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Wencke, Sophie

29.7.1874 in Bremerhaven – 23.6.1963 in Worpswede

Sophie Wencke ist nicht nur die bedeutendste Bremerhavener Malerin, sondern auch die erste hier geborene Künstlerin, die sich in einer damals noch von Männern beherrschten Kunstszene erfolgreich durchsetzen und sogar ihre Familie finanziell unterstützen konnte.

Sie wurde als erstes Kind des Werftbesitzers Nicolaus Diedrich Wencke und dessen Frau Johanna Sophie geboren. Der Vater nahm die älteste Tochter für repräsentative Aufgaben im Familienunternehmen schon früh in die Pflicht. Im Alter von zehn Jahren taufte Sophie Wencke auf der Wencke-Werft 1884 den ersten deutschen Fischdampfer auf den Namen „SAGITTA“. Dieses Ereignis wirkte nachhaltig auf das junge Mädchen, dessen künstlerisches Talent schon früh erkannt und von den Eltern gefördert wurde. Unmittelbar nach ihrer Schulzeit in Bremerhaven begann sie 1891 mit der Ausbildung zur Kunstmalerin. Da Frauen der Zugang zu den Kunstakademien verwehrt war, nahm sie privaten Unterricht. Bereits 1893 hatte sie eine erste Ausstellung im Bremerhavener Kunstverein. Nach dem Studium bei bekannten Malern in Dresden und Berlin ließ sie sich ab Oktober 1898 in Worpswede nieder und wurde eine der wenigen Schülerinnen des damals bereits erfolgreichen Worpsweder Malers Otto Modersohn.

Kurz vor ihrem Umzug nach Worpswede nahm Sophie Wencke am 6.4.1898 in Bremerhaven auf der Tecklenborg-Werft am Stapellauf des Fracht- und Passagierdampfers „ASSYRIA“ für die Hamburg-Amerika-Linie teil. Das bis dahin größte an der Unterweser gebaute Schiff erregte großes Aufsehen. Auch Sophie Wencke war von dem Ereignis fasziniert und malte es anschließend. Das stimmungsvolle Gemälde vom Stapellauf der „ASSYRIA“ zählt zu den frühesten erhaltenen sowie stilistisch richtungsweisenden Werken der 24jährigen Künstlerin und zeigt ein für den Impressionismus ungewöhnliches Motiv.

Sophie Wencke lebte und arbeitete erst zwei Jahre in dem Künstlerdorf Worpswede, als sich in Bremerhaven eine Familientragödie anbahnte. Der Vater musste im Jahr 1900 Konkurs anmelden, da die Werft in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Aber nicht nur der Betrieb an der Geeste, sondern auch das repräsentative Wohnhaus am Alten Hafen musste aufgegeben werden. Dies war ein schwerer Schlag für die Unternehmerfamilie, die bis dahin einen großbürgerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Sophies 1876 geborener Bruder Friedrich Wilhelm Wencke, der ursprünglich die Werft übernehmen sollte, befand sich beim Militär, die 1879 geborene Schwester Clara, die ebenfalls eine künstlerische Ausbildung absolviert hatte, ging für zwei Jahre als Gesellschafterin nach England. Die gesundheitlich angeschlagenen Eltern verließen Bremerhaven und zogen nach Worpswede zu ihrer Tochter Sophie, die jetzt zum Unterhalt der Familie beitragen musste.

Sophie Wencke begann eine rege Ausstellungstätigkeit. Zusammen mit den Gründern der Worpsweder Malerkolonie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Heinrich Vogeler und Hans am Ende stellte sie ihre Gemälde in vielen Städten aus. Die junge Malerin wurde von den älteren Kollegen akzeptiert, und ihre Werke verkauften sich gut. Seit 1902 unterstützte ihre aus England zurückgekehrte Schwester Clara sie bei ihrer Ausstellungstätigkeit. Außerdem beauftragte Sophie Wencke Kunsthändler, die ihre Bilder ausstellten und verkauften. Darüber hinaus erzielte sie Einnahmen aus dem Vertrieb von Kunstpostkarten und Kunstdrucken, die beispielsweise bei dem bekannten Kunstverlag E.A. Seemann in Leipzig verlegt oder für den eigenen Kunstverlag gedruckt wurden. Auch diese weit verbreiteten Druckerzeugnisse sorgten dafür, dass die Künstlerin überregional bekannt wurde.

Nach dem Tod der Eltern im Winter 1909/10 bezog Sophie W. gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Clara im Jahr 1910 ein neu erbautes Wohn- und Atelierhaus in der Bergstraße in Worpswede. Clara Wencke, die kunsthandwerkliche Arbeiten herstellte, engagierte sich als Agentin der älteren Schwester. Sophie war eher introvertiert und arbeitete intensiv, Clara hingegen war kontaktfreudig und redegewandt. Gemeinsam bildeten sie ein erfolgreiches Team.

Im 1.Weltkrieg entschlossen sich die beiden Schwestern, ihre Fertigkeiten in der Porzellanmalerei in Selb zu perfektionieren. Von 1916 bis 1919 hielten sie sich in Bayern auf und arbeiteten in der Porzellanfabrik von Lorenz Hutschenreuther. Sophie W. malte auch dort viel und hatte zahlreiche Ausstellungen. 1919 heiratete sie im Alter von 44 Jahren den Hamburger Postdirektor Wilhelm Meinken, den sie seit ihrer Kindheit kannte und zog mit ihm und ihrer Schwester zunächst nach Hamburg, 1929 nach Bergedorf. Das Haus in Worpswede wurde jedoch beibehalten.

Auch nach ihrer Heirat setzte Sophie Wencke ihre Künstlerkarriere fort. Ihre bevorzugten Motive fand sie zeitlebens in der Umgebung von Worpswede. Torfkähne, Birken im Sturm und Moorkaten inspirierten sie immer wieder zu neuen Bildern. Auf ihren vielen Reisen in Deutschland und im Ausland (Italien, Schottland, Südtirol) entdeckte sie aber auch andere Motive und verarbeitete sie in Zeichnungen und Gemälden. Ihrem Malstil, der impressionistischen Landschaftsmalerei, blieb sie bis zu ihrem Lebensende treu. Schon in jungen Jahren gelang es ihr meisterhaft, Stimmungen in der Natur durch geschickte Lichtführung, Spiegelungen und intensive Farbigkeit einzufangen. Nach der Pensionierung ihres Mannes 1933 zog sie mit ihm und ihrer Schwester endgültig nach Worpswede zurück. Die große Zeit der Worpsweder Landschaftsmalerei war nach dem 2.Weltkrieg jedoch vorbei, so dass ihre Werke an Bedeutung verloren. Sie verstarb im Alter von 88 Jahren und wurde im Familiengrab der Wenckes in Bremerhaven-Lehe beigesetzt.

Literatur und Quellen:
Anja Benscheidt/Alfred Kube: Die Landschaftsmalerin Sophie Wencke. Von der Bremerhavener Wencke-Werft nach Worpswede, Bremerhaven 2008.

Anja Benscheidt