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Popall, Käthe, geb. Fürst

15.2.1907 in Bremen – 23.5.1984 in Bremen

Käthe war die Tochter eines Handwerkers, sie wuchs mit fünf Geschwistern in einem Bremer Arbeiterhaushalt auf. Sie legte eine Lehre beim Konsumentenverein Vorwärts ab und war zunächst Angestellte des Vereins.

1922 trat sie in die Sozialistische Arbeiterjugend, später in die SPD ein. Sie arbeitete in der Bremer Jutespinnerei und –weberei und engagierte sich dort im Betriebsrat. 1928 wechselte sie mit ihrem ersten Ehemann, Hans Lübeck, über zum Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Nachdem sie 1929 arbeitslos geworden war, wurde sie Angestellte und 1930 Betriebsrätin bei der Jute-Spinnerei und –weberei Bremen. Im KJVD lernte sie Hans Lübeck kennen. Nach der Heirat wurde sie Ende 1930 mit 23 Jahren für die KPD für nur wenige Monate in die Bremische Bürgerschaft gewählt,[1] sie legte ihr Mandat aber bereits am 20.März 1931 nieder, da sie von ihrer Partei außerhalb Bremens eingesetzt wurde.[2] Die Machtübernahme Hitlers erlebte sie 1933 in Moskau auf einem Lehrgang der Lenin-Schule. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland lebte sie als Widerstandskämpferin in der Illegalität, vorwiegend in Berlin. Sie wurde 1935 Mitglied der ersten operativen Landesleitung der KPD in Berlin.

Am 27.3.1935 wurde sie zusammen mit Robert Stamm, Adolf Rembte, Max Maddalena und Walter Griesbach verhaftet. Gestapo-Haft, Untersuchungsgefängnis in Moabit, Verhöre: nach zweieinviertel Jahren Einzelhaft wurde ihr der Prozess gemacht. Die Anklage lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat im In- und Ausland“. Während ihre Mitangeklagten Rembte und Stamm zum Tode verurteilt wurden, Maddalena zu lebenslänglich, Griesbach zu fünfzehn Jahren, erhielt Käthe eine 12jährige Zuchthausstrafe. Ihr Mann hatte 1935 kurz nach ihrer Verhaftung die Scheidung eingereicht. Sie saß die Haft – größtenteils in Einzelhaft – zunächst 1937 im Frauenzuchthaus Lübeck-Lauerhof ab, dann ab Mitte 1941 im schlesischen Lager Jauer. Nach sieben Jahren gelang es ihr, in ein Außenlager in Grünberg/Schlesien zu kommen, von dort aus wurde sie strafversetzt in das Lager Schweidnitz/Schlesien. Im Februar 1945 wurde sie mit den Mithäftlingen auf Evakuierungsmarsch von Osten nach Westen geschickt. Nach sechs Wochen kamen die Überlebenden im Zuchthaus Waldheim bei Leipzig an, wo gerade die Erschießung aller politischen Gefangenen vorbereitet wurde.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 machte sie sich auf den mühsamen Fußmarsch in ihre Heimatstadt Bremen, wo sie im Juni ankam und sich sofort im Parteibüro der KPD meldete. Auf dem Weg nach Bremen lernte Käthe L. ihren zweiten Mann, Reinhold Popall, kennen, der – ebenfalls KPD-Mitglied – zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, wovon er sieben Jahre in Einzelhaft verbrachte. Sie beschlossen, gemeinsam ein neues Leben aufzubauen; 1946 heirateten sie.

Mit anderen ehemaligen politischen Gefangenen und in Zusammenarbeit mit der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“ begann sie bald, in allen Stadtteilen Veranstaltungen zu organisieren, um die Bevölkerung über den Faschismus aufzuklären und Wege aufzuzeigen, wie man ihn in Zukunft verhindern kann. Die Militärregierung jedoch – zuerst die Engländer, dann die Amerikaner – löste bald die Versammlungen auf.

Nachdem die Besatzungsmacht die politischen Parteien wieder zugelassen hatte, wurde sie als Vertreterin der KPD in die von der Militärregierung eingesetzte Bürgerschaft geschickt; erst nach den Wahlen im Oktober 1946 arbeitete sie im Parlament als gewählte Volksvertreterin für die KPD. Als sie am 18.7.1946 ihre Jungfernrede zu „Fragen der sittlichen und körperlichen Gefährdung der weiblichen Jugend“ hielt, war sie die erste Frau, die nach Kriegsende in der Bürgerschaft zu Wort kam. Folge dieser Rede war, dass Christian Paulmann (SPD) sie für das Amt des „Senators für das Gesundheitswesen“ vorschlug. Damit wurde sie die erste Frau, die je im Bremer Senat mitarbeiten konnte. Sie setzt sich u.a. für eine Reform des § 218 StGB zum Schwangerschaftsabbruch und für die Medizinische Indikation ein. Aber die Weigerung der Ärzteschaft – angeführt vom Präsidenten des Gesundheitsamtes Dr. Stade und unterstützt von der Militärregierung – mit ihr als Frau und Kommunistin zusammenzuarbeiten, bewog schließlich den Präsidenten des Senats, Wilhelm Kaisen, ihr im Ressort Wohlfahrtspflege das Flüchtlingswesen und das Amt für Wiedergutmachung zu übertragen. Als Flüchtlingssenatorin bewirkte sie eine schnellere Unterbringung dieser Personengruppe.

Während ihrer Haft hatte sie sich – wie fast alle politischen Gefangenen der KPD und SPD – geschworen, nach Kriegsende alle Kräfte dafür einzusetzen, dass es nie wieder zur Spaltung der Arbeiterbewegung kommen sollte. Deshalb engagierte sie sich mit Frauen wie Anna Stiegler, Agnes Heineken, Anna Klara Fischer, Irmgard Enderle und Dora Lange und gründete den Bremer Frauenausschuss, ein gesellschaftlich anerkannter, überparteilicher und überkonfessioneller Dachverband von Frauenorganisationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Landes Bremen. Bis 1951 war Käthe Popall aktiv im geschäftsführenden Vorstand. Außerdem gründeten sie die Frauengilde der Konsumgenossenschaft.

Seit Beginn des „Kalten Krieges“ im Herbst 1946 wurde die Mitarbeit von Kommunisten im westdeutschen politischen System zunehmend schwieriger. So weigerte sich in Bremen nach den Bürgerschaftswahlen 1947 die Demokratische Volkspartei (spätere FDP), im Senat weiterhin mit Vertretern der KPD zusammenzuarbeiten; auch die SPD erneuerte nicht die Senatskoalition mit den Kommunisten. Die KPD lehnte es ihrerseits ab, wirtschaftlichen Hilfen aus den USA (dem späteren Marshallplan) zuzustimmen, da diese „Hilfen“ die Westzone zwangsläufig an den nunmehr „antikommunistischen“ Westen binden würden. Die neue weltpolitische Konstellation beendete folglich Käthe Popalls Senatorinnen-Tätigkeit. Ab Januar 1948 arbeitete sie wieder als einfache Abgeordnete in der Bürgerschaft.

Der „Kalte Krieg“ führte aber auch zu einer zunehmenden Stalinisierung der KPD. Mitglieder, die Kritik an dieser Politik übten, wurden ausgeschlossen, so auch der ehemalige Werftarbeiter und Betriebsrat der AG Weser, Reinhold Popall, im Februar 1952. Käthe Popall wurde von ihrer Partei vor die Alternative gestellt, sich entweder von ihrem Mann zu trennen oder ebenfalls die KPD zu verlassen. Sie arbeitete zwar weiterhin noch mit in der Partei, aber nach dem Parteiverfahren hatte sie keinen Boden mehr unter den Füßen; 1956 gab sie ihr Parteibuch zurück. Die Popalls zogen 1967 – nach Abschluss der Ausbildung ihres Adoptivsohnes – in den kleinen Ort Ottweiler im Saarland. Dort wurde sie in der Arbeiterwohlfahrt aktiv und fand Gleichgesinnte bei den „Naturfreunden“. 1981 starb Reinhold Popall.

Abgeschnitten von ihrer politischen Geschichte begann sie etwa seit Mitte der 70er Jahre – in schmerzhafter Erinnerungsarbeit – ihre politische Biographie aufzuschreiben,[3] und seit Anfang der 80er Jahre ausführlicher in Interviews mündlich zu erzählen.[4]

Anfang 1984 kehrte sie – schon von schwerer Krankheit gezeichnet – in ihre Heimatstadt Bremen zurück. Am 1.3. richtete sie sich zum dritten Mal in ihrem Leben eine Wohnung in Bremen ein. Wenige Wochen später starb sie an Lungenkrebs.

In der Bremer Neustadt wurde 1993 die Käthe-Popall-Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen:
[1] Lübeck, Käthe. In: Weber, Hermann/Herbst, Andreas, S.469 f.
[2] Andersen, Arne, S.347.
[3] Elling S.150ff.
[4] Popall, 1985.

Literatur und Quellen:
Andersen, Arne: „Lieber im Feuer der Revolution sterben, als auf dem Misthaufen der Demokratie verrecken!“ Die KPD in Bremen von 1928-1933. Ein Beitrag zur Bremer Sozialgeschichte, München 1987.
Buck, Inge: Käthe Popall. Bremens erste Senatorin, in: Behrens, Verena/Menger, Gisela (Hrsg.): Starke Frauen Frauen – radikal sozial und demokratisch. Ein Dialog mit 150 Jahren Bremer Geschichte, Bremen 2014, S.133-155.
Buck, Inge: Käthe Popall, in: Meyer-Braun, Renate (Hrsg.): Frauen ins Parlamen. Porträts weiblicher Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft, Bremen 1991, S.192-215.
Elling, Hanna: Frauen im deutschen Widerstand 1933-1945, Frankfurt 1978.
Popall, Käthe, in: Alheit, Peter/Wollenberg, Jörg(Hrsg.): Ein schwieriges politisches Leben, Fischerhude 1985.
Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918-2004, Berlin 2004.

Inge Buck