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Thiele, Grete Henriette Friederike, geb. Itzen, und Thieles-Garten

1.4.1905 in Bremerhaven-Leherheide – 2.3.1990 in Langen bei Bremerhaven

Über die Familie und Kindheit der Tochter eines Kolonialwarenhändlers ist wenig bekannt.

In den 20er Jahren verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt durch selbst erlerntes Nähen und verschaffte sich mit dem alten Fotoapparat ihres Vaters zusätzliche Einkünfte. Ihr Interesse an der Fotografie verstärkte sich, so dass es nicht verwundert, dass sie auf die beiden schwer bepackten Radfahrer aufmerksam wurde, die Fotografen-Brüder Thiele, die 1923 das 6.000 qm große Grundstück am Mecklenburger Weg 100 erworben hatten und sich dort zunächst in der Landwirtschaft versuchten. Sie nahm bei ihnen Unterricht in der Technik des Fotografierens und der Fotolabortechnik. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Freundschaft zu dem Bruder Gustav, den anderen, Georg, heiratete sie 1929.

Gustav Adolf Thiele[1] hatte eine Ausbildung als Bildhauer und Geiger absolviert, Georg Wilhelm Thiele[2] wurde Fotograf und Kunstmaler. Die Brüder eröffneten 1904 in der Hafenstraße in Lehe ein Fotoatelier, das aufgrund ihrer besonderen Fähigkeit im Kolorieren von Vergrößerungen sehr erfolgreich war. Parallel dazu schufen sie seit 1927 in ihrer Freizeit einen Park mit Teichen, Springbrunnen, Hügeln und künstlichen Felsen sowie mit Gehölzen aus heimischen Wäldern und fernen Ländern. Ab 1929 war Grete Thiele mit dabei: so entstand im Laufe der Zeit ein Landschaftsprojekt, das einem parkähnlichen Garten Namen und Gestalt gab: „Thieles Garten“ – ein Kunstgarten, der in einer herben Stadtlandschaft Landschaft, Kunst und Natur verband.

Der Garten bot den Brüdern die Möglichkeit zur Realisierung ihrer künstlerischen Arbeit und gab Gustav den Rahmen für seine lebensgroßen Skulpturen, die er, um die kostspieligen Werkstoffe Marmor und Bronze zu umgehen, aus Eisen, Draht und wetterfestem Zement formte und mit einem weißen bzw. bronzefarbenen Anstrich versah. In Jahrzehnten entstanden wie zu Stein verzauberte Gestalten der Klassik, der Märchenwelt und der Lebensfreude und fügen sich in diesen eher verspielt wirkenden Garten ein. Beide Brüder wurden Mitglied der Künstlervereinigung „Gilde“ und beteiligten sich an Ausstellungen in Bremerhaven. Bevorzugtes Modell für die Frauengestalten war Georgs Frau Grete.

Als 1944 ein Bombenangriff das Fotogeschäft zerstörte, zog sich das Trio ganz in seine Idylle am Mecklenburger Weg zurück. Neben der Pflege und dem Ausbau des Gartens standen nun die künstlerischen Arbeiten im Vordergrund. Eine Moor-Kate diente als Unterkunft für Gäste, während ein in Eigenarbeit errichtetes exotisches Wohnhaus auch als Atelier und Ausstellungsraum diente. Anfang der 1950er Jahre wurden Garten und Ausstellungsraum gegen ein Eintrittsgeld von 49 Pfennig geöffnet.

Grete Thieles künstlerische Begabung fiel auf, als sie den Brüdern bei ihren künstlerischen Gestaltungen half. Bereits nach ihrer Heirat hatte sie ihrem Mann beim Skizzieren geholfen und selbst begonnen, künstlerisch zu arbeiten. 1946 entstanden ihre ersten Porträts. Um sich zu vervollkommnen, nahm sie ab 1949 Unterricht bei der Kunstmalerin Perlia-Wuppertal in Bremen und besuchte Kurse in Aktzeichnen und Modellieren an der Kunsthochschule in Bremen. Sie bot ihre Porträts, Blumenstillleben und Landschaften zum Verkauf an, wobei sie gute Kundschaft bei den amerikanischen Besatzungsangehörigen fand. Damit konnten die drei Künstler die Nachkriegszeit durchstehen und auch noch Jahre danach Haus und Garten ausbauen und halten. Grete Thiele beteiligte sich an Ausstellungen in Hude, Beverstedt und Bremerhaven, 1978 trat sie der Künstlervereinigung Unterweser e.V. „Arche“ bei.

Nach dem Tode ihres Mannes und ihres Schwagers war sie der Aufsicht über das Grundstück nicht mehr gewachsen, so dass – u.a. aufgrund schwindender Besucherzahlen – die Einrichtung 1971 geschlossen werden musste. Sie lebte weiterhin dort, bevor sie sich 1986 in ein Seniorenwohnheim nach Langen zurückzog, von wo aus sie die Reaktivierung aufmerksam verfolgte. Denn 1985 erwarb die Stadt Bremerhaven das Gelände und 1986 begann mit der Gründung des Fördervereins „Thieles Garten“ in Zusammenarbeit mit dem Gartenbauamt der Stadt der Wiederaufbau der inzwischen von Zerstörungen gezeichneten Anlage. Seit 1990 ist sie wieder der Öffentlichkeit zugänglich.

Unbekümmert um alle Kritik – ob überkommener oder gängiger Kunstanschauungen und unbeeindruckt durch Schulen oder Ateliers zeitgenössischer Künstler – schufen die Gründer einfach das, was ihnen Freude bereitete. Unabhängig von künstlerischer Beurteilung ist Thieles Garten eine urwüchsige Oase innerhalb der Stadt, eine märchenhafte Parkidylle mit altem Baumbestand, Teichen, exotischen Pflanzen und Skulpturen, die zu allen Jahreszeiten und Wettern ihren Reiz entfaltet. Ein Förderverein bietet ein Kulturprogramm mit botanischen Führungen, Ausstellungen, Lesungen und Konzerten an.

Anmerkungen:
[1] 26.2.1877 in Butjadingen – 6.12.1969 in Bremerhaven.
[2] 4.6.1886 in Butjadingen – 23.4.1968 in Bremerhaven.

Literatur und Quellen:
Grapenthin, Elke: Künstler und Künstlerinnen in Bremerhaven und Umgebung 1827-1990, Bremen 1991, S.136-142, 512-513.
Thieles Garten Bremerhaven, Brhv. 1992.
Wolff, W.: Thieles Park, Natur und Kunst am Rande der Seestadt Bremerhaven, in: Jahrb. der Männer vom Morgenstern 65, 1986, S.249-264.
https://de.wikipedia.org/wiki/Thieles_Garten_%28Bremerhaven%29, Zugriff: 2.11.2015.
http://www.thieles-garten.de/Zugriff: 2.11.2015.

Regina Contzen