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Mevissen, Annemarie Gesine, geb. Schmidt

24.10.1914 in Bremen – 3.7.2006 in Bremen

Annemarie wurde als das jüngere von zwei Kindern des Ehepaars Wilhelm und Gesine Schmidt kurz nach Ausbruch des 1.Weltkrieges geboren. Der Vater stammte aus ärmlichen ländlichen Verhältnissen in Mecklenburg, hatte ursprünglich Bäcker gelernt und blieb nach seinen Wanderjahren in Bremen hängen, wo er sich nach bescheidenen Anfängen zum Kommunalbeamten hocharbeitete. Die Mutter aus bäuerlichem Elternhaus in Bederkesa hatte Schneiderin gelernt und später als Dienstmädchen in Bremen gearbeitet.

Durch ihren Vater, der 1903 aus Empörung über soziale Ungerechtigkeiten in die SPD eingetreten war, schon früh mit gesellschaftlichen Problemen konfrontiert, wurde Annemarie wie ihr zwei Jahre älterer Bruder Hans im Alter von vierzehn Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Sie wurde dort sehr bald zur Gruppenleiterin einer Gruppe gewählt. Der Aufstieg des Nationalsozialismus versetzte sie nicht nur in Angst, sondern auch in Wut. Ein für ihr späteres Leben prägendes Erlebnis war der Vorbeimarsch einer martialisch ausgerüsteten SA-Horde, vor der sie sich mit anderen Gesinnungsgenossinnen, die wie sie gerade Plakate gegen die Nazis geklebt hatten, in Sicherheit bringen musste.

Ungewöhnlich für ein Mädchen aus ihrem Milieu besuchte sie die Oberschule und machte 1934 Abitur. Ihr Vater, inzwischen Fürsorger in Bremen und Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft, wollte, dass seine Kinder eine bessere Schulbildung als er selbst genießen sollten, der nur die Volksschule hatte besuchen können. Ein Studium mit dem Berufsziel Lehrerin wurde Annemarie von den braunen Machthabern wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ des Vaters untersagt. So wurde sie Buchhändlerin und arbeitete in diesem Beruf außer in Bremen in Universitätsbuchhandlungen in Leipzig, Marburg und Göttingen.

1944 heiratete sie den Verlagsbuchhändler Werner Mevissen, zog wieder nach Bremen, wurde zwischen 1945 und 1948 Mutter zweier Kinder[1] – und ging in die Politik. Sie trat in die SPD ein, beteiligte sich aktiv am Wiederaufbau der alten sozialistischen Erziehungsorganisation der Kinderfreunde und wurde zu Sitzungen der Fachausschüsse des Wohlfahrts- und Jugendamts herangezogen. Führende SPD-Politiker gewannen sie für eine Kandidatur zur Bürgerschaftswahl und so wurde sie 1947 mit 33 Jahren jüngste Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft. Dort setzte sie sich engagiert und eloquent gegen den erbitterten Widerstand bildungsbürgerlicher Kreise für eine Demokratisierung des Schulwesens ein.

1952 wurde sie Senatorin für das Jugendwesen, nicht für Bildung, wovon sie zunächst ausgegangen war. Dabei verweigerte ihr der Präsident des Senats, Bürgermeister Kaisen, aus politischer Rücksicht auf den Koalitionspartner CDU, der bisher den Bereich Jugend betreut hatte, anfangs die dazugehörigen Kompetenzen und den entsprechenden Apparat. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen und stellte beharrlich ihre Forderungen, was Kaisen ihr sehr übel nahm. Nach dornigen Anfängen als einzige Frau in der Männerrunde Senat setzte sie sich durch und gewann allseitige Anerkennung. 1958 erhielt sie das Ressort Sport dazu. Ein Jahr später nach der Bürgerschaftswahl 1959 – Kaisen hatte sich inzwischen von ihren Fähigkeiten überzeugt – folgte das große Senatsressort Wohlfahrt, heute Soziales.

In allen drei Bereichen betrieb sie eine erfolgreiche Politik, schuf viele neue Einrichtungen und setzte Akzente, von denen Bremen heute noch zehrt. Politik für die Jugend lag ihr zunächst besonders am Herzen, denn durch die Wirren der Nachkriegszeit waren viele Jugendliche perspektiv- und orientierungslos. So setzte sie sich für schulentlassene Jungen und Mädchen ein, die keine Lehrstelle fanden, richtete Jugendheime und eine Jugendvolkshochschule ein, wo sie Interesse für politische Probleme der Zeit wecken wollte. Auch rief sie ein Ferienspielplatzprogramm für die Kinder ins Leben und unterstützte schon früh internationale Austauschprogramme, um nach dem schrecklichen von Deutschland begonnenen Krieg unter der Jugend für Völkerverständigung und Frieden zu werben. In zwei Legislaturperioden setzte sie Sonderprogramme für den Bau von Kindergärten durch. Diese waren ihr besonders deshalb wichtig, weil sie die Startchancen von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen verbessern konnten.

Im Sozialressort machte sie bundesweit besonders im Bereich der Altenpolitik von sich reden. Ihr war es wichtig, durch geeignete Maßnahmen und Einrichtungen dafür zu sorgen, dass ältere Menschen möglichst lange selbständig bleiben konnten. Auch in der Behindertenpolitik setzte sie zum Beispiel durch Ausbau des Martinshofes Maßstäbe.

1967 wurde sie als Stellvertreterin Hans Koschnicks, der Präsident des Senats wurde, zur Bürgermeisterin gewählt, und damit bundesweit als erste Frau in eine derartige Position, also stellvertretende Ministerpräsidentin, wie es in anderen Bundesländern heißt. In dieser Eigenschaft sprach sie im Januar 1968, auf einer Streusandkiste auf der Domsheide stehend, durch ein Megafon zu einer aufgebrachten Menge demonstrierender Schüler und Schülerinnen. Diese forderten vom Senat die Rücknahme der zuvor verkündeten Erhöhung der Straßenbahntarife. Der „Chef“, Hans Koschnick, hatte sich zu einer Sitzung nach außerhalb abgemeldet. Es gelang Annemarie Mevissen durch eine ruhige, sachliche Rede die Situation zu entspannen, so dass es nicht mehr zu Zusammenstößen mit der Polizei wie am Tag zuvor kam. Dieser Auftritt im Zusammenhang mit den Bremer Straßenbahnunruhen erregte überregional Aufsehen und verschaffte ihr den Beinamen „der einzige Mann im Senat“. Den hörte sie gar nicht gern – und ihre männlichen Senatskollegen erst recht nicht.

Sie hat sich selbst zwar nie als Frauenrechtlerin verstanden und nie ausdrücklich Frauenförderung betrieben, hat aber dennoch natürlich frauenpolitisch gewirkt. In einer Zeit, in der die Berufstätigkeit einer verheirateten Frau und Mutter längst noch nicht gesellschaftlich akzeptiert war, machte sie berufstätigen Müttern immer wieder Mut. Sie sollten sich nicht zu „Rabenmüttern“ abstempeln lassen, denn eine Mutter, die auch außerhalb der Familie im Erwerbsleben aktiv sei, könne ihren Kindern eine Menge für das Leben mitgeben. Sie ermunterte Frauen, vom Senat den Bau von mehr Kindergärten zu fordern, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert werde. Auch warb sie dafür, Töchtern eine Berufsausbildung zu ermöglichen, das sei die beste Mitgift.

Bei aller Aufgeschlossenheit – für die Neue Frauenbewegung der 70er Jahre, deren lautstarken Kampf gegen den § 218 des Strafgesetzbuchs und gegen das Patriarchat sowie deren gelegentlich schrilles Auftreten hatte sie kein rechtes Verständnis. Das war nicht mehr ihre Welt, auch wenn ihr klar war, dass von Gleichberechtigung der Geschlechter noch keineswegs die Rede sein konnte. Auch war ihr der neue Politikstil fremd, der durch nachrückende jüngere Politiker und Politikerinnen, die von der 68er-Bewegung beeinflusst waren, in die Bremer SPD hineingetragen wurde. Der härtere Diskussionsstil, die Flügelkämpfe zwischen rechts und links belasteten sie. Sie zog sich 1975 nach 23jähriger Tätigkeit in diesem Gremium aus dem Senat zurück. Bis 1980 war sie noch weiter in der Medienpolitik, als Mitglied des Rundfunkrats von Radio Bremen und als Vorsitzende des ARD-Programmbeirats, aktiv. In der Pflege ihrer Hobbys, Malen und Zeichnen, war sie noch bis ins hohe Alter produktiv, veranstaltete Ausstellungen und veröffentlichte Bücher. In der näheren und weiteren Umgebung der Heimat fand sie ihre Motive, aber auch in der Provence, wohin sie des Öfteren reiste.

Außerdem rief sie den Freundeskreis für die Seniorenresidenz Ichon Park in Oberneuland ins Leben, für den sie ein umfangreiches Kulturprogramm entwickelte. Sie war also eine sehr aktive Ruheständlerin, die, nur in den letzten Jahren von ihrer Tochter Ulrike betreut, in ihrem 1955 erbauten Oberneulander Haus mit dem von ihr heiß geliebten großen Garten lange Jahre allein, wenn auch nicht einsam – sie hatte häufig Besuch – lebte. Ihr Mann Werner, der sich als Direktor der Bremer Stadtbibliothek große Verdienste um die Modernisierung und den Ausbau des bremischen Bibliothekswesens erworben hatte, war schon 1978, drei Jahre nach ihrer Pensionierung, gestorben.

Im Oktober 2005 wurde ihr für ihre Verdienste um Bremen vom Senat die Ehrenbürgerschaft der Freien Hansestadt Bremen verliehen. Im Sommer darauf starb sie im 92.Lebensjahr. Ihr Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

Sie war eine mutige Frau und eine bedeutende sozialdemokratische Politikerin Bremens.

Anmerkungen:
[1] Tochter Ulrike Mevissen, geb. Januar 1945, Sohn Edmund M., geb. Dezember 1948.

Literatur und Quellen:
Fichtner, Otto/Kraul, Herbert (Hrsg.): Annemarie Mevissen. Ein Portrait zum 80. Geburtstag, Bremen 1994.
Mevissen, Annemarie: Erlebtes aus der Politik, Bremen 1984.
Meyer-Braun, Renate: Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen. Eine Biografie, Bremen 2011.
dies: Bremer Sozial- und Bildungspolitikerinnen: Agnes Heineken (1872-1954), Dr. Elisabeth Lürssen (1880-1972), Anna Stiegler (1881-1963), Annemarie Mevissen (1914-2006). in: Lars U. Scholl (Hrsg.), Regionale Herkunft und nationale Bedeutung. Leistungen Bremer Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik. Kultur und Theologie, Jahrbuch der Wittheit zu Bremen 2010/2011, Bremen 2012.
StAB 7, 212-1 bis -9, Nachlass Mevissen

Renate Meyer-Braun