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Rattay, Minna, geb. Weiß

28.2.1902 in Nipperwiese[1] – 3.12.1943 im Konzentrationslager Auschwitz

Minna und ihr Ehemann Paul gehören zu denjenigen Bremerhavenern, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung zu Opfern des Nationalsozialismus wurden.

Minna wurde im Pommerschen als jüngste von fünf Töchtern eines Korbmachers geboren. Der Vater war überzeugter Sozialdemokrat, tendierte aber später zum Kommunismus, die Mutter entstammte einer Beamtenfamilie. So vereinte Minna schon früh einen gewissen Bildungshintergrund mit einer ausgeprägten politischen Überzeugung und vor allem mit einem unbedingten Gerechtigkeitssinn.

Wenige Jahre nach ihrer Geburt zog die Familie nach Lanhausen (Kreis Geestemünde), vermutlich weil der Vater für seinen Beruf im aufstrebenden Geestemünder Fischereihafen gute Perspektiven sah. Minna ging im benachbarten Fleeste zur Schule und verdingte sich nach dem Ende des 1.Weltkriegs als Haus- und Küchenmädchen im Oldenburgischen, bevor sie im Fischereihafen eine Anstellung als Arbeiterin bei der Verpackungsfirma Baumgarten fand.

Schon bald überzeugte Kommunistin und politisch aktiv, schloss sie sich dem „Roten Frauen- und Mädchenbund“ an, dessen Ziel die Politisierung von Frauen war. Im Rahmen ihrer politischen Aktivitäten lernte sie den gleichgesinnten, in Schlesien geborenen Kesselreiniger Paul Rattay (1904-1945) kennen, der 1925 von Wilhelmshaven nach Bremerhaven gekommen war und dort auf einer Werft, vermutlich dem Technischen Betrieb des Norddeutschen Lloyd, arbeitete. 1929 schlossen die beiden die Ehe, aus der vier Töchter hervorgingen; ein fünftes Mädchen entstammte einer kurzzeitigen unehelichen Beziehung.

Minna R., die sich durch resolutes Auftreten und verbale Offenheit leicht exponierte, kam zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt, als sie 1931 an einer verbotenen „Hungerdemonstration“ teilnahm. Als eine der „Rädelsführerinnen“ wurde sie wegen Landfriedensbruchs und Beleidigung zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, deren zweite Hälfte ihr im Rahmen eines Amnestiegesetzes erlassen wurde.

Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur KPD und ihres unerschrockenen Auftretens waren Minna und Paul R. schon bald nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verstärkten Repressionen ausgesetzt. Nachdem er 1934 auf dem berüchtigten „Gespensterschiff“ im Alten Hafen von SA-Leuten inhaftiert, gedemütigt und beraubt worden war, erstattete sie beim Bremischen Amt Anzeige wegen Misshandlung und Diebstahls. Diese offene Kampfansage an das Regime trug ihr nicht nur eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen „falscher Verdächtigung“ ein – u.a. weil Paul R. selbst den offensichtlichen Tatbestand geleugnet hatte – sondern setzte einen vonseiten ihrer Gegner teilweise persönlich gefärbten Verfolgungsmechanismus in Gang, aus dem permanente Überwachung, u.a. auch der Eltern und Geschwister in Lanhausen, sowie mehrfache Verhaftungen aufgrund von Denunziationen resultierten.

Am schwersten traf es die Familie, da die Verantwortlichen die Inhaftierungen zum Anlass nahmen, die Kinder ins Kinderheim zu stecken oder in unterschiedliche und wechselnde Pflegefamilien zu geben, mit der Folge, dass die Familie auseinandergerissen wurde. Die Eltern und Geschwister Minnas in Lanhausen waren wegen ihrer regimekritischen Einstellung von vornherein von der Kinderbetreuung ausgeschlossen worden. Schließlich wurde den Eltern 1938, kurz vor der Geburt des letzten Kindes, das Sorgerecht für ihre Kinder offiziell entzogen. Die Töchter selbst erlebten ihr Schicksal in unterschiedlicher Weise. Während eine von ihnen von einem verständnisvollen Bauernehepaar in Wremen aufgenommen wurde, musste eine andere unter der Obhut einer glühenden Nationalsozialistin ständige Demütigungen über sich ergehen lassen. Erst nach dem 2.Weltkrieg fanden die Töchter, die zuvor keine Kenntnis voneinander gehabt hatten, wieder zusammen.

Für Minna und Paul R. wurde nach drei Jahren relativer Ruhe, in denen sich das Paar nach zeitweiliger Entfremdung wieder etwas einander annäherte, 1939 schließlich zum Schicksals- und Trennungsjahr. Im Frühjahr wurde sie ohne ersichtlichen Grund erneut verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Strafe von zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie im Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof verbüßte. Nach Ende der Haftzeit in das KZ Ravensbrück und von dort nach Auschwitz deportiert, fand sie dort im Dezember 1943 den Tod. Ihr Mann wurde sofort bei Kriegsbeginn in „Schutzhaft“ genommen, kam zunächst nach Sachsenhausen und gelangte von dort über weitere Konzentrationslager schließlich in das KZ Flossenbürg, wo er 1945 von den Amerikanern befreit wurde; kurz danach, am 28.7.1945, verstarb er an den Folgen der Inhaftierung.

Anmerkungen:
[1] Kreis Greifenhagen, Pommern.

Literatur und Quellen:
Bartlitz, Christine/Herfort, Edelgard: Mutterland. Minna Rattay (1902-1943) und ihre Töchter, Berlin 2012.
Bickelmann, Hartmut (Hrsg.): Bremerhavener Persönlichkeiten aus vier Jahrhunderten. Ein biografisches Lexikon, Bremerhaven, 2.Aufl. 2003, S.38-39, Erstveröffentlichung.
Ernst, Manfred: Der aufrechte Gang. Widerstand und Verweigerung in Bremerhaven 1933-1945, Bremerhaven, 3., überarb. Aufl.1985.
Fahrenholtz, Ingrid, geb. Rattay: Kein Recht zu leben? Bremerhaven 1992.
Hoffmann, Katharina: Zwischen Opfer- und Täterrolle. in: Bremerhavener Beiträge zur Stadtgeschichte III, Hrsg.: Hartmut Bickelmann, Brhv. 2001, S.135-170, S.149.

Hartmut Bickelmann