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Noltenius, Elisabeth

24.1.1888 in Bremen – 22.2.1964 in Bremen

Im „3-Kaiser-Jahr“ 1888 in Bremen als Tochter eines Rechtsanwalts geboren, wuchs Elisabeth in großbürgerlicher Atmosphäre auf. Ihr zeichnerisches Talent zeigte sich früh, doch verwehrten die Kunstakademien in Deutschland Frauen noch bis 1919 den Zutritt und so ließ sie sich zunächst zur Zeichenlehrerin ausbilden. Darüber hinaus nahm sie Unterricht im Radieren bei Hans am Ende und lernte Bildhauern bei Clara Rilke-Westhoff. 1911 zog sie nach München, um an der dortigen „Damenakademie“ Kunst zu studieren – die einzige Möglichkeit für eine Frau, den Beruf der bildenden Künstlerin systematisch zu erlernen. Doch nur wenige der Absolventinnen übten diesen Beruf anschließend auch wirklich aus: Noch immer galt eine Ausbildung für bürgerliche Frauen vor allem als Zeitvertreib, um die Jahre bis zur Heirat zu überbrücken. Elisabeth N. hatte andere Pläne: Sie genoss das Studium, die Anregungen der Großstadt und die Freiheiten eines selbstständigen Lebens fern von Zuhause.

Der 1.Weltkrieg, den sie in München erlebte, brachte ihr tragische Verluste: Beide Brüder fielen im Krieg und ihre Schwester starb, als sie im Lazarett Soldaten pflegte. 1919 wurde während der Münchner Räterepublik ihr Verlobter erschossen, wenige Tage später starb ihr Vater. Sie kehrte nach Bremen zurück und musste von nun an allein für sich und ihre Mutter sorgen. Am Osterdeich richtete sie sich ein Atelier ein und begann, mit Auftragsarbeiten als Porträtistin ihr Geld zu verdienen. Zwei Jahre später entdeckte sie den Ort Meyenburg in der Nähe von Schwanewede für sich – hier fand sie die Ruhe und Nähe zur Natur, die sie zum Malen brauchte – und mietete sich ein Atelier. In den folgenden Jahren schuf sie unzählige Landschaftsgemälde, deren Motive sie in und um Meyenburg fand, aber auch kraftvolle Stillleben, zum Teil in leuchtenden Farben, und einfühlsame Porträts. Immer wieder zeigte Elisabeth N. Menschen bei der Arbeit: Bauern bei der Kartoffelernte, Frauen beim Buttern oder Nähen. Sie wählte damit einfache Motive, die sie täglich umgaben, und stellte deren ästhetisches Moment heraus. Die sozialkritische Perspektive lag ihr dabei fern; ihre Bilder offenbaren vielmehr den künstlerischen Willen, die naturalistische Darstellungsweise hinter sich zu lassen und formale Gestaltungselemente wie Farbe, Fläche, Ausschnitt und Pinselduktus zu einer anspruchsvollen Gesamtkomposition zu formen. Ihre Werke zeugen von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kunstströmungen, vor allem mit den natürlichen Lichtstimmungen des Impressionismus und der gesteigerten, freien Farbauffassung des Expressionismus, aber auch von ihrer Kenntnis der Worpsweder Malerei und ihrer Liebe zur norddeutschen Landschaft.

Zugleich lockte die Ferne: In den 1920er und 1930er Jahren reiste sie nach Italien und Spanien, nach Ungarn und Norwegen. Meist reiste sie allein – in dieser Zeit alles andere als selbstverständlich für eine Frau. Sie studierte die vielfältigen Landschaften und ihre Farben, aber auch die Kunstschätze vor Ort, die Museen und Kirchen, fertigte zahllose Reiseskizzen an und führte ein Tagebuch, in dem sie ihre präzisen, oftmals auch kritischen Beobachtungen festhielt.

Elisabeth N. nahm Unterricht bei Willi Jäckel in Berlin und studierte einige Zeit in Paris. Um ihr Auskommen zu sichern, gab sie Zeichenunterricht, lehrte Kunstgeschichte und nahm viele Porträtaufträge, vor allem für Kinderporträts, an. Dass sie zur gefragten Porträtistin wurde, war dabei Fluch und Segen zugleich: Zwar bescherten ihr die Aufträge, die sie durch ganz Deutschland und sogar bis in die Schweiz führten, ein mehr oder weniger regelmäßiges Einkommen, oft genug waren jedoch auch künstlerische Zugeständnisse an die Auftraggeber erforderlich. Zudem kostete die Porträtmalerei viel Zeit und Kraft, die ihr für die eigene künstlerische Arbeit fehlte.

Ab 1933 setzte sie sich wiederholt für die jüdische Malerin Dora Bromberger ein. Sie organisierte Ausstellungen mit den Bildern der Freundin in ihrem eigenen Atelier und intervenierte – vergeblich – bei der Gestapo, als Dora B. und deren Schwester Henriette deportiert werden sollten. Den 2.Weltkrieg erlebte sie in Bremen, dokumentierte die knapper werdenden Lebensmittel, die Bombennächte, den Tod der Mutter und die täglichen Sorgen in ihrem Tagebuch. Als ihr Atelier in der Buchtstraße 1944 bei einem Bombenangriff völlig zerstört wurde, wurde auch ein großer Teil ihrer Bilder vernichtet. Doch sie ließ sich nicht entmutigen: Nach dem Krieg erfüllte sie sich einen lang gehegten Traum und baute sich 1949 in Meyenburg ihr eigenes Atelier auf. Bis zu ihrem Tod 1964[1] entstanden hier zahlreiche Bilder: Darstellungen arbeitender Bauern auf den Feldern, einfühlsame Landschaftsstudien, aber auch ihr letztes Selbstporträt. In lockerer Malweise und in direktem Blickkontakt mit dem Betrachter zeigt sich die Künstlerin arbeitend an der Staffelei.

Obwohl sie schon zu Lebzeiten vielfach ausgestellt und sich als Malerin einen Namen gemacht hatte, geriet sie nach ihrem Tod zunächst weitgehend in Vergessenheit – wie so viele Künstlerinnen ihrer Generation. Werke von Elisabeth N. befinden sich in öffentlichen Sammlungen, in der Kunsthalle Bremen, im Focke-Museum, in Bremerhaven und im Privatbesitz.

Das Overbeck-Museum in Vegesack widmete ihr 2013/14 die Ausstellung: „Sehnsuchtsvoll nach dem vollen ganzen Leben“ – Die Bremer Malerin Elisabeth Noltenius.

Einzelausstellungen:
GEDOK Bremen 1930
Graphisches Kabinett Bremen, September 1948 (zum 60.Geburtstag)
Kunsthalle Bremen 1958 (zum 70.Geburtstag)
Galerie Cohrs-Zirus, Worpswede 1978 (posthum zum 90.Geburtstag)
„Sehnsuchtsvoll nach dem vollen ganzen Leben!“, Overbeck-Museum Bremen (posthum zum 125.Geburtstag)

Ausstellungsbeteiligungen:
Kunstschau Böttcherstraße 1921
Kunsthalle Bremen 1922, 1924, 1925, 1927-35
Große Kunstschau Böttcherstraße 1925 und 1928
Münchner Glaspalast 1929
Kunsthalle Bremen. Ausstellung „Der Akt“ 1930
GEDOK Ausstellung in der Kohlhökerstraße 1930
GEDOK Ausstellung im Graphischen Kabinett 1931, 1932, 1933 und 1936
3.Deutsche Kunstausstellung in Dresden 1953
„Hermine Overbeck-Rohte und Bremer Malerinnen um 1900“, Stiftung Fritz und Hermine Overbeck, Bremen 1992
„und sie malten doch!“ Geschichte der Malerinnen – Worpswede, Fischerhude, Bremen. Kunststiftung Lilienthal 2007

Anmerkungen:
[1] Ihr Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

Literatur und Quellen:
Cyrus, Hannelore: Nüchtern in der Gestaltung, in: dies.: Zwischen Tradition und Moderne, Bremen 2005, S.134-137.
Gudera, Alice u.a.: Elisabeth Noltenius (1888-1964). In: …und sie malten doch! Bremen 2007, S.123f
Krahé, Frauke: Elisabeth Noltenius. In: Allein ich will. 20 Malerinnen aus Bremen, Worpswede und Fischerhude, Lilienthal 1990, S.11-109.
Pourshirazi, Katja/Noltenius, Rainer (Hrsg.): Elisabeth Noltenius – Sehnsucht nach dem vollen ganzen Leben, Bremen 2013, S.92-93.
https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Noltenius

Katja Pourshirazi