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Kaisen, Helene Franzisca, geb. Schweida

11.5.1889 in Braunschweig – 5.9.1973 in Bremen

Helene war die Tochter des sozialdemokratischen Tischlers Anton Schweida aus Töschen, Bezirk Dauba, Böhmen und seiner Ehefrau Marcianna, einer gelernten Köchin, geb. Sobczyk aus Wygoda, Kreis Schildberg, Bezirk Posen. Dort hatte sich der Vater nach den Jahren der Wanderschaft niedergelassen. Wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten im Holzarbeiterverband geriet Anton Schweida mit dem Sozialistengesetz (1878-1890) in Konflikt, weshalb er 1890 aus Braunschweig ausgewiesen wurde. Er zog mit seiner Familie nach Bremen, wo das Gesetz, das eine Betätigung für die SPD und für die Gewerkschaften untersagte, liberaler gehandhabt wurde. Hier arbeitete er als Gehilfe in der sozialdemokratischen Buchhandlung der Firma Schmalfeldt und Co.

Die Tochter Helene besuchte nach Beendigung der Volksschule die Handelsschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre, danach arbeitete sie als Buchhalterin. Es war ein Berufsleben, das für ein Mädchen aus Arbeiterkreisen damals alles andere als typisch war. Die meisten ihrer Altersgenossinnen aus proletarischem Elternhaus arbeiteten als Dienstmädchen oder als ungelernte Fabrikarbeiterinnen. Bei ihrem familiären Hintergrund nicht überraschend, engagierte sie sich – ab 1907 – in der Sozialdemokratischen Partei, zunächst in der Arbeiterjugend, da Frauen erst 1908 die Mitgliedschaft in Parteien erlaubt wurde. Bereits mit 23 Jahren wurde die aktive junge Genossin zur Beisitzerin in den Vorstand des Sozialdemokratischen Vereins Bremen gewählt – als erste Frau in diesem Gremium. Von 1912 bis 1914 übte sie diese Funktion aus. Sie gehörte im Spektrum der verschiedenen politischen Richtungen, die das Bild der damaligen SPD bestimmten, zur Parteilinken, die in Bremen besonders stark vertreten war. Auf dem Parteitag in Jena im Jahre 1913, wohin die Bremer Partei sie als eine von sechs Delegierten geschickt hatte, unterstützte sie einen Antrag von Rosa Luxemburg gegen den Parteivorstand, in dem ein kämpferischeres Vorgehen der Partei, das auch außerparlamentarische Massenaktionen einbeziehen sollte, verlangt wurde. 1917 wurde sie Mitglied der neu gegründeten USPD,[1] die sich von der SPD abgespalten hatte, weil sie deren kriegsunterstützende Politik nicht mehr mittragen wollte.

Sie hatte zwischenzeitlich – am 1.5.1916 – den gelernten Stuckateur und derzeitigen Unteroffizier Wilhelm Kaisen aus Hamburg (1887-1979) geheiratet. Die beiden hatten sich im Winter 1913/14 auf der Parteischule in Berlin kennen gelernt, wohin er von der Hamburger SPD-Organisation, sie vom Bremer Sozialdemokratischen Verein geschickt worden war. Sie gehörte zu den jüngsten unter den teilnehmenden Personen und war zudem die einzige Frau. Dass die beiden sich ineinander verliebten und beieinander blieben, zeigt, dass Gefühle stärker sind als politische Loyalitäten; denn Wilhelm K. gehörte anders als seine Frau zur Parteirechten. Er hat die Abspaltung der USPD verurteilt und die Hinwendung seiner Frau zu dieser Partei nicht gebilligt.

Sie war von Beginn des 1.Weltkrieges bis Ende 1916 im Rahmen des Zentralen Hilfsausschusses vom Roten Kreuz stark in die Kriegsfürsorge eingespannt. Als stellvertretende Leiterin einer der vom Roten Kreuz eingerichteten Abteilungen Fürsorge für die Familien zum Militärdienst Eingezogener und anderer Hilfsbedürftiger erlebte sie täglich die große Not vieler Bremer Arbeiterfamilien. Diese physisch und psychisch äußerst belastende Arbeit, der Kampf gegen die zunehmende Versorgungsnot, die Sorge um den alten Vater, dazu ihre weiterhin engagierte politische Tätigkeit – all dieses zehrten an ihren Kräften, was nicht ohne Folgen für ihre Gesundheit blieb. Als Rednerin in öffentlichen Versammlungen zur Ernährungsfrage geißelte sie in scharfen Worten die Ungerechtigkeit des bestehenden Klassensystems, wonach Arbeiterfamilien bei der Verteilung der Lebensmittel gegenüber gutbürgerlichen Familien erheblich benachteiligt waren. Ende 1916 zog sie sich wie andere Bremer Sozialdemokratinnen aus der Arbeit mit dem Roten Kreuz zurück, weil ihr die bürgerlichen Damen dort zu arrogant auftraten und kein echtes Verständnis für die existierenden sozialen Probleme hatten. Sie nahm eine Stelle als Buchhalterin auf der Norddeutschen Hütte an, war aber weiterhin parteipolitisch und im sozialen Bereich tätig. Sie richtete Strick- und Nähabende für Arbeiterfrauen ein, die sie auch zur politischen Agitation nutzte. Im Dezember 1916 wurde sie zusammen mit dem Vertreter der oppositionellen SPD-Jugend „Junge Garde“ in die Jugendkommission des Sozialdemokratischen Vereins Bremen gewählt.

Wilhelm K. kehrte heil aus dem Krieg zurück, ging zuerst wieder nach Hamburg und zog im Juni 1919 zu seiner Frau nach Bremen. Das Ehepaar lebte jetzt zum ersten Mals mit dem 1918 geborenen Sohn Niels als Familie zusammen in der Wohnung in der Münchener Straße in Findorff, in der sie mit ihrem Vater, dem sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter den Haushalt führte, bereits seit zehn Jahren wohnte. Wilhelm K. wurde Redakteur beim Bremer Volksblatt, dem Organ der Mehrheitssozialisten, von wo aus er die linke USPD bekämpfte. Sie zog sich politisch weitgehend zurück. Nicht sie ging in die Bürgerschaft, obgleich das Frauenstimmrecht, für das sie so lange gekämpft hatte, endlich Realität geworden war, sondern ihr Mann. Er war von 1920 bis 1928 Abgeordneter und wurde 1928 zum Senator für Wohlfahrt gewählt. Sie wurde „die Frau an seiner Seite“, die sich um den Haushalt, zu dem die vier Kinder – Niels, Franz, Ilse und Ingeborg – und ihr Vater gehörten, kümmerte. Innerhalb der Partei war sie noch in der SPD-Frauengruppe aktiv. Und in den Wahlkämpfen 1932/33 trat sie als Rednerin gegen das drohende weitere Erstarken der Nationalsozialisten auf.

Nachdem diese auch in Bremen das Ruder übernommen hatten und ihr Ehemann im März 1933 aus dem Senat ausgeschieden war, änderte sich ihr Leben von Grund auf: Aus einer Stadtfrau wurde eine Landfrau. Denn Wilhelm K. hatte, um der ständigen Beobachtung durch die Nazis und politischen Anfeindungen von Nachbarn zu entgehen und um sich und seiner Familie eine neue Existenz aufzubauen, eine staatlich geförderte landwirtschaftliche Siedlerstelle am Stadtrand, in dem noch sehr dörflich geprägten Borgfeld erworben. In das neu errichtete bescheidene Haus zog die Familie im Dezember 1933 – ein Umzug, der ihr schwer fiel. Der erste Eindruck war wenig erfreulich gewesen, die neue Umgebung wirkte öd und leer. Das Leben auf der Siedlerstelle war hart: statt Zentralheizung wie im Haus in Findorff gab es Ofenheizung, die Wasserverhältnisse waren katastrophal, denn bis Ende der 50er Jahre gab es keine städtische Wasserleitung.[2] Sie gewöhnte sich allmählich an das Leben auf einer Bauernstelle und lernte deren nahrhafte Erzeugnisse, die sich auch verkaufen ließen, zu schätzen. Während er NS-Zeit lebte die Familie sehr zurückgezogen. Im März 1942 mussten sie mit der traurigen Nachricht fertig werden, dass Niels, der älteste Sohn, auf der Krim gefallen war. Die Wohnverhältnisse in dem Siedlerhaus wurden sehr eng und damit die häusliche Arbeit für Helene K. noch beschwerlicher, als Angehörige von Wilhelms Schwester bei ihnen Unterschlupf suchten.

Nach Kriegsende blieb die Familie auf dem Land wohnen, auch nachdem Wilhelm K. am 1.8.1945 Präsident des Senats geworden war. Während der zwanzig Jahre, in denen er an der Spitze der bremischen Politik stand, hielt seine Frau ihm den Rücken von Alltagssorgen frei. Er sagte im Juni 1965 nach seinem Ausscheiden aus der Politik in einem Interview, er sei stets überzeugt gewesen, dass seine Frau nach Begabung und Wissen eine hervorragende Politikerin abgegeben hätte. „Aber einer von uns beiden konnte nur öffentlich tätig sein.“[3] Auch wenn sie in seinem Schatten stand, so war das, was Helene leistete, für ihren Mann von unschätzbarem Wert. Nicht nur war sie seine wichtigste – auch kritischste – politische Gesprächspartnerin und, was sie nicht sehr schätzte, Begleiterin bei offiziellen Anlässen, sondern in ganz besonderer Weise entlastete sie ihn dadurch, „dass sie in all den Jahren als `Kummerkasten` für Hilfesuchende zur Verfügung“ stand.“[4] Sie empfing zahlreiche Menschen, die sich mit Sorgen und Nöten an den Bürgermeister wenden wollten, bei sich zu Hause in Borgfeld, hörte sich ihre Probleme an und versuchte zu helfen. Dieses „unsichtbare“ Wirken trug erheblich zu Kaisens Popularität bei, wurde aber „draußen“ kaum zur Kenntnis genommen.

Als politisch denkende Frau fühlte sie sich nach dem Ende der Nazi-Herrschaft trotz aller Belastung aufgerufen, bei der Aktivierung von Frauen für den Aufbau eines neuen demokratischen Bremen mitzuwirken. So arbeitete sie, soweit es ihre Zeit zuließ, in dem 1946 gegründeten überparteilichen Bremer Frauenausschuss mit und versuchte in Gesprächen und Presseartikeln, Bremerinnen von der Wichtigkeit der Mitarbeit von Frauen zu überzeugen. Eine wichtige Rolle spielte sie im Zusammenhang mit der Gründung des Nachbarschaftshauses am Ohlenhof in Gröpelingen – heute Nachbarschaftshaus „Helene Kaisen“. Es war mit dem neuen sozialpolitischen Konzept eines „offenen Hauses“ das erste Bürgerhaus in Bremen. Mit Hilfe des Sozialwerks des amerikanischen Unitarian Service Committee (USC), und einer Spende der Henry-Ford-Foundation wurde es geplant und im Mai 1952 in gemeinsamer Trägerschaft von USC und AWO eröffnet. Helene K. war von 1951 bis 1964 Vorsitzende des Trägervereins Nachbarschaftshaus Bremen e.V. und nahm in dieser Eigenschaft nachhaltigen Einfluss auf die Arbeit dieser sozialen Einrichtung.

Seit Mitte der 60er Jahre stand es um ihre Gesundheit nicht zum Besten; sie war sehr erschöpft. Da war es gut, dass sich ihr Ehemann nach seinem Rücktritt als Präsident des Senats 1965 zusammen mit den Kindern Ilse, Franz und der in der Nachbarschaft wohnenden Inge – endlich mehr um sie kümmern konnte. Er war sich durchaus bewusst, welchen erheblichen Anteil sie an seiner Karriere gehabt hatte.

Helene Kaisen starb im Alter von 84 Jahren zu Hause im Kreis der Familie.

Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

Im April 1978 wurde ein Rettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger auf den Namen „Wilhelm Kaisen“ getauft und das Beiboot auf „Helene“.

Ein Kinder- und Jugendwohnheim in Bremerhaven wurde 1979 nach ihr benannt.

Die Verbindung zwischen Delmestraße und Meyerstraße in der Neustadt erhielt 1980 den Namen Helene-Kaisen-Weg.

Die Wilhelm und Helene Kaisen Stiftung unterhält und betreibt die Dokumentations- und Gedenkstätte Wilhelm und Helene Kaisen im Wohnhaus und der umgebauten Scheune auf dem ehemaligen Kaisen-Anwesen Rethfeldsfleet 9A Bremen-Borgfeld.

Anmerkungen:
[1] Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands.
[2] Einen anschaulichen Bericht über das neue Dasein liefert Tochter Ilse Kaisen in dem Bändchen „Unser Leben in Borgfeld“.
[3] StAB 7,97-8 (Bestand Kaisen, Wilhelm und Helene).
[4] Sommer, Wilhelm Kaisen, S.477.

Literatur und Quellen:
Kaisen, Ilse: Unser Leben in Borgfeld, Bremen 2003.
Kaisen, Wilhelm: Meine Arbeit, mein Leben, München, 1969.
Lucas, Erhard: Die Sozialdemokratie in Bremen während des Ersten Weltkrieges, Bremen 1969.
Marßolek, Inge: Liebe und Politik im ersten Weltkrieg. Der Briefwechsel Helene und Wilhelm Kaisen, in: Grüttner, Michael u.a. (Hrsg.): Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürüp, Frankfurt/New York 1999.
Meyer-Braun, Renate: Wilhelm Kaisen, in: Mühlhausen, Walter/Regin, Cornelia (Hrsg.): Treuhänder, Melsungen 1990, S.163-180.
Moring, Karl-Ernst: Die Sozialdemokratische Partei in Bremen1890-1914, Hannover 1968.
Müller, Hartmut (Hrsg.): Begegnungen mit Wilhelm Kaisen, Bremen 1980.
Müller, Hartmut: „Wieder einmal habe ich vergessen, dass ich nur eine Frau bin“. Frauenalltag zwischen Politik und Liebe – Helene Kaisen im Ersten Weltkrieg, in: Bremisches Jahrbuch 85, Bremen 2006.
Sommer, Karl-Ludwig: Wilhelm Kaisen. Eine politische Biographie, Bonn 2000.
StAB 7,97/0-6 Bestand Kaisen, Wilhelm und Helene.
StAB 9,S Person Helene Kaisen, Zeitungsausschnitts Sammlung.
Informationen von Dr. Hartmut Müller, Mitglied des Vorstands der Wilhelm und Helene Kaisen Stiftung.

Renate Meyer-Braun