28.12.1946 in Hamburg – 1.4.2016 in Bremen
Brigitte war Psychologin, Feministin und Musikerin
Brigitte wurde als zweites Kind von Mathilde und Wilhelm Lück geboren. Zu Hause wurde viel gesungen, das Geld war knapp, die Wohnung eng. Über dem Küchentisch hing die Wäsche zum Trocknen und anstelle eines Badezimmers gab es nur den Kaltwasserhahn über der Spüle. Privatsphäre war kaum möglich. Aber Brigitte erhielt Klavierunterricht, sang in Chören und machte Ende der 1960er Jahre ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Danach studierte sie Psychologie in Berlin, um anschließend in Bremen eine Stelle als Schulpsychologin anzutreten. Als Referentin und Mitarbeiterin in verschiedenen Projekten wechselte sie nach 15 Jahren an die Behörde für Arbeit und Soziales in Bremen, später in die Zentralstelle für die Gleichberechtigung der Frau (ZGF). Privat und beruflich engagierte sie sich stark gegen Gewalt gegen Frauen. Während der Amtszeit von Senatorin Sabine Uhl* war Brigitte Mitinitiatorin der Frauen-Nachttaxi-Bewegung. Auch setzte sie sich für die Gründung des Vereins „Neue Wege – Wege aus der Beziehungsgewalt“ ein. Ihre feministisch-politische Einstellung fand immer auch Ausdruck in diversen Gruppen und Bands. So war sie Anfang der 1980er Jahre Mitbegründerin und tragende Säule der Bremer Frauengruppe „Li(e)dschatten“. Diese Kabarettgruppe tourte über ein Jahrzehnt durch ganz Deutschland und trat vor allem am Internationalen Frauentag und bei Aktionen gegen den §218 auf. 1983 machte Brigitte mit dem „Roten Krokodil“(1) im Wahlkampf für die BAL(2) sowie bei der Schließung der AG-Weser(3) Straßenmusik. Mit ihrem Lebensgefährten Andreas Kettel an der Gitarre trat sie zeitweise als „Das Traumpaar“ mit Volksliedern und Couplets auf; auch als Jazzsängerin versuchte sie sich. Ihre wahre Bestimmung allerdings fand sie mit der Gründung des Frauenjazzchores „Ein Ton tiefer“ im Jahr 1988. Drei Jahre später rief sie das Gesangsquartett „In Vino Veritas“ ins Leben(4). Das Repertoire umfasste Wein- und Liebeslieder aus fünf Jahrhunderten. Im Zuge dieser Tätigkeiten wurde Brigitte Mitglied des Landesmusikrates und des Chorleiterrates. Seit 2004 war sie KreisChorleiterin im KreisChorVerband Bremen und ein Jahr später startete sie die Konzertreihe „Lokal Vokal“ – ein monatliches Chorkonzert im Veranstaltungssaal der Stadtbibliothek Bremen. Sie moderierte die sonntäglichen, gut besuchten Matineen, auf denen sich jeweils zwei Chöre vorstellen konnten.
Brigitte war stets unübersehbar mit ihren feuerroten Haaren und der durchweg roten Kleidung. Sie war laut, sie war ein Mittelpunktsmensch und sie hatte sich nach und nach ganz bewusst dieses Format gegeben. Ihre Leitsätze waren: „Nimm dir, was du brauchst, es wird dir nichts geschenkt! Achte deine Gefühle! Sei schamlos in Gedanken, Worten und Taten!“ Mit viel Humor, Streitlust und Genuss versuchte sie zu leben, was sie als Feministin propagierte.
An ihrem sechzigsten Geburtstag wünschte Brigitte sich von den Gästen eine Spende für Bäume im Bremer Bürgerpark. Sie legte noch etwas drauf und im Frühling konnten dann drei Bäume gepflanzt werden, was vor Ort mit lieben Freund:innen und viel Gesang gefeiert wurde. Bereits zu Lebzeiten formulierte sie ihre Todesanzeige und rief darin zu Spenden für misshandelte Frauen auf(5). Ihre Eigentumswohnung im Bremer Steintorviertel vererbte sie dem Bürgerparkverein.
Quellen
taz 7.10.1996 https://taz.de/Frauen-Nachttaxi-auf-Erfolgskurs/!1434748/
Trauerrede am 12.5.2016
WK 1.2.2005 https://www.senatspressestelle.bremen.de/pressemitteilungen/gesangsreihe-lokal-vokal-startet-in-der-zentralbibliothek-6828
WK 7.4.2016 https://www.weser-kurier.de/bremen/ein-vorbild-mit-ecken-und-kanten-doc7e3pb9d4jqbfh2mcj60
WK 13.4.2016 https://trauer.weser-kurier.de/traueranzeige/brigitte-lueck
Anmerkungen
- Bremer Agitpropgruppe, bestehend aus verschiedenen, auch wechselnden Musiker:innen
- Die Betrieblich Alternative Liste (BAL) kandidierte 1983 zur Bremischen Bürgerschaft
- Bremer Werft
- Dieses Quartett sang a capella, d.h. ohne instrumentale Begleitung. Besetzung: Luise Scherf. später Ortrud Staude (Sopran), Christiane Brunßen (Alt), Brigitte Lück (Tenor), Andreas Kettel (Bass)
- „Nu bin ik dout. Ich will bei meiner Feier niemanden in schwarz, weiß, grau oder braun sehen! Spendet statt Blumen an eine Einrichtung für misshandelte Frauen. Seid nicht geizig!“ (WK 13.4.2016)
Christiane Brunßen