehr engagierte Pädagogin. Ihrer Initiative ist es mit zu verdanken, dass die Schüler der Schwerhörigen- und Sprachheilschule umziehen konnten in die Marcusallee, wo sie in einer schönen Umgebung lernen können. Der Vorschlag, eine kleine neue Straße in Schwachhausen nach ihr zu benennen, fand 2012 im Beirat Schwachhausen keine Mehrheit – trotz eines Senatsbeschlusses, dass ab sofort Frauennamen prioritär zu berücksichtigen seien.

Publikationen:
Martha Friedländer: Warum stottert mein Kind? Verlag Öffentliches Leben, 1950.
Martha Friedländer: Hilf dem Stotterer! Arbeitsgemeinschaft für Schulgesundheitspflege Bremen und Arbeitsgemeinschaft für Sprachheilpädagogik in Deutschland e.V. 1955
Martha Friedländer, Minna Specht (Hrsg.): Kindernöte, pädagogische Hefte, 1. Folge, Frankfurt 1950/51. 2. Folge Frankfurt 1955.
Ratschläge für die Eltern eines stotternden Kindes, 1966.

Literatur und Quellen:
Amt für Straßen und Verkehr: Kriterienkatalog für die Benennung von Straßen 2010
Beirat Schwachhausen: Beschluss vom 22.11.2012, Protokoll Nr. 15,  Protokoll Nr. 13
Erziehung zum Überleben, Pädagogik im Exil nach 1933. Ausstellungskatalog Bremen 1989
Feidel-Mertz, Hildegard (Hrsg.): Schulen im Exil, Reinbek 1983
Klär, Karl-Heinz: Zwei Nelsonbünde: Internationaler Jugendbund (IJB) und Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK) im Licht neuer Quellen, in: IWK 18 (1982),H.3, S.310-360
StAB: Martha Friedländer 4,54-E1246 und 4,111-1580
WK 5.5.1954, 5.11.1962, 8.9.1966, 20.2.2012

Hannelore Heinze