Artikel

Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsverein

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts begannen bürgerliche Frauen verstärkt die Frage zu diskutieren, wovon sie leben sollten, falls sie nicht heirateten, also das Einkommen eines Ehemanns einen lebenslangen, angemessenen und standesgemäßen Unterhalt nicht garantierte. Zwar arbeiteten ledige oder verwitwete Frauen in vielen Berufen, doch weder von staatlicher noch privater Seite standen Frauen erwerbsorientierte Ausbildungen zur Verfügung. Ausnahmen bildeten die privaten Lehrerinnenseminare, die oft auch von Frauen geleitet wurden. Diese Schulvorsteherinnen und ihre Lehrkräfte lebten vom Schulgeld ihrer Schülerinnen. Das Fehlen von Ausbildungen wurde mit der Bestimmung der Frau als Ehefrau und Mutter begründet, die gesellschaftliche Situation völlig ignorierend: 1867 waren von den Frauen in Bremen im Alter zwischen 16 und 50 Jahren nicht einmal die Hälfte verheiratet. Ähnlich sah es in Preußen bzw. später in ganz Deutschland aus.[1] Erwerbsarbeit galt als unschicklich für die bürgerliche Frau und hatte niedrige Löhne zur Folge.

In Bremen hatte seit Januar 1867 der „Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebietes“ sein segensreiches Wirken entfaltet, gegründet von Marie Mindermann (1808 in Bremen – 1882 ebd.) und Ottilie Hoffmann (1835 in Bremen – 1925 ebd.) mit maßgeblicher Beteiligung des Sozialpolitikers und Publizisten sowie Redakteurs des Bremer Handelsblattes August Lammers (1831 in Lüneburg – 1892 in Bremen), der die nötigen Kontakte und die Unterstützung von Bremer Honoratioren herstellte. Louise Otto (1819 in Meißen – 1895 in Leipzig), 1865 Gründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ADF in Berlin, hatte Marie Mindermann aufgefordert.

„Wir begannen frohgemut unsere Arbeit mit Gründung einer Fortbildungsschule für den kaufmännischen Beruf; – einer Nähschule und einer Stellenvermittlung. – Der Erfolg war uns selbst überraschend.“[2]

Diese sehr gut besuchten ersten Einrichtungen sowie die rasch steigende Zahl der Vereinsmitglieder (Ende 1867 bereits 531 Mitglieder) bestätigten die Notwendigkeit weiterer Bemühungen[3]: 1868 Gründung der Vereinsbibliothek, 1869 Einrichtung von abendlichen Unterhaltungsprogrammen, 1870 Ausbildung von Kinderpflegerinnen, 1873 Ausbildung von Krankenpflegerinnen, 1894 Einführung von Erholungs- und Kulturabenden, 1897 Neukonstituierung und Umbenennung in Frauen- Erwerbs-  und Ausbildungsverein (FEAV), 1898 Eröffnung des ersten eigenen Vereinshauses in der Pelzerstraße 8/11 (bisher im Gewerbehaus und in Privathäusern), Eröffnung der Abteilung Waschen und Plätten. In den erweiterten Statuten von 1897 hieß es jetzt:

„Der Verein ‚Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsverein‘ hat den Zweck, die Tüchtigkeit und Erwerbsfähigkeit von Frauen und Mädchen in geistiger und wirtschaftlicher Beziehung zu fördern, ihnen eine theoretische und praktische Ausbildung zu Theil werden zu lassen, um sie für die verschiedenen Anforderungen des Lebens tüchtig und selbständig zu machen.“[4]

1904 wurde ein Seminar für Hauswirtschaftslehrerinnen eingerichtet, 1905 Erweiterung und Neugestaltung der Wirtschaftsschule, 1907 Eröffnung des Haushaltungskurses, Kauf des Grundstücks Pelzerstraße 7, 1909 Frauenschule, 1910 Eintritt in den Frauenstadtbund, 1913 Seminar für Handarbeitslehrerinnen, 1917 Einrichtung einer Lehrwerkstatt und Verkaufsstelle von Kochkisten sowie Einrichtung der Frauendienstschule.

Am 27.Januar 1917 feierte der FEAV sein 50-jähriges Jubiläum mit einer Festveranstaltung im Bremer Gewerbehaus. Lucie Lindhorn (1850 in Bremen – 1919 ebd.), die langjährige Vereinsvorsitzende, legte nach 22 Jahren im Februar ihr Amt nieder und die zweite Vorsitzende Agnes Mathes leitete von nun an den Verein, dessen Vorstand aus 12 Damen bestand. Um den geplanten Ausbau der sozialpflegerischen Berufe zu gewährleisten, wurde Agnes Heineken (1872 in Bremen – 1954 ebd.), die auch die Berechtigung zur Schulvorsteherin erworben hatte, 1918 zur Direktorin aller Bildungsanstalten des FEAV ernannt.

„Der FEAV entwickelte sich unter ihrer Leitung zu einer bis weit über die Grenzen Bremens hinaus bekannten Ausbildungsstätte für Frauenberufe.[5]

Eine qualifizierte Berufsausbildung für Mädchen und Frauen auch im sozialen Bereich gewann in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland immer mehr an Bedeutung: Zum einen baute man das Sozialwesen von staatlicher und privater Seite aus, zum anderen entließ man Frauen aus dem öffentlichen Dienst massenweise, um den heimgekehrten Soldaten die Arbeitsplätze zurückzugeben. Verheiratete Beamtinnen wurden arbeitslos, ebenso wie tausende ehemals in der Kriegswirtschaft beschäftigte Frauen.[6] Agnes Heineken widmete sich dem notwendigen Aufbau weiterer Schulen: 1918 wurde aus der Frauendienstschule die staatlich anerkannte Soziale Frauenschule; 1919 Eröffnung der Allgemeinen Frauenschule und Einrichtung einer einfachen Handelsschule sowie Kursen für erwerbslose Frauen; 1920 Eröffnung des sozialpädagogischen Seminars für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen; Einrichtung von Kindergärten in verschiedenen Stadtteilen; 1921 Einrichtung einer höheren Handelsschule; 1923 Eröffnung der Kinderpflegerinnenschule; 1926 Eröffnung des Gewerbelehrerinnenseminars; 1927 Eröffnung der Handelsmittelschule, der Mütterschule und Kauf der Häuser Contrescarpe 162/164; 1929 Gründung der höheren Fachschule für Frauenberufe. Betont werden muss, dass es sich um private und nicht um staatliche Schulen handelte. Allerdings erhielt der FEAV durch den Gesetzgeber finanzielle Zuschüsse.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde Agnes Heineken am 30.August 1933 bei gekürzter Pension wegen „antinationaler Gesinnung“[7] entlassen. Die Allgemeine Frauenschule, die Soziale Frauenschule, die Kinderpflegerinnenschule sowie die Schule für Kindergärtnerinnen wandelte das NS-Regime in die „Staatliche Fachschule für Frauenberufe“ um. Die Koch-, Näh- und Hauswirtschaftskurse konnte der Verein weiterführen.[8] Während der Bombenangriffe auf Bremen wurden die Häuser an der Contrescarpe (Dez. 1943) und an der Pelzerstraße (Okt. 1944) zerstört. Das Bildungsangebot kam zum Erliegen.[9] Nach dem Krieg, am 24.8.1946, stimmte die US-Militärregierung der Wiederaufnahme der Hauswirtschafts- und Nähkurse zu, der Senator für das Bildungswesen gewährte einen staatlichen Zuschuss von 7.000 DM. Das Angebot umfasste weitere Kurse in Säuglings- und Krankenpflege, Waschen, Plätten und Kochen sowie einen öffentlichen Mittagstisch. Diese Ausbildungen waren nun nicht mehr auf einen Erwerbsberuf hin orientiert, sie dienten der kompetenten Führung eines eigenen Haushaltes. Neben Agnes Heineken wirkten im Vorstand des Vereins Nora Arens, Melitta Franke, Elli Ley (1888 Bremen – 1982 ebd.), Hanni Lohmann (1902 Bremen – 2000 ebd.), Wilma Nolting und Elisabeth Tiedemann.[10]

Der Neubau an der Pelzerstraße ist dem Bremer Architekten Bernhard Wessel (1904 in Bremen – 1976 ebd.) und dem Verhandlungsgeschick Elli Leys zuzuschreiben:

FEAV-Gebäude – Foto: Regina Contzen (2015)

Die beiden Grundstücke an der Contrescarpe gingen gegen Übernahme der Hypotheken an die Stadt Bremen, drei Viertel des Grundstücks an der Pelzerstraße verkaufte der FEAV an die Stadt und aus dem Erlös konnte auf dem verbliebenen Viertel 1951/52 der noch heute stehende Neubau errichtet werden. In einem Staatsvertrag regelte der Verein mit dem Senat die jährlichen Zuschüsse zu den Personalkosten. Denn die Kursgebühren für den hauswirtschaftlichen Schulbetrieb und die Vereinsmittel reichten nicht aus, es mussten ja auch die beiden Schulküchen, das Büro, die Nähklasse, die Waschküche und andere Arbeitsräume mitsamt der Hausmeisterwohnung finanziert werden. Im Vorstand saßen deswegen nun auch für eine begrenzte Zeit drei behördliche Vertreter.[11]

In den folgenden Jahrzehnten passte der Vorstand das Kursangebot den gesellschaftspolitischen Umständen immer wieder an. Arbeitsförderungen für Mädchen zu Bürogehilfinnen, Ausbildung zu Damenschneiderinnen, hauswirtschaftstechnischen Betriebshelferinnen, Hauswirtschaftshelferinnen, Raumausstatterinnen, Fachgehilfinnen im Gastgewerbe und schließlich ab 1989 Deutschkurse für Aussiedlerinnen und EDV-Lehrgänge für „Multifunktionale Bürokommunikation“. Mit dem Wegfall von ABM-Stellen seit 2007 und weiterer staatlicher Unterstützung wurde es für den Verein immer schwerer, Lehrkräfte für das Kursangebot zu finanzieren. Vermietungen von vereinseigenen Räumen sorgten zwar für Einnahmen für die Erhaltung des Hauses, aber das Bildungsangebot konnte trotz der Bemühungen des Vorstands nicht mehr belebt werden.

Am 30.August 2017, 150 Jahre nach der Gründung, beschloss die Mitgliederversammlung des Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsvereins nach jahrelangen Abwägungen die Auflösung des Vereins. Bereits am 18.Januar 2017 fiel der Beschluss, das Vermögen in die Stiftung der Universität Bremen einzubringen und von dort Frauen in Wissenschaft und Forschung zu fördern. Die feierliche Übergabe erfolgte am 2.Mai 2018. Am 1.Januar 2019 ging das Vermögen des FEAV mitsamt dem Schulungsgebäude an die Stiftung der Universität Bremen. Die Erträge aus dem Vermögen werden laut Universitätsleitung und Wissenschaftssenatorin im Sinne der Vereinszwecke des FEAV in zeitgemäßer Form auf akademischem Niveau verwendet.[12]

Gebäude FEAV: Relief – Foto: Regina Contzen (2015)

Das Gebäude Carl-Ronning-Straße 2 steht unter Denkmalschutz. Das Relief in der obersten Fensterreihe zeigt neben der Jahreszahl 1951 eine Frau mit einem Kochtopf auf einem Tablett und eine andere Frau mit einer Schere und einer Stoffbahn als Erinnerung an das hauswirtschaftliche und berufliche Ausbildungsangebot des Vereins.

Neben der Eingangstür erinnert eine Inschrift an die Gründerinnen Marie Mindermann und Ottilie Hoffmann.

Christine Holzner-Rabe
April 2020

Anmerkungen:
[1] Uhlenhaut S.12
[2] ebd. S.22
[3] ebd. S.22, 32
[4] ebd. S.55
[5] ebd. S.72
[6] ebd. S.77, 78
[7] ebd. S.86
[8] ebd. S.87
[9] ebd. S.87
[10] ebd. S.90
[11] ebd. S.92
[12] Mitteilung an die Mitglieder von FEAV, Universität Bremen, Zentrale Kommission für Frauenfragen, Dez. 2019

Literatur und Quellen:
FEAV-Jahresberichte.
Holzner-Rabe, Christine: Von Gräfin Emma und anderen Em(m)anzen, Bremen 2004.
König, Johann-Günther: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981.
Uhlenhaut, Hilda: Frauen- Erwerbs- und Ausbildungsverein Bremen. 125 Jahre Frauenbildung 1867 bis heute. Eine Chronik, Bremen 1992.
Verhandlungen der verfassunggebenden Bremischen Nationalversammlung vom Jahre 1919/20, 2. Mai 1919.
Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft 30.7.1920, 14.7.1922, 9.7.1926, 30.12.1927, 30.5.1930.