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Sattler, Meta Henriette

11.3.1867 in Bremen – 15.3.1958 in Bremen

Meta, Tochter des Gymnasialprofessors Dr. Wilhelm Ferdinand Sattler und der Bremer Arzttochter Sophie Marie Wilhelmine Wilckens (1838 – 1886), wurde durch ihre Tante Henny Sattler motiviert, aus der Rolle der Ehekandidatin aus gutem Hause herauszutreten und sich zur Kindergärtnerin ausbilden zu lassen. Doch das „Tochterschicksal“ ereilte sie trotzdem: nach dem frühen Tod der Mutter musste sie mit 19 Jahren die Führung des elterlichen Haushalts übernehmen. Während eines Aufenthaltes in Florenz fasste sie 1891 den Entschluss, Sprachlehrerin zu werden – eine standesgemäße Beschäftigung, der sich auch Vater und Tante widmeten. Das soziale Engagement, das ebenfalls in der Familie vorgezeichnet war, bildete dann aber doch die stärkere Herausforderung. Der Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein Bremen veranstaltete im Jahre 1896 eine Vortragsreihe mit Rednerinnen der Frauenbewegung. Unter anderen sprach Jeanette Schwerin aus Berlin zum Thema „Armenpflege“. Ebenso stark beeindruckt wurde Meta S. auch von einer Vortragsreihe des evangelischen Sozialpolitikers Friedrich Naumann, und so beschloss die 30jährige, sich ganz der sozialen Arbeit zuzuwenden.

Mit den Kursen der „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“, die Jeanette Schwerin und Alice Salomon in Berlin aufgebaut hatten, bestand, aus der Frauenbewegung heraus entwickelt, bereits eine Möglichkeit zur Ausbildung für eine solche Tätigkeit, die sie auch nutzte. Sie fand ihren Wirkungskreis in der 1897 in Bremen gegründeten „Auskunftsstelle für Wohltätigkeit“, zunächst als ehrenamtliche Geschäftsführerin und ab 1908 als stellvertretende Vorsitzende. Zweck des Vereins, an dessen Spitze stehend Senator Hildebrand öffentliche und private Armenpflege in seiner Person verband, waren Beratung der Hilfesuchenden und der Hilfswilligen, um die rechte Stelle für ihr Anliegen zu finden. Diesem Zweck diente auch ein Verzeichnis aller öffentlichen und privaten Wohlfahrtseinrichtungen Bremens, das 1899, 1910 und 1929 erschien. Autorin des Vorworts der zweiten und dritten Auflage war vermutlich Meta S., die die Gelegenheit nutzte, ihre Vorstellungen von Armenpflege, die auch die der Berliner Gründerinnen der Auskunftsstellen waren, in grundsätzlichen Ausführungen niederzulegen. Durch die Vernetzung aller städtischen, kirchlichen und privaten Hilfsorganisationen in der Auskunftsstelle sollten auch die Namen derer bekannt werden, die es verstanden, auf Kosten anderer Bedürftiger Nutzen aus vielen mildtätigen Institutionen zu ziehen. Außerdem half der Verein in Notlagen, wenn die Betroffenen durch die Maschen des sozialen Netzes fielen. Das galt vor allem für Frauen, an deren Geschick die Auskunftsstelle als Organ der Frauenbewegung besonderen Anteil nahm. Im Lauf der Jahre wurden die Unterabteilungen „Frauenarbeit“, „Frauenrechtsberatungsstelle“ und „Hauspflege“ eingerichtet. Außer dieser Tätigkeit widmete sie sich auch der Arbeit in der stadtbremischen Armenpflege, zu der Frauen vom Jahre 1900 an zugelassen wurden.

Im 1.Weltkrieg war sie im „Zentral-Hilfs-Ausschuß vom Roten Kreuz“ engagiert und leitete die „Abteilung für bedrängte Familien“, die sich der Kriegerfrauen annahm. Dieser Aufgabe blieb Meta Sattler treu, als sie 1919 als Abgeordnete der DDP in die Bremer Nationalversammlung einzog. Doch schon 1920 schied sie wieder aus dem Parlament aus, weil sie dort nicht das ihr angemessene Betätigungsfeld fand. Sie engagierte sich weiter in der Auskunftsstelle, ab 1920 „Zentrale für private Fürsorge“ genannt, und setzte sich vor allem für alte Menschen ein, die von keiner offiziellen Hilfsmaßnahme erfasst wurden. Die Auswirkungen der Inflation bekam sie am eigenen Leib zu spüren: nach dem Verlust ihres Vermögens sah sie sich gezwungen, ihren Lebensunterhalt aus ihrer Arbeit in der Fürsorge zu ziehen – ein Einschnitt, der ganz allgemein das Ende der privaten ehrenamtlichen Wohltätigkeit markiert.

Meta Sattler war es gegeben, mit Freundlichkeit und Vertrauen den Hilfesuchenden neuen Lebensmut einzuflößen, und half ihnen, das Gefühl des Verlassenseins zu überwinden, wie es die Gründerin Jeanette Schwerin als Zielvorstellung formuliert hatte.

„Gesunder Menschenverstand, Ideenreichtum und Energie, Klugheit und ein warmes Herz werden ihr im Nachruf der Bremer Nachrichten (BN 18.3.58) zugeschrieben. „Die Kraft ihrer Persönlichkeit versiegte bis ins hohe Alter nicht“, heißt es da weiter im Hinblick auf die erstaunliche Tatsache, dass sie bis zum 80.Lebensjahr als Stellvertreterin des damaligen Vorsitzenden Wilhelm Kaisen die Zentralstelle geleitet hatte, also ihrer Lebensaufgabe volle 50 Jahre treu geblieben war.

Im Bremer Stadtteil Utbremen sind eine Straße und eine Schule nach ihr benannt: Europaschule Schulzentrum Utbremen an der Meta-Sattler-Straße.

Literatur und Quellen:
Bremer Nachrichten 18.3.1958.
Lindemann, Marie, in: Bremische Biographie 1912-1962, Bremen 1969.
Meyer-Renschhausen, Elisabeth: Weibliche Kultur und soziale Arbeit. Eine Geschichte der Frauenbewegung am Beispiel Bremens 1810 – 1927, Köln/Wien 1989.
Sattler, Meta Henriette, Lebenserinnerungen, Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte.
Sattler, Meta: Familiengeschichte Sattler, Lebenserinnerungen, Bremen 1951, Brem.M.30.Sattler 01, 150508797X Focke-Museum.

Elisabeth Hannover-Drück