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Finckh, Elisabeth, geb. Wirth

7.12.1929 in Würzburg – 5.8.2015 in Bremen.

Elisabeth wuchs als drittes und jüngstes Kind einer bildungsbürgerlichen Familie in Würzburg auf. Sie er- und überlebte den Bombenangriff vom 16.3.1945.

Zwischen 1945 und 1970 ist sie oft umgezogen: von Würzburg nach Pommersfelden in der Gegend von Erlangen, wo sie 1948 ihr Abitur ablegte, zum Studium nach Freiburg im Breisgau und Heidelberg, wo sie nach ihrem Sprachstudium zweieinhalb Jahre lang als Chefsekretärin und Dolmetscherin für einen Medizinprofessor arbeitete.

Ein halbes Jahr nach ihrer Eheschließung folgte sie ihrem Mann Ulrich Finckh erst nach Wiesbaden-Biebrich und dann kurz nach der Geburt des ersten Kindes nach Mettenheim im Kreis Worms. Mit inzwischen drei Kindern zog die Familie nach Hamburg und schließlich mit fünf Kindern nach Bremen. Bremen wurde dann die gemeinsame Wahlheimat des Ehepaares, in der sie mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachten und vieles gemeinsam bewirkten: Nicht nur in Horn-Lehe, wo sie – zunächst im Pfarrhaus der Gemeinde Horn II, dann in einem Reihenhaus im Achterdiek – wohnten, sondern auch in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung.

Aus ihren frühen Erfahrungen in Würzburg hatte sie gelernt, dass Krieg vor allem auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Daher hat sie das friedenspolitische Engagement ihres Mannes (und später ihrer Kinder) aktiv und aus tiefer eigener Überzeugung unterstützt. 1970 ist sie, beeindruckt durch die Ostpolitik Willy Brandts, in die Bremer SPD eingetreten, der sie bis zu ihrem Tod angehörte. Als Kriegsdienstverweigerer noch Gewissensprüfungen über sich ergehen lassen mussten, war sie Beisitzerin in der Prüfungskammer und hat sich für jeden einzelnen, der um seine Anerkennung kämpfte, engagiert.

Weil sie fest daran glaubte, dass demokratische Gesellschaften vom zivilen bürgerlichen Engagement des Einzelnen leben, war sie langjährig als Elternvertreterin an den Schulen ihrer fünf Kinder tätig. Dabei hatte sie ein offenes Ohr für die Anliegen aller Kinder und Jugendlichen, war aber auch bereit, die Argumente von Schulleitungen und Lehrerschaft zu hören und zu berücksichtigen.

Zwar übernahm nur ihr Ehemann Ämter in diesem Bereich, aber Elisabeth F. diskutierte auf Tagungen und Konferenzen intensiv mit, nahm an Demonstrationen und Aktionen teil und wurde als eigenständige Stimme mit Gewicht wahrgenommen.

Sie war eine vielseitig begabte und engagierte Frau. „Sie war Diplomdolmetscherin, Pfarrfrau, Bürgerrechtlerin und engagierte Mitarbeiterin in der Evangelischen Kirchengemeinde Horn, der Bremer SPD und dem Ortsamtsbeirat Horn-Lehe“, so hat ihre Familie es formuliert. Ihr Wort hatte Gewicht, gerade weil sie Aufgaben nie um der Ämter willen anstrebte, sondern sie nur dann übernahm und sich mit all ihrer Kraft darin engagierte, wenn andere und sie selber davon überzeugt waren, dass sie die geeignetste Kandidatin war.

In einer Zeit, in der viele Frauen Konflikten möglichst aus dem Weg gingen und sich dadurch oft zum eigenen Nachteil gesellschaftlichen Zwängen anpassten, hat sie selbstbewusst ihre eigene Meinung vertreten. Damit war sie für viele Frauen ein Vorbild und hat vielen Männern vor Augen geführt, dass Frauen genauso gut – und oft auch besser – argumentieren. Sie hat akzeptiert, was sie nicht kurzfristig ändern konnte: dass es z.B. um 1960 für eine Pfarrfrau mit mehreren kleinen Kindern nicht möglich war, erwerbstätig zu sein. Aber sie hat gleichzeitig dafür gekämpft, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen ändern. Sie hat sich sowohl darüber gefreut, dass ihre Töchter Familie und Beruf miteinander vereinbaren konnten, als auch darüber, dass ihre Söhne sich mehr in der Erziehung ihrer Kinder engagierten als ihr Mann es neben seiner vollen Pfarrstelle und seinen vielen Ehrenämtern tun konnte.

Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen hieß für sie auch, nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch in den Institutionen, in denen sie sich ehrenamtlich engagierte, für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten einzutreten und nach Konfliktlösungen zu suchen, die allen Beteiligten gerecht wurden. Das setzte das Gespräch mit allen Konfliktparteien voraus, was sie im Interesse der Sache oft übernahm. Wenn sie als Mitglied im Ortsamtsbeirat Horn-Lehe von Konflikten in einem oder um ein Jugendzentrum erfuhr, sprach sie mit allen Beteiligten und half ihnen, eine tragfähige Lösung zu finden. Als die Bremer Evangelische Kirche die theologisch und kirchenpolitisch tief zerstrittenen Gemeinden Horn I und Horn II aufforderte, sich (wieder) zu einer gemeinsamen Gemeinde zusammenzuschließen, moderierte sie den schwierigen Einigungsprozess und war anschließend diejenige, die geduldig die im konkreten Miteinander gelegentlich wieder aufflackernden alten Streitpunkte mit allen Beteiligten diskutierte. Mit derselben Grundeinstellung war sie jahrelang als ehrenamtliche Richterin am Verwaltungsgericht Bremen tätig.

Zu ihrem großen Freundeskreis gehörten auch Familien türkischer Herkunft. Sie half ihnen dort, wo sie Hilfe brauchten und nahm umgekehrt ihre Hilfe an, wo sie sie gut brauchen konnte – sensibel dafür, dass Gegenseitigkeit wichtig für Freundschaften ist.

Die Kinder und Enkel von Elisabeth Finckh engagieren sich wie sie nach dem Grundsatz, Ämter nicht um der Ämter willen anzustreben. Dass ihre älteste Tochter nicht trotz, sondern wegen dieses Grundsatzes 2013 in den Bundestag gewählt wurde, hat sie von Herzen gefreut.

„Selig sind die Friedensstifter“ stand als Motto ihres Lebens auf der Todesanzeige von Elisabeth Finckh. Sie war eine der vielen Friedensstifterinnen, die nicht in der großen Politik, sondern in ihrem persönlichen Umfeld wirkten.

Ute Finckh-Krämer