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Herzger von Harlessem, Gertraud, geb. von Harlessem

4.8.1908 in Bremen – 24.7.1989 in Überlingen

Gertraud war die Tochter von Gryso Ludolf William von Harlessem (1870–1938) und seiner Ehefrau Antonia Maria Karoline, geb. Danner (1877–1959), Tochter des Professors Leopold Danner und dessen Ehefrau Karoline. Gertrauds Vater war als Großkaufmann Mitinhaber der Tabakfirma H. F. Ed. Meyer in Bremen, 1912 gründete er die „ROHTA“ Rohtabaksgesellschaft. Sie hatte einen Bruder Griso (1907-1941).

Die Geschwister wuchsen in einem gutbürgerlichen Ambiente auf, das von literarischen, künstlerischen und philosophischen Einflüssen geprägt war und u.a. den Maler Adolf Linne (1876 – 1929), die Töpferin Auguste Papendieck (1873 – 1950), den Glasmaler Georg Rohde (1874 – 1929), die Fotografin Felicitas von Baczko (geb. 1877) zum Freundeskreis zählte.

Gertraud besuchte ab 1915 die Grundschule und bis zum Abitur 1928 das Gymnasium in Bremen. Sie war sportlich sehr aktiv, vor allem aber malte und zeichnete sie von klein auf. Die Eltern unterstützten ihren Wunsch Künstlerin zu werden und finanzierten ihr Kunststudium. Sie nahm zunächst privaten Zeichen- und Malunterricht, ab Herbst 1928 besuchte sie dann das Studienatelier für Malerei und Plastik von Robert Erdmann in Berlin. Hier fand sie vielfältige Anregungen: von der Großstadtatmosphäre im Allgemeinen bis zu den künstlerischen und kulturellen Ereignisse der 20er Jahre.

Nach einigen Monaten an den Charlottenburger Studienateliers für Malerei und Plastik orientierte sie sich neu und wechselte an die 1926 gegründete moderne Kunstschule des Bauhaus-Künstlers Johannes Itten. Das erweiterte Ausbildungsprogramm umfasste neben Architektur, Fotografie, Reklame auch die Ausbildung in Schriftgestaltung und druckgrafischen Techniken. Hier lernte sie u.a. Dynamik und Hell-Dunkel-Kontraste in ihren Bildern zu entwickeln, befürchtete aber, das Malen zu verlernen. Doch es entstanden einige ihrer eindrucksvollsten Arbeiten.

Im Laufe ihrer Entwicklung änderte sich ihr künstlerischer Stil und sie wechselte auf Empfehlung eines Bremer Freundes (Werner Rohde) 1930 nach Halle auf die Burg Giebichenstein, eine der in den 20er-Jahren bedeutendsten und fortschrittlichsten Kunstschulen. Sie war bis 1932 Schülerin des Malers Erwin Hahs und genoss die hier vorherrschende freie und ungezwungene Arbeitsweise. Es entstanden expressive Werke, Impressionen, aber auch düstere, fast surreal wirkende Szenen. In einer sieben Blätter umfassenden Holzschnittfolge, die traditionell hart und kantig im Schwarzweiß-Kontrast gehalten ist, spiegelt sich noch der Einfluss Ittens wider. Ab 1931 wurde in ihren Farbholzschnitten aber ihr Experimentierwille immer deutlicher. Sie verstand es, Holzschnitt- und Maltechnik zu verbinden und subtile malerische Wirkungen zu erzielen. Mit der Kombination von Holzschnitt und Monotypie, wobei sie den Druckstock mehrfarbig kolorierte, entwickelte sie ihre eigene Bildsprache, in der jedes Blatt dieser experimentellen Drucktechnik ein Unikat ist.

Inspiriert von ihrer unmittelbaren Umgebung steht die Darstellung des Menschen im Mittelpunkt ihres Werkes: ob zeichnerisch, als Malerei oder Druck, in ihren Bildern erscheinen spielende Kinder, Menschen bei der Arbeit oder in der Natur. Aber auch Tierbilder, Natur- und Städteansichten gehören zu ihrem Repertoire.

Bereits im Januar 1931 durfte sie sich an einer Ausstellung „Hahs und sein Kreis“ mit ihren Arbeiten beteiligen. Der hohe Anspruch wurde von der Presse gewürdigt: „Die Maler, die in der Ausstellung ihre Werke zeigen, (sind) nicht mehr Schüler, sondern Persönlichkeiten, die in Inhalt, Form und Farbe ihrer Bilder ihre eigenen Wege (gehen) und ihre eigene Welt darstellten.“[1]

In dieser Zeit lernte sie ihren späteren Mann Walter Herzger (1901 – 1985) kennen, der als Bauhausschüler seine Ausbildung bei Paul Klee und Oskar Schlemmer in Weimar erhalten hatte und an der Burg Giebichenstein Leiter der Lithografie-Werkstatt war.

Das seit 1933 gültige Gesetz zur Errichtung der Reichskulturkammer und die Anordnungen zur Veranstaltung von Kunstausstellungen belegten alle Nichtmitglieder nicht nur mit einem Ausstellungs-, sondern auch mit einem Arbeitsverbot. Sie kehrte zu ihren Eltern zurück, die inzwischen in Dresden lebten. Sie hatten durch die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre ihr Vermögen, und somit die Möglichkeit, den künstlerischen Werdegang ihrer Tochter zu finanzieren, verloren.

1935 zog sie zu ihrer Tante Gertrud Wilkens nach Bremen, wo sie Kurse an einer privaten Handelsschule besuchte und endlich Arbeit fand. Sie arbeitete für die Bremer Werkschau GmbH zunächst als Aufsicht in der Kunstschau in der Böttcherstraße, dem späteren Paula Modersohn-Becker Museum, war stellvertretende Leiterin, sie organisierte Ausstellungen und war Kontoristin der Werkschau. Gleichzeitig unterstützte sie ihren Freund Walter Herzger, der am Rande des Existenzminimums in Süditalien lebte, machte mit ihm Ausflüge in die Bremer Umgebung und Reisen zum Bodensee, was in einigen ihrer Arbeiten zum Ausdruck kam. 1938 zog sie zu ihrem Freund nach Süditalien, hier konnten sie eine Wohnung ihrer Bremer Freundin und Malerin Lisel Oppel übernehmen, kehrten aber 1939 nach Deutschland zurück. Sie heirateten 1940 in Bremen – sie nannte sich von nun an Herzger von Harlessem – kurz darauf wurde ihre Tochter Sabine geboren und ihr Ehemann zum Kriegsdienst einberufen. Er war überwiegend als Dolmetscher eingesetzt, geriet in französische Kriegsgefangenschaft und konnte erst 1946 zu seiner Familie zurückkehren.

Schon vor der Geburt der Tochter zeigte Walter H. eine Eifersucht auf die Malerei Gertrauds, die sie immer stärker dazu zwang, im Geheimen zu schaffen. Nach der Geburt ihrer Tochter war für ihn klar, dass seine Frau nun ihre Aufgabe habe und das Malen einstellen solle. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, künstlerisch tätig zu sein, und im Verborgenen entstanden kleinformatige, oft skizzenhafte und unvollendete Werke. Sie bevorzugte Farbstifte, Pastell- und Wachskreiden, auch Aquarell, da der Geruch von Öl sie verraten hätte.

Während des 2.Weltkriegs floh sie 1942 mit ihrer Tochter vor den Bomben in Bremen. Sie suchte, wie viele andere Künstler, Zuflucht auf der Halbinsel Höri am Bodensee, die sie bereits in ihrer Studienzeit als Rückzugsort vieler Künstler kennengelernt hatte. An ein künstlerisches Arbeiten war in dieser Zeit nicht zu denken, ging es doch mit aller Härte um die Sorge für den Lebensunterhalt. Auch die Wohnsituation in einem abbruchreifen Bauernhaus war katastrophal. Sie arbeitete von 1950 bis 1957 in der Nähmaschinenfabrik Bernina im schweizerischen Steckborn im Akkord, um ihrem inzwischen zurückgekehrten Mann die künstlerische Arbeit zu ermöglichen. Hier lernte sie auch die Künstlerinnen Grete Kindermann, Frau des Bildhauers Hanms Kindermann, und Ilse Schmitz, Frau des Künstlers Jean Paul Schmitz, kennen. Auch sie mussten in den Nachkriegsjahren, um ihre Familien zu versorgen, ihre künstlerische Tätigkeit und Entwicklung aufgeben. Gertraud H.v.H. bemalte Spanschachteln und Holzkästen, die sich noch am ehesten verkaufen ließen. „Die Bemalung in feinsten, aufeinander abgestimmten Farbtönen verbindet aufs glücklichste einfache Ornamentik mit zarter Miniaturmalerei.“[2]

Erst mit der Berufung ihres Ehemanns 1958 als Leiter einer Malklasse an der Kunstakademie in Karlsruhe entspannte sich die finanzielle Situation der Familie, und 1963 verbesserten sich die Lebensumstände, als sie in ihr eigenes Haus in Gaienhofen ziehen konnten.

Ab 1963 fuhr sie regelmäßig zu ihrer Tochter und Enkelin nach Frankreich und nahm das Malen und Zeichnen – zwar im Verborgenen – wieder auf. Sie beteiligte sich 1982/83, während des langen Krankenlagers ihres Mannes, heimlich an zwei Ausstellungen. Aber erst nach seinem Tod 1985 begann für sie mit – jetzt unbeschwerten – Ausstellungsbeteiligungen eine Zeit neuer intensiver, künstlerischer Wirkungsmöglichkeit, die ihr die lange vorenthaltene Anerkennung ihres künstlerischen Werkes brachte. Sie malte bis zuletzt, sie starb 81jährig.

Das vorläufige Werkverzeichnis weist mehr als 290 Positionen auf.

Zum 100.Geburtstag der Künstlerin erinnerte das Paula Modersohn-Becker Museum Bremen mit einer umfassenden Ausstellung an die Bremer Künstlerin (6.7.-31.8.2008).

Anmerkungen:
[1] Angela Dolgner: Gertraud Herzger von Harlessem. Eine Künstlerin aus dem Umfeld von Johannes Itten und Erwin Hahs, Freundes- und Förderkreis der Burg Giebichenstein e.V. in Zusammenarbeit mit dem Paula-Becker-Modersohn-Museum Bremen und dem H.-Hesse-Höri-Museum Gaienhofen (Hrsg.), Halle an der Saale 2008, S.28.
[2] ebda. S.46.

Literatur und Quellen:
Dolgner, Angela: Gertraud Herzger von Harlessem. Eine Künstlerin aus dem Umfeld von Johannes Itten und Erwin Hahs. Freundes- und Förderkreis der Burg Giebichenstein e.V. in Zusammenarbeit mit dem Paula-Becker-Modersohn-Museum Bremen und dem H.-Hesse-Höri-Museum Gaienhofen (Hrsg.), Halle an der Saale 2008.
Lipps-Kant, Barbara: Gertraud Herzger von Harlessem 1908-1989, Reutlingen 1993.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gertraud_Herzger_von_Harlessem, Zugriff 14.6.2015.
Bilder: Wikipedia: Gertraud Herzger von Harlessem.

Regina Contzen