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Lilienthal, Inge

18.1.1925 in Bremen – 21.7.2011 in Bremen

Inge Lilienthal, eine lebenslang vielfältig in Gewerkschaft (IGM) und Partei (SPD) engagierte Arbeiterin, wurde 1925 geboren und wuchs vaterlos als Inge Blumenröther bei Pflegeeltern in Bremen auf. “Meine Mutter war eine sehr selbständige Frau, die ihr Leben so einrichtete, wie es ihr gefiel.“[1] Inges prägende Kindheits- und Jugendjahre fielen in die 2. Hälfte der von politischen und ökonomischen Krisen gebeutelten Weimarer Republik, in die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Stark beeinflusst wurde sie in dieser Zeit „durch  Onkel und Tante, langjährige und überzeugte SPD-Mitglieder. Ihre Überzeugung habe ich zunächst unkritisch, später sehr bewusst übernommen.“ Die Mutter sympathisierte mit den Kommunisten und der DDR: „An ihr habe ich mich politisch gerieben und viel dabei gelernt.“  Eine gewisse „Aufmüpfigkeit“, die sie sich einmal zuschrieb, mag dem mütterlichen Erbe, aber auch einem grundsätzlichen Oppositionsgeist in der Pflegefamilie zu Schulden gewesen sein. Da sie offenbar eine intelligente und fleißige Schülerin war, konnte sie nach der vierjährigen Grundschule in ein Gymnasium übergehen, die spätere (ab 1938) „Oberschule für Mädchen an der Kleinen Helle“, die sie aber nach fünf Jahren verließ. Eine Berufsausbildung gab es danach nicht – mit 17 heiratete sie Hermann Lilienthal (gestorben 1975) und wurde Mutter einer Tochter. Damit entsprach sie dem Nazi-Ideal der deutschen Frau, der allein die Rolle als Hausfrau und Mutter zugedacht war. Faktisch war sie bis 1947 Alleinerziehende; in diesem Jahr kam Hermann krank aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

1949 – die Tochter war schulpflichtig geworden – trat sie in die SPD ein und wurde gleichzeitig, was für soziale Fragen aufgeschlossene und kulturell interessierte Neumitglieder damals fast selbstverständlich war, Mitglied der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Büchergilde Gutenberg. Im selben Jahr begann sie bei der „Norddeutschen Mende-Rundfunk GmbH“ (kurz: „Nordmende“) eine Tätigkeit als Heimarbeiterin mit einem selbst ausgerechneten durchschnittlichen Stundenlohn von 79 Pfennigen. Die Firma hatte gerade zwei Jahre vorher mit 18 Mitarbeitern angefangen, expandierte bis 1950 auf etwa 700, bis 1970 auf ca. 6000 Beschäftigte, wozu vor allem die Fertigung von Fernsehgeräten und ein hoher Exportanteil beitrug.[2] Der weitaus größte Teil der Arbeitnehmer waren angelernte Frauen. Inge Lilienthal blieb hier, nachdem sie 1952 in ein Dauerarbeitsverhältnis als Spulenwicklerin und Bandhilfe übernommen worden war, bis zu ihrem letzten Arbeitstag am 18. Mai 1984.

Schon als Heimarbeiterin hat sich Inge Lilienthal aufgrund eigener Erfahrungen und nach Beobachtungen von Missständen und Ungerechtigkeiten an den Betriebsrat gewandt und bei dieser Gelegenheit feststellen müssen, dass dieser von der Existenz der Heimarbeiterinnen nichts wusste. Da war es nur folgerichtig, dass sie – auch begünstigt durch die in Bremen traditionell enge Verflechtung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften – 1950 in die IG Metall (IGM) eintrat. Fortan blieb sie aktive Gewerkschafterin, was ihr Leben nicht gerade erleichterte, mußte sie sich doch in einer reinen Männerorganisation durchsetzen. Allerdings konnte man sie schließlich als Belegschaftsvertreterin eines Großbetriebes mit ganz überwiegend weiblichen Beschäftigten nicht mehr übersehen.

In der IGM durchlief sie rasch verschiedene Stufen: Angefangen als Vertrauensfrau, wurde sie schon 1955 als Vorsitzende der IGM-Frauenausschusses Mitglied der Ortsverwaltung, mehrfach zu Gewerkschaftstagen delegiert, Mitglied der Tarifkommission und der Vertreterversammlung und schließlich – gleichsam als krönender Abschluss – 1982  Delegierte zum DGB-Bundeskongress in Berlin. Bei der AOK und der Landesversicherungsanstalt Oldenburg/Bremen engagierte sie sich als Versichertenvertreterin und Mitglied der Selbstverwaltungsorgane; hier kümmerte sie sich vor allem um eine Verbesserung der Vorsorge für berufstätige Frauen  und den Ausbau von bürgernahen Auskunfts- und Beratungsdiensten. Im Betrieb selbst war sie von 1956 bis 1984 überwiegend freigestelltes Betriebsratsmitglied, davon drei Wahlperioden als Vorsitzende, sonst stellvertretende Vorsitzende. In all diesen Funktionen galt ihr Hauptaugenmerk der Verbesserung der Situation berufstätiger Frauen: sie kämpfte für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit, für die Abschaffung  der unteren Lohngruppen, für die Verbesserung des Mutterschutzes – und gegen alle Vorstellungen der Frau als „Doppelverdienerin“ und von Frauen als „Reservearmee“ des Arbeitsmarktes. Die ganzen möglichen Konflikte in der Arbeitswelt lernte sie als Arbeitsrichterin der 1. und 2. Instanz von 1958 bis 1986 kennen. Gewiss zu den Höhepunkten ihrer öffentlichen Wirksamkeit gehörte 1973 die Gelegenheit, in der Zeitschrift „Stern“ unter der Überschrift „Frauen im Beruf. Arbeiten und kuschen“ die schlechtere Bezahlung  der Frauen bei Nordmende zur Sprache zu bringen[3]. Dazu gehörten auch ihre Auftritte als „IG-Metallerin“ neben den Hauptrednern am 1. Mai, so 1975 in Achim neben dem Bremer  Bürgermeister Hans Koschnick. Hier sagte sie zum „Jahr der Frau“ beispielsweise: „Ich wünsche mir zum 1. Mai, dass wir kein Jahr der Frau mehr brauchen, sondern durch gemeinsame Solidarität erreichen, worüber heute so viel gesprochen wird.“[4] Und so zuletzt auch 1980 auf dem Domshof neben Detlef Hensche, dem Vorsitzenden der IG Druck und Papier.[5]

„Gewerkschaft ist Pflicht, für die Partei kannst du dich freiwillig entscheiden“, sagte Inge Lilienthal zu ihrer Tochter, als diese berufstätig wurde. Für die Partei hatte Inge selbst sich als erstes entschieden. Hier engagierte sie sich mit der Kraft, die ihr die  Gewerkschaftsarbeit noch ließ. Über 20 Jahre lang war sie Mitglied der Deputation für Jugendhilfe, die längste Zeit unter dem Vorsitz der zuständigen Senatorin Annemarie Mevissen. 1968 und 1970 wurde sie als Gastdelegierte bzw. ordentliche Delegierte zu den Bundesparteitagen in Nürnberg und Saarbrücken gewählt; 1969 errang sie Platz 7 auf der Landesliste der Partei für die Bundestagswahl.[6]

Am 2. Juli 1984 – sechs Wochen nach ihrem letzten Arbeitstag bei Nordmende – wurde Inge Lilienthal in der Güldenkammer des Rathauses vom Präsidenten des Senats, Bürgermeister Koschnick, der Verdienstorden 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland überreicht.[7] Ihre Gewerkschaftsarbeit, nun mit dem Schwerpunkt Seniorenbetreuung, setzte sie viele Jahre fort. Am 21. Juli 2011 starb die Arbeiterin Inge Lilienthal im Alter von 86 Jahren in Bremen.

Klaus auf dem Garten, August 2018 

Literatur:
Beate Hoecker: Frauenerwerbsarbeit in den Nachkriegsjahren, in: Beate Hoecker / Renate Meyer-Braun, Bremerinnen bewältigen die Nachkriegszeit, Bremen 1988 (S. 86 – 106).
Arne Andersen / Uwe Kiupel, IG Metall in Bremen. Die ersten 100 Jahre, Bremen 1991, Abschnitt „Frauen in einer Arbeitergewerkschaft“ (S. 121 -128)

Anmerkungen:
[1] Alle anlässlich von Interviews gemachten Äußerungen Inge Lilienthals sind entnommen dem Artikel „Inge Lilienthal“ in den “Mitteilungen für Frauen“ der IGM, Nr. 3-4, 1982.
[2] Vgl.  Barfuß/Müller/Tilgner (Hg.), Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005, Bremen 2008, Bd. 1, S.431. Die Firma ging ab 1977 sukzessive an den französischen Konzern Thomson-Brand, die Produktion in Bremen wurde Ende der 90er Jahre eingestellt.
[3] Vgl. Andersen/ Kiupel, IG Metall in Bremen. Die ersten hundert Jahre, Bremen 1999, S. 126
[4] Weser-Kurier vom 3./4. Mai 1975
[5] Weser- Kurier vom 3./4. Mai 1980
[6] Die Landesliste enthielt 10 Plätze, darunter zwei Frauen. In den Bundestag gewählt für die Bremer SPD wurden drei Männer. Vgl. Weser-Kurier vom 17. März 1969.
[7] Siehe STAB 4,63-1 Inge Lilienthal. Hier auch ausführliche, eigenhändige biographische Daten.